Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de



Widerstand von Sozialdemokraten
Anders als die KPD verfolgte die SPD eine legalistische Opposition, die der Verteidigung der Republik dienen sollte. Gleichwohl setzte dann auch gegen sie die Verfolgung ein. Insbesondere nach dem Verbot der SPD am 22. Juni kamen auch in Koblenz zahlreiche SPD-Leute in „Schutzhaft“. Bekannt ist dies etwa für den Vorsitzenden des Unterbezirks Koblenz und Gewerkschafter Johann Dötsch aus (Koblenz-)Metternich. Dieser Terror der Nazis zeigte aber bei vielen Sozialdemokraten im Koblenzer Raum Wirkung dergestalt, dass sie sich ins Private zurückzogen und nur noch losen, geselligen Kontakt zu früheren Genossen hielten.
In Bendorf/Rhein hingegen gab es eine aktive Widerstandsgruppe von Sozialdemokraten und Gewerkschaftern. Zu ihr gehörte der frühere Leiter der Bürgerschule in Bendorf Dr. Hans Bauer. Er war dort vor 1933 aktiv für das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“, das die Weimarer Republik vor ihren Feinden schützen wollte, sowie in der Deutschen Staatspartei und dann in der SPD. Alsbald nach der „Machtergreifung“ wurde er aufgrund seiner republikanischen, demokratischen Gesinnung wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ gemäß § 4 des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ aus dem Dienst entfernt. Er und zwei Gewerkschafter, Anton Gelhard aus Bendorf-Mülhofen (Gelhard I) und Anton Wilhelm Gelhard aus Bendorf (Gelhard II), hielten weiterhin Kontakt zu dem früheren Gewerkschaftssekretär Ernst Rebber, der inzwischen ins Saargebiet emigriert war. Sie standen auch in Verbindung mit dem nächstgelegenen Grenzsekretariat der SOPADE (Sozialdemokratische Partei Deutschlands, dem Vorstand der Exilpartei) und verbreiteten illegale Literatur. Am 18. März 1935 wurden zunächst Gelhard I und dessen Ehefrau Anna festgenommen, am 5. Juni 1935 auch Dr. Bauer und Gelhard II. Der briefliche Kontakt zu Rebber und eine Reise Bauers mit Fahrrad und Zug, um in Saarbrücken Rebber aufzusuchen, waren für das Oberlandesgericht Hamm Vorbereitung zum Hochverrat. Daraufhin bestrafte es mit Urteil vom 18. Dezember 1935 Dr. Bauer und Gelhard I mit je zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus, Gelhard II mit zwei Jahren und vier Monaten Zuchthaus sowie Frau Gelhard mit sechs Monaten Gefängnis. Die Strafe verbüßte Bauer in den Zuchthäusern Rheinbach und Siegburg. Anschließend kam er aber nicht frei, sondern wiederum in „Schutzhaft“, zunächst im Polizeigefängnis in Koblenz und dann ab dem 11. August 1938 im Konzentrationslager Buchenwald. Ein ganz ähnliches Schicksal haben die beiden Gelhard erlitten. Auch sie ließen die Nazis nach der Verbüßung der Zuchthausstrafe nicht frei, sondern nahmen sie in „Schutzhaft“. Gelhard I war zunächst im KZ Dachau und dann im November 1944 im KZ Buchenwald. Gelhard II wurde wie Hans Bauer 1938 ins KZ Buchenwald verschleppt. So kam es, dass alle drei Bendorfer die letzte Zeit ihrer KZ-Haft in Buchenwald verbringen mussten und dort auch befreit wurden. Am Tag nach der Befreiung proklamierten sie mit anderen Häftlingen das „Manifest der demokratischen Sozialisten des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald“ für „Freiheit, Frieden, Sozialismus!“. In ihm heißt es u.a:
„Solange Faschismus und Militarismus in Deutschland nicht restlos vernichtet sind, wird es keine Ruhe und keinen Frieden bei uns und in der Welt geben. Unsere ersten Anstrengungen müssen darauf gerichtet sein, alle gesellschaftlichen Erscheinungen dieser blutigen Unterdrückung des Lebens für immer zu beseitigen.“


