Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Ende des Jahres 1998 hatte Hennig die Recherche zu NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung dann so weit gefördert, dass er einzelne kurze Biografien vorstellen konnte. Das war auch sehr sinnvoll, konnte der Verein doch mit diesen Lebensbildern an weitgehend unbekannte Menschen erinnern und damit zugleich für das geplante Mahnmal werben. Die NS-Opfer erhielten damit einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte und machten damit deutlich, für wen das geplante Mahnmal errichtet werden sollte.

So wurde eine Artikelserie in der Rhein-Zeitung mit NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung konzipiert, die bis zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar enden und nach dem 9. November, dem Gedenktag an die Novemberpogrome 1938, beginnen sollte. Damit entstand die erste systematische und kontinuierliche Darstellung von Biografien Koblenzer NS-Opfer.

Die Artikelserie mit den Lebensbildern von acht NS-Opfern aus Koblenz und Umgebung begann in der Koblenzer Ausgabe der Rhein-Zeitung vom 28. Dezember 1998 und endete mit der Ausgabe vom 23./24. Januar 1999.

Die Serie startete mit einem einführenden Beitrag in der Rhein-Zeitung vom 28. Dezember 1998.

Ebenfalls in der Ausgabe vom 28. Dezember 1998 startete die Reihe mit einem Porträt von P. Franz Reinisch von der Schönstatt-Bewegung.

 

Pater Franz Reinisch: "Einem Verbrecher einen Eid leisten? -Niemals."

Während des "Dritten Reiches" wurden im Rheinland viele katholischen Priester, Ordensleute und auch Laien wegen ihres Glaubens verfolgt. Auf ihrem Rücken trugen die Nazis ihren "Weltanschauungskampf" gegen die katholische Kirche aus. Dabei blieben die Priester ohne wirkliche Unterstützung ihrer Kirche. Sie waren "Märtyrer ohne Auftrag".

Unter diesen Opfern nahm Franz Reinisch eine Sonderstellung ein. Er ließ sein Leben für seinen Glauben und war zudem ein entschiedener Gegner des Nationalsozialismus.

1903 in Feldkirch/Österreich geboren studierte er Rechtswissenschaften und Theologie. Er trat in den Pallotiner-Orden ein und kam in den 30er Jahren zur Schönstatt-Bewegung in Vallendar-Schönstatt. Dort gehörte er zum engsten Kreis um deren Gründer Pater Josef Kentenich.

Als Hitler im Jahre 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte, stand für Pater Reinisch bald fest, bei einer Einberufung zum Kriegsdienst den Fahneneid, den Eid auf Hitler persönlich, nicht zu leisten. Schon 1939 sagte er in Schönstatt: "Den Soldateneid auf die nationalsozialistische Fahne, auf den Führer, darf man nicht leisten. Das ist sündhaft. Man würde ja einem Verbrecher einen Eid geben."

Im April 1942 erhielt er den Gestellungsbefehl und verweigerte dann, obwohl er sich immer wieder prüfte, konsequent den Eid. Deshalb machte man ihm drei Monate später vor dem höchsten deutschen Militärgericht, dem Reichskriegsgericht in Berlin, den Prozeß. Die Anklage lautete auf "Zersetzung der Wehrkraft".

Das Verfahren war wie in vielen anderen Fällen eine Farce. Es ging den Richtern - Juristen und hohen Militärs - nicht um die Wahrheitsfindung, sondern nur um ein "Verurteilen" und "Ausmerzen" eines Andersdenkenden. Als Pater Reinisch seine Beweggründe vor dem Reichskriegsgericht darlegen wollte, unterbrach ihn der Vorsitzende mit den Worten: "Halten Sie keine kirchliche Propagandarede. Wir sind kein Kirchengericht, sondern ein Kriegsgericht!"

Das von Anfang an feststehende Urteil lautete auf Todesstrafe und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit. In den Urteilsgründen hob das Gericht zu allem Überfluß auch noch hervor, daß die kirchlichen Oberen nicht zu ihm gestanden hätten. Tatsächlich hatte ihn der Orden wegen seiner Haltung aus der Gemeinschaft ausgeschlossen.

Auch nach dem Urteil ließ sich Pater Reinisch durch niemanden von seiner Überzeugung abbringen, obwohl dies sicherlich sein Leben gerettet hätte. Für die Verweigerung des Eides auf Hitler persönlich starb er den Märtyrertod. In großer Glaubens- und Gewissenstreue hat er den Tod angenommen und dies in seinem selbstverfaßten Sterbelied in die Worte gefaßt: "Auch heute ruft Gott wieder nach einer Heldenschar; drum bringe mich, o Mutter, als Liebesopfer dar." Am 21. August 1942 um 5.03 Uhr wurde Pater Franz Reinisch im Zuchthaus Brandenburg durch das Fallbeil hingerichtet. In dieser Nacht wurden dort insgesamt sieben Todesurteile vollstreckt.

Seine sterblichen Überreste sind neben der Schönstätter Gnadenkapelle beigesetzt. Sein Leben ist in mehreren Büchern beschrieben über ihn beschrieben. Auch sonst ist er nicht vergessen. In Bruchsal, Bad Kissingen, Friedberg bei Augsburg und in einer Wallfahrtskirche bei Schwäbisch-Gmünd erinnern Gedenkplaketten und -tafeln sowie in einer Abteikirche bei Höxter ein Gedenkstein an ihn. Auch Vallendar hat Pater Reinisch nicht vergessen. Vor einem halben Jahr hat der Stadtrat beschlossen, eine der beiden nächsten neuen Straßen nach ihm zu benennen.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 28.Dezember 1998

Die Ausgabe vom 5. Januar 1999 brachte das Lebensbild der Eheleute André und Anneliese Hoevel, kommunistische Widerstandskämpfer:


Andre Hoevel: „Nackt unter Wölfen“

Die politischen Gegner der Nationalsozialisten aus der "Kampfzeit", die Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter, wurden von Beginn der Naziherrschaft an hart und brutal verfolgt. Am schlimmsten traf es die Kommunisten.

Das Ehepaar Andreas (Andre) und Anneliese Hoevel gehört zu den ganz wenigen Widerstandskämpfern, die während der NS-Zeit in Koblenz gelebt haben. Als beide im Sommer 1939 nach Koblenz umzogen, hatten sie schon jahrelange Verfolgungen in Zuchthäusern und Konzentrationslagern erlitten.

Der im Jahr 1900 in Pallien (heute: Trier-Pallien) geborene Andre und die 1898 in Köln-Nippes geborene Anneliese Hoevel lernten sich Ende der 20er Jahre in Berlin kennen. Nachdem Andre in der Buchhaltung bei Opel in Rüsselsheim eine neue Anstellung gefunden hatte, zogen beide nach Wiesbaden. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise schärften beide ihr politisches Bewußtsein. Bald war Andre Mitglied und örtlicher Funktionär der KPD, auch Anneliese trat der KPD bei. Zeitgleich mit der "Machtergreifung" der Nazis wurde Andre aus politischen Gründen von Opel entlassen. Von da ab kämpften beide fast neun Jahre lang gegen den Nationalsozialismus und wurden in all diesen Jahren aufs schlimmste verfolgt.

Andre floh zunächst in das von den Franzosen besetzte Saargebiet. Noch während seines Aufenthalts dort wurde Anneliese im September 1933 wegen illegaler Tätigkeit für die inzwischen verbotene KPD verhaftet und bis Februar 1934 in "Schutzhaft" im Frauen-KZ Moringen gehalten. Wenig später verhaftete man Andre bei dessen Rückkehr nach Wiesbaden und das Oberlandesgericht Kassel verurteilte ihn als "politischer Instrukteur" für die KPD wegen Hochverrats zu einer Freiheitsstrafe. Während er die Strafe in Hameln verbüßte, wurde Anneliese erneut verhaftet und wegen illegaler Tätigkeit für die KPD zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Kurz nach seiner Haftentlassung Mitte 1935 wurde Andre erneut in Haft genommen. Diesmal wurde er einfach ohne Urteil in mehreren KZs (Esterwegen, Sachsenhausen und Buchenwald) in "Schutzhaft" genommen. Unterdessen hatte Anneliese ihre Strafe verbüßt, sie wurde aber auch nicht freigelassen, sondern erneut ins KZ Moringen und später ins KZ Lichtenburg verschleppt.

Zu Weihnachten 1938 entließ man Andre aus dem KZ Buchenwald und zu "Führers Geburtstag" 1939 Anneliese aus dem KZ Lichtenburg. Kaum lebten beide nach vielen Jahren der Trennung und Verfolgung in Berlin zusammen, zogen beide im Sommer 1939 nacheinander nach Koblenz. Ursache war der plötzliche Tod Andres Schwager, Peter Heep, der in Koblenz-Metternich einen Obst- und Gemüsehandel hinterließ. Andre übernahm das Geschäft, bekam es in den Griff und Anneliese folgte ihm.

Von Koblenz aus knüpften beide wieder Kontakte zu alten Freunden und zu KameradInnen, die sie in den KZs kennengelernt hatten. Die Wohnung wurde ein Treff Gleichgesinnter, die Kontakte reichten in den Rheingau, nach Düsseldorf, Duisburg und Berlin. Neben der Erhaltung der eigenen Identität und Überzeugung war man auch nach außen aktiv und trieb vor allem Antikriegspropaganda in die Wehrmacht hinein.

Ende 1941 wurden beide von der Gestapo in ihrer Wohnung in Metternich verhaftet. Das OLG Kassel verurteilte sie wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Verbrechens und wegen Hörens ausländischer Sender zum Tode. Am 28. August 1942 wurden Andre und Anneliese Hoevel innerhalb von fünf Minuten im Gefängnis Frankfurt/M-Preungesheim durch das Fallbeil hingerichtet.

Beide sind unvergessen. In Koblenz ist die Hoevelstraße nach ihnen benannt; in Trier-Pallien gibt es die Andreas-Hoevel-Straße. Vor allem hat Bruno Apitz in seinem bekannten (und auch verfilmten) autobiographischen Roman "Nackt unter Wölfen" Andre Hoevel als Kapo im KZ Buchenwald ein literarisches Denkmal gesetzt.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 05. Januar 1999

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