Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

In der Ausgabe der Rhein-Zeitung vom 2./3. Januar 1999 folgte die Kurzbiografie
des evangelischen Pfarrers Paul Schneider:

Pfarrer Paul Schneider: „... sollst mein Prediger bleiben". Jeremias 15, 19a

Vor und auch während des „Dritten Reiches“ hatte der Protestantismus ein recht enges Verhältnis zur Obrigkeit. Man war dem (protestantischen) preußischen Königs- und Kaiserhaus verbunden und oft patriotisch-nationalkonservativ eingestellt. Zudem formierten sich die „Deutschen Christen“, die Nationalsozialismus und Christentum zu einer Einheit verschmelzen wollten. Gleichwohl gab es  auch Widerständler aus tiefer Religiösität heraus.


Eines dieser (wenigen) Opfer der evangelischen Kirche war der Pfarrer Paul Schneider aus Dickenschied/Hunsrück. 1897 in Pferdsfeld im Soonwald als Sohn eines Pfarrers geboren hatte er schon ein bewegtes Leben hinter sich, als er im Jahre 1934 auf Betreiben der NSDAP im Wege der „Strafversetzung“ auf den Hunsrück zurückkehrte: 1915 Notabitur, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, Examina, Nachfolger seines Vaters als Pfarrer im Kirchenkreis Wetzlar, Heirat, mehrere Kinder, 1933 erste öffentliche Auseinandersetzungen mit den Nazis über Moralvorstellungen, daraufhin Versetzung nach Dickenschied und Womrath.

Schneider wurde Mitglied des Pfarrernotbundes und der Bekennenden Kirche, beides Organisationen „von unten“, um den Einfluß des Nationalsozialismus in den kirchlichen Bereich zu mindern. Schon 1935 bezeichnete der Koblenzer Regierungspräsident  Schneider als „ausgesprochenen Feind des heutigen Staates“ und Anfang 1937 stellte die Gestapo Koblenz fest: „Pfarrer Schneider ist ein fanatischer Anhänger der Bekenntniskirche, der jede Gelegenheit benutzt, um gegen den nationalsozialistischen Staat Stimmung zu machen“.

Am 31. Mai 1937 wurde er zu Hause verhaftet und in das Gestapo-Gebäude „Im Vogelsang 1“ in Koblenz eingeliefert. Nach knapp zwei Monaten ließ man ihn frei, wies ihn aber gleichzeitig aus dem Rheinland aus. Er ließ sich von den Nazis nicht von seinen Gemeinden trennen. Am Erntedankfest desselben Jahres kehrte er nach Dickenschied zurück. Abends, auf dem Weg zum Gottesdienst in Womrath, wurde er wieder in „Schutzhaft“ genommen. Da Schneider weiterhin seinen Ausweisungsbefehl nicht akzeptierte, war sein Schicksal bald besiegelt.

Am 27. November 1937 wurde er ins KZ Buchenwald bei Weimar verschleppt. Bald kam es zu einem Zwischenfall, mit dem sein eigentlicher Leidensweg begann: Er lehnte es ab, die Hakenkreuzfahne zu grüßen. Sogleich wurde er auf den Prügelbock geschnallt und mit Stockhieben schwer mißhandelt. Danach kam er in eine Arrestzelle im „Bunker", den er 14 Monate nicht mehr verließ. Immer wieder rief er von dort aus den auf dem Appellplatz angetretenen tausenden von Häftlingen Bibelsprüche zu und prangerte die Mißhandlung und Tötung von Häftlingen an. Jedesmal wurde er mit 25 Stockhieben auf dem „Bock“ und verschärften Haftbedingungen  bestraft, aber der „Prediger von Buchenwald“ (so sein Ehrenname) ließ sich von seinen Glaubensbezeugungen und Anklagen nicht abbringen. Am 18. Juli 1939 kam er ums Leben.

Seine Beerdigung in Dickenschied war eine machtvolle Demonstration der Bekennenden Kirche, obwohl Paul Schneider mit seinem Mut und seiner Gradlinigkeit auch in ihr ein Außenseiter war.

Pfarrer Schneider ist unvergessen. Dokumentationen und Biographien berichten über ihn, auch halten viele Augenzeugen, vor allem seine heute 94jährige sehr rüstige Witwe Margarete Schneider, die Erinnerung an ihn  wach. Außerdem gibt es eine Paul-Schneider-Gemeinde in Weimar und eine Paul-Schneider-Gesellschaft. U.a. in Koblenz ist eine Straße nach ihm benannt, in Neuwied trägt eine Schule seinen Namen.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 2/3. Januar 1999

In der Rhein-Zeitung vom 7. Januar 1999 folgte das Kurzporträt der Widetständlerin Maria Terwiel:

 

Maria Terwiel: "Hart werden! Fest bleiben!"

Widerstand gegen den Nationalsozialismus kam nicht nur aus den traditionellen politischen und gesellschaftlichen Gruppierungen. Vielmehr schlossen sich engagierte, humanistisch gesinnte Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft und weltanschaulicher Tradition zu Widerstandsorganisationen und -gruppen zusammen. Eine solche sehr bedeutende war die Harnack/Schulze-Boysen-Organisation, die von den Nazis "Rote Kapelle" genannt wurde.

Eine der zahlreichen Frauen dieser Organisation war die im Jahre 1910 in Boppard/Rhein geborene Maria Terwiel. Ihr Vater, Dr. Johannes Terwiel, hatte nach seinem Studium in Bonn eine Stelle als Lehrer am Lehrerseminar in Boppard angenommen. Die Familie blieb aber nicht lange am Mittelrhein. Kaum war Maria ein Jahr alt, wurde der Vater an Lehrerseminare in der damaligen Provinz Posen versetzt. Nach dem verlorenen Krieg kam er wieder in den Westen zurück und wurde Prorektor am Lehrerseminar in Wittlich. Danach war er Schulrat beim Regierungspräsidium Köln und Regierungsdirektor und Dirigent der Schulabteilung der Regierung Düsseldorf. Schließlich ernannte man ihn zum Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in Pommern. Maria Terwiel ging in Wittlich und Düsseldorf zur Schule und machte 1931 in Stettin ihr Abitur. Danach studierte sie in Freiburg i. Br. und München Rechtswissenschaft.

Nach der "Machtergreifung" verschlechterte sich die Lage der Familie entscheidend. Wegen seiner Zugehörigkeit zur SPD wurde der Vater wegen "politischer Unzuverlässigkeit" entlassen und in den Ruhestand versetzt. Maria Terwiel - wegen ihrer Mutter "Halbjüdin" - brach ihr Studium ab, als sie feststellen mußte, daß sie im Zuge der "Nürnberger Rassengesetze" nach dem Studium keine Stelle als Referendarin erhalten werde.

Sie ging nach Berlin und arbeitete in einem französisch-schweizerischen Textilunternehmen. In der Hauptstadt lebte sie mit ihrem Lebensgefährten, dem Zahnarzt Helmut Himpel, zusammen. Wegen der Rassengesetze war beiden eine Heirat unmöglich. Durch einen Patienten Himpels erhielten sie Kontakt zur Gruppe um Harro Schulze-Boysen.

Beide nahmen dann an unterschiedlichen Aktionen dieser Organisation teil. Im Vordergrund ihrer illegalen Arbeit stand die Verbreitung von Schriften und Flugzetteln. Besonders wichtig war die von beiden durchgeführte Aktion zur Verbreitung der berühmten Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen (" Hart werden! Fest bleiben! Wir sind in diesem Augenblick nicht Hammer, sondern Amboß..."). Dieser hatte sich 1941 gegen die Unterdrückung der Kirche und gegen die als sog. Euthanasie getarnten Morde an Geisteskranken gewandt. Maria Terwiel schrieb diese Predigten auf der Schreibmaschine mit mehreren Durchschlägen ab und versandte sie.

Im September 1942 wurden Maria Terwiel und Helmut Himpel verhaftet und am 26. Januar 1943 wegen "Hochverrat und Feindbegünstigung" vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Helmut Himpel wurde am 13. Mai 1943 getötet. Maria Terwiel folgte ihm am 5. August 1943 in den Tod. Sie wurde in Berlin-Plötzensee hingerichtet und mit ihr weitere Widerstandskämpferinnen, wie es hieß "im Interesse der Kostenersparnis". Die Ablehnung des Gnadengesuchs trägt Hitlers eigenhändige Unterschrift.

Maria Terwiel ist wie auch die anderen Mitglieder der "Roten Kapelle" nicht vergessen. Neben mehreren (kürzeren) Biographien erinnert u.a. die Maria-Terwiel-Straße in ihrer Geburtsstadt Boppard an diese christliche Widerstandskämpferin.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 07. Januar 1999

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