Widerstand im Bereich der Evangelischen Kirche
Der Widerstand im Bereich der Evangelischen Kirche war nicht sehr umfänglich. Der Protestantismus war von jeher eng mit der Obrigkeit und speziell dem preußischen Königs- und Kaiserhaus verbunden („Thron und Altar“). Nicht wenige Gruppierungen standen dem Nationalsozialismus recht nahe, am nächsten die „Deutschen Christen“, die auch in Koblenz stark vertreten waren. Selbst die „Bekennende Kirche“, die man bisweilen zum Widerstand zählt, war mehr auf Selbstbehauptung und reine Seelsorge beschränkt als auf aktiven Widerstand gegen das NS-Regime. Widerstand im eigentlichen Sinne kam nur von relativ wenigen Einzelnen. Bekannt sind vor allem der Theologe und Studentenpfarrer Dietrich Bonhoeffer, Pastor Martin Niemöller und Pfarrer Paul Schneider. Nicht allgemein bekannt ist, dass Pfarrer Paul Schneider, der „Prediger von Buchenwald“, starke Bezüge zum Koblenzer Raum hatte.
Schneider war ein Mann des Hunsrücks. 1897 in Pferdsfeld im Soonwald als Sohn eines Pfarrers geboren, hatte er schon ein bewegtes Leben hinter sich, als er im Jahre 1934 auf Betreiben der NSDAP im Wege der Strafversetzung auf den Hunsrück zurückkehrte: 1915 Notabitur, Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg, Examina, Nachfolger seines Vaters als Pfarrer im Kirchenkreis Wetzlar, Heirat, mehrere Kinder, 1933 erste öffentliche Auseinandersetzung mit den Nazis und dann – Womrath und Dickenschied, Versetzung an zwei kleine Gemeinden bei Kirchberg im Hunsrück. Er war Mitglied des „Pfarrernotbundes“ und der „Bekennenden Kirche“. Schon 1935 bezeichnete der Koblenzer Regierungspräsident Pfarrer Schneider als „ausgesprochenen Feind des heutigen Staates“. Anfang 1937 stellte die Gestapo Koblenz fest: „Pfarrer Schneider ist ein fanatischer Anhänger der Bekenntniskirche, der jede Gelegenheit nutzt, um gegen den nationalsozialistischen Staat Stimmung zu machen.“ Am 31. Mai 1937 wurde er zu Hause verhaftet und in das Koblenzer Gestapogefängnis in der heute noch so genannten Straße „Im Vogelsang“ gebracht. Nach knapp zwei Monaten ließ man ihn wieder frei, wies ihn aber gleichzeitig aus dem Rheinland aus. Schneider ließ sich aber nicht auf Dauer von seinen Gemeinden trennen. Am Erntedankfest 1937 kehrte er nach Dickenschied zurück. Abends, auf dem Weg zum Gottesdienst nach Womrath, wurde er wieder in „Schutzhaft“ genommen. Diesmal kam er ins Gefängnis im Koblenzer Polizeipräsidium. Dort blieb er knapp zwei Monate, schrieb Briefe an seine Frau und schmuggelte selbst angefertigte Zeichnungen über seine Haftsituation für seine Kinder nach draußen.
Am 27. November 1937 wurde er ins KZ Buchenwald verschleppt. Weil er – wie er sagte – die „Mörderfahne“ der Nazis nicht grüßen wollte, wurde er mit Schlägen auf dem Prügelbock und mit Arrest im „Bunker“ bestraft. 14 Monate verließ er den Bunker nicht mehr. Immer wieder rief er von dort aus den auf dem Appellplatz angetretenen Tausenden von Häftlingen Bibelsprüche zu und prangerte die Misshandlung und Tötung von Gefangenen an. Jedes Mal wurde er mit Stockhieben auf dem „Bock“ und verschärften Haftbedingungen bestraft. Aber der „Prediger von Buchenwald“ ließ sich von seinen Glaubensbezeugungen, Anklagen und Stärkungen für seine Mithäftlinge nicht abbringen. Am 18. Juli 1939 starb er in Folge einer ärztlichen Behandlung. Seiner Witwe gelang es, seine sterblichen Überreste überführen zu lassen. Die Beerdigung Paul Schneiders in Dickenschied war eine eindrucksvolle Demonstration.

Widerstehen im Bereich der Katholischen Kirche
Anders als die Evangelische Kirche hat die Katholische Kirche im Rheinland oft in Distanz zur preußischen Obrigkeit gestanden. Von daher war sie auch für den Ende der Weimarer Republik aufkommenden Nationalsozialismus nicht so anfällig wie die evangelische Kirche, sondern lehnte ihn und seine Repräsentanten richtiggehend ab. Dies änderte sich allerdings nach dem Abschluss des Reichskonkordats (mit dem Heiligen Stuhl) am 20. Juli 1933. Die Nazis andererseits hielten sich von Anfang an lediglich opportunistisch und sporadisch an diesen Vertrag. Das Konkordat hielt sie nicht davon ab, schon bald einige exponierte Vertreter des politischen Katholizismus im Zuge der so genannten Röhm-Affäre Ende Juni 1934 zu ermorden bzw. weitere Vertreter und Ordensleute mit Strafprozessen zu überziehen und sie damit zu kriminalisieren und lächerlich zu machen. Beschränkungen und Verbote der kirchlichen Jugendarbeit und Behinderungen der Seelsorge waren im Rheinland an der Tagesordnung. Hiergegen gab es einen starken Selbstbehauptungswillen der katholischen Kirche, ihrer Priester und auch ihrer Gemeindeangehörigen, aber keinen Widerstand in dem hier verstandenen engeren Sinne. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges erhielt die Verfolgung gerade des niederen Klerus dann eine neue Dimension. Relativ viele katholische Priester und Ordensgeistliche kamen in „Schutzhaft“, gerade auch aus Koblenz und Umgebung. Aber auch das rief im Großen und Ganzen keinen Widerstand hervor – abgesehen von der später im Rahmen des Jugendwiderstandes noch darzustellenden „Michaeltruppe“ aus Kruft/Andernach, die in ganz ungewöhnlicher Weise widerständig war.
Ganz massiven, individuellen Widerstand hingegen leistete ein Ordensgeistlicher der Schönstatt-Bewegung aus Vallendar-Schönstatt. Der 1903 in Tirol geborene Franz Reinisch, war schon einige Jahre zum Priester geweiht, als er 1934 zum ersten Mal in Schönstatt, dem Gründungs- und Wallfahrtsort der Schönstatt-Bewegung, weilte. Diese Reformbewegung innerhalb der katholischen Kirche prägte Reinisch entscheidend, und er kam nach verschiedenen Tätigkeiten erst wirklich zur Ruhe, als er im November 1938 nach Schönstatt versetzt wurde Er war dort in der Männerseelsorge tätig und gehörte zum engsten Kreis um Pater Josef Kentenich, dem Gründer der Schönstatt-Bewegung.
Mit besonderer Aufmerksamkeit beobachteten und mit besonderer Härte verfolgten die Nazis und ihre Helfer diese Bewegung. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges nahm die Repression in Schönstatt und gegen die Schönstätter zu. Am 12. September 1940 verhängte das Geheime Staatspolizeiamt (Gestapa) in Berlin gegen Pater Reinisch, der von Beginn an ein Gegner des Nationalsozialismus war, ein für das gesamte Reich geltendes Rede- und Predigtverbot. Zur Begründung hierfür wurden zwei Predigten von April und Juni 1940 angeführt. In ihnen hatte er im Rahmen der Männerseelsorge den unchristlichen Charakter des Nationalsozialismus hervorgehoben, ihn der „grundsätzlichen Lüge“ bezichtigt und die Männer zur Treue und zum Gehorsam gegenüber dem christlichen Glauben, der Kirche und ihren Vertretern aufgerufen. Pater Reinisch litt unter dem Verbot schwer, ließ sich aber nicht unterkriegen. Auch dann noch reiste er durch Deutschland und hielt vor kleinen Gruppen Vorträge. In jenen Jahren hatte er sich speziell auch mit der Verweigerung des Soldateneides und damit des Wehrdienstes im Nationalsozialismus beschäftigt. Schon 1939 soll er in Schönstatt gesagt haben: „Den Eid, den Soldateneid auf die nationalsozialistische Fahne, auf den Führer, darf man nicht leisten. Das ist sündhaft. Man würde ja einem Verbrecher einen Eid geben.“ sowie: „Unser Gewissen verbietet uns, einer Obrigkeit zu folgen, die nur Mord und Totschlag in die Welt bringt um der lüsternen Eroberung willen. Man darf diesem Verbrecher keinen Eid leisten.“
Als er im April 1942 den Gestellungsbefehl erhielt, meldete er sich verspätet zum Dienstantritt und verweigerte umgehend den Eid. Obwohl von verschiedenen Seiten versucht wurde, ihn umzustimmen, blieb er bei seiner von vornherein getroffenen Entscheidung. Drei Monate später stand er vor dem höchsten deutschen Kriegsgericht, dem Reichskriegsgericht in Berlin. Der Prozess war eine Farce und das von Anfang an feststehende Urteil lautete auf Todesstrafe und Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte auf Lebenszeit.
Auch nach dem Urteil ließ sich P. Reinisch durch niemanden von seiner Überzeugung abbringen, obwohl dies sicher sein Leben gerettet hätte. In großer Glaubens- und Gewissenstreue hat er den Tod angenommen und dies in seinem selbst verfassten Sterbelied in die Worte gefasst:
„Auch heute ruft Gott wieder nach einer Heldenschar, drum bringe mich, o Mutter, als Liebesopfer dar.“
Für P. Reinisch selbst war das weniger Widerstand (nach unserem heutigen Verständnis) als vielmehr Treue zu seinem Gewissen, seinem Glauben und zur Dreimal Wunderbaren Gottesmutter – bis zur letzten Konsequenz, bis zum von vornherein absehbaren Tod unter dem Fallbeil am 21. August 1942 im Zuchthaus Brandenburg.

Widerstehen von Zeugen Jehovas
Während P. Franz Reinisch einer der ganz wenigen Geistlichen war, der den Fahneneid auf Hitler persönlich verweigerte und dafür hingerichtet wurde, war eine solche Glaubenstreue bei den Zeugen Jehovas eine geradezu typische Haltung. Die weitaus meisten bekannten Todesurteile des Reichskriegsgerichts wegen Verweigerung des Kriegsdienstes und des Fahneneides sind gegen Zeugen Jehovas ergangen. 250 bis 300 von ihnen sind dann auch tatsächlich wegen ihres Glaubens hingerichtet worden.
Mit den Eides- und Kriegsdienstverweigerungen traten diese Zeugen Jehovas am konsequentesten und folgenschwersten für ihren Glauben ein. Auch unterhalb dieser Schwelle nahmen sie wegen ihres Glaubens schwere und schwerste Repressalien auf sich. Von den 25.000 Zeugen Jehovas, die Anfang der 1930er Jahre im Deutschen Reich lebten, wurden ungefähr 10.000 – das waren 40% aller Zeugen Jehovas – für eine unterschiedlich lange Dauer inhaftiert. Von ihnen wurden über 2.000 – das waren mehr als 8% aller Zeugen Jehovas – in ein Konzentrationslagern eingewiesen. Die Zahl der Todesopfer unter den deutschen Zeugen Jehovas lag bei 1.200 Personen, das waren 5% aller Zeugen Jehovas; davon wurden ungefähr 250 aufgrund einer wehrmachtsgerichtlichen Verurteilung wegen Kriegsