Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

In der Ausgabe vom 20. Januar 1999 folgte ein Porträt des Sinto-Jungen Michael Böhmer:

 

Michael Böhmer: „... ich war erst zehn Jahre alt...“

Ein ähnliches Schicksal wie die Juden erlitten im ,,Dritten Reich“ die sog. Zigeuner, d.h. die Sinti und Roma. Obwohl sie in den ,,Nürnberger Gesetzen“ von 1935 nicht ausdrücklich erwähnt waren, galten auch sie schon sehr bald als ,,rassisch minderwertig“ in diesem Sinne. Auch ihr Weg führte zur Deportation und in die Gaskammern von Auschwitz.

Ein solcher Mitbürger von Koblenz war der 1930 in einem Dorf bei Morbach/Hunsrück geborene Michael Böhmer, geb. Reinhardt. Um die Sintis - Roma gab es im Westen kaum - besser überwachen zu können, konzentrierte man die im hiesigen Raum lebenden in Koblenz. Michaels Familie zog deshalb 1937/38 nach Koblenz in die Wöllersgasse. Damit hörte für den kleinen Michael die Freiheit und Ungebundenheit auf. Durch ,,Rassegutachten" wurde die „Zigeuner-Zugehörigkeit“ festgestellt und aufgrund Himmlers „Festschreibungserlasses“ von Oktober 1939 entstanden die ersten Sammellager. Die Sinti in Koblenz konnten aber wenigstens wohnen bleiben, wenn die Erwachsenen eine feste Arbeit nachzuweisen vermochten.

Ungeachtet dieser Maßnahmen hatte Michael doch einige ganz gute Jahre in Koblenz. Er ging gern zur Schule - er besuchte die Volksschule Bassenheimer Hof - und war stolz darauf, lesen und schreiben zu lernen. Gern wäre er Automechaniker geworden - doch dann kam dieser furchtbare 17. Mai 1940, der alles zerstörte.

Ende April 1940 befahl Himmler die Deportation von 2.500 „Zigeunern“ aus Nord- und Westdeutschland in das von den Nazis besetzte Polen („Generalgouvernement“). In Ausführung des Erlasses wurden etwa 10 in Koblenz lebende ,,Zigeuner“familien ( 77 oder 78 Männer, Frauen und Kinder) aus ihren Wohnungen herausgeholt, in der Thielenschule gesammelt und mit Lastwagen nach Köln transportiert. Dort war die zentrale Sammelstelle für Westdeutschland. Mit den anderen wurde der kleine Michael in Waggons in den Osten deportiert.

Die Familie kam in das Judenghetto nach Chelze. Michaels Vater, sein älterer Bruder und er selbst mußten in einem Steinbruch arbeiten. Sein Bruder und seine Schwester bekamen bald (Hunger-)Typhus und hatten keine Chance, damit im Ghetto zu überleben. Der l0jährige Michael mußte wie ein Erwachsener arbeiten, er litt sehr unter Hunger und der harten und schweren Arbeit. Wahrscheinlich war es aber seine Fähigkeit zu arbeiten, die ihn vor dem Tod bewahrte. lm Winter 1944/5 wurde er von den Russen befreit.

Michael Böhmer kehrte dann nach Koblenz zurück. Während sich seine Verwandten hier wieder niederließen, zog er bald mit seiner Ehefrau nach Darmstadt.

Seine Frau und ihre Familie waren Opfer der zweiten Deportation der Sinti und Roma geworden. Sie wurden wie viele andere auch aufgrund des ,,Auschwitz-Erlasses" Himmlers von Dezember 1942 in das KZ Auschwitz deportiert. Dort, in einem Teilbereich des KZ Auschwitz-Birkenau, war ein spezielles „Zigeunerlager“ eingerichtet worden. In ihm sind bis zu seiner „Liquidation“ im August 1944 etwa 30.000 Sinti und Roma umgebracht worden, darunter auch Frau Böhmers ganze Familie. Dem Tod entrann sie nur, weil die NS-Kriegswirtschaft sie als „Arbeitssklavin“ ausbeuten konnte. Man verschleppte sie ins Frauen-KZ Ravensbrück und dann zu Zwangsarbeit bei den „Arado“-Werken in Wittenberg/Elbe. Dort mußte sie Flugzeugteile zusammenbauen.

Michael Böhmer lebt seit vielen Jahren als kranker Mann und mit einer sehr kleinen Rente zusammen mit seiner Frau in Darmstadt. Frau Böhmer bemüht sich zur Zeit um eine Entschädigung für die geleistete Zwangsarbeit. Ob und ggfls. wann sie Erfolg haben wird?

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 20. Januar 1999

Die Artikelserie endete in der Rhein-Zeitung vom 23./24. Januar 1999 mit einer Kurzbiografie
von Pfarrer Friedrich Erxleben:

 

Friedrich Erxleben:  „Mut, Leidenschaft, Heiterkeit - das war sein Vermächtnis“.

Der „große“ Widerstand gegen Hitler formierte sich (erst sehr spät) um das Attentat am 20. Juli 1944. Gewisse Beziehungen hierzu hatten Mitglieder des sog. Solf-Kreises. Dieser Kreis plante aber keine Attentate und arbeitete keine Entwürfe für eine neue Staats- und Gesellschaftsordnung aus. In ihm formierte sich bürgerliche Regimekritik und es entstand ein Netz von „Sympathisanten“ für die Zeit nach Hitler.

Zu dem Kreis gehörte auch der Armeepfarrer a. D. und Professor der Philosophie Friedrich Erxleben. Er wurde im Jahre 1883 in Koblenz geboren. Kurz zuvor war sein Vater zugezogen und Teilhaber eines privaten Bankinstituts geworden. Hier besuchte er die Schule bis zum Abitur und ließ sich als Sänger und Violinvirtuose ausbilden. Nach seinem Studium der Theologie und Philosophie in Trier, Wien, Heidelberg, Innsbruck und Rom und anschließender Promotion in beiden Fakultäten war er Priester im Bistum Trier. Als Armee-Oberpfarrer und Divisionspfarrer nahm er am Ersten Weltkrieg teil, wurde zweimal verwundet und war nach dem Krieg in Berlin als Seelsorger tätig. Daneben war er Dozent an den Universitäten Prag und Wien für vergleichende Religionswissenschaften, Professor für alte Sprachen im Jesuitenkolleg in Rom sowie Experte für asiatische Kultur; auch war er ein hervorragender Tenor und Oratoriensänger. Er hatte Freundschaften mit Persönlichkeiten aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, u.a. mit dem „Großstadtapostel“ Carl Sonnenschein, dem 1945 von den Nazis ermorderten Pazifisten Ernst Thrasolt, dem französischen Diplomaten Andre Francois-Poncet, dem liberalen Reichstagsabgeordneten Theodor Heuss und dem Schriftsteller Carl Zuckmayer.

Daneben nahm Friedrich Erxleben regelmäßig an den Teegesellschaften im Hause des ehemaligen Diplomaten Wilhelm Solf teil. Nach Solfs Tod setzte seine Frau Johanna diese Tradition fort. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, der auch vielen Juden und politisch Verfolgten half. Im Laufe der Zeit gelang es der Gestapo, dort einen Spitzel einzuschleusen. Er bezeichnete Erxleben als die „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“. Im Mai 1944 wurde er verhaftet, bei Verhören schwer mißhandelt und, wie er später einen Freund mitteilte, „wochenlang in einen Käfig gesperrt, in dem er weder sitzen, liegen noch stehen konnte“. Dann verlegte man Erxleben ins KZ Sachsenhausen und schließlich in das Gestapo-Gefängnis Lehrter Straße in Berlin.

Man machte ihm mit anderen Mitgliedern des Solf-Kreises vor dem Volksgerichtshof den Prozeß u.a. wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung; ihm drohte die Todesstrafe. Der Verhandlungstermin wurde wiederholt verschoben, zuletzt - wegen der Bombardierung des Volksgerichtshofs und des Todes seines Präsidenten Freisler, des „Mörders in der roten Robe“ - auf den 28. April 1945. Vier Tage vorher wurde er mit anderen Gefangenen von russischen Truppen aus dem Gefängnis befreit.

1946 kehrte Friedrich Erxleben an Rhein und Mosel zurück und übernahm trotz fortdauernder Schmerzen und Behinderungen im Juni 1946 die Pfarrei in Müden/Mosel. Hier besuchte ihn im Jahre 1949 der erste Bundespräsident der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland Theodor Heuss offiziell zusammen mit dem Schriftsteller Carl Zuckmayer. Weitere private Besuche folgten. 1951 ließ sich Erxleben in den Ruhestand versetzen und zog nach Linz/Rhein. Er starb 1955 und wurde auf seinen Wunsch im Priestergrab in Müden/Mosel beigesetzt. Das Vermächtnis Erxlebens formulierte sein langjähriger Freund Carl Zuckmayer so: „Mut, Leidenschaft und Heiterkeit“.

Joachim Hennig in Rhein-Zeitung vom 23/24 Januar 1999

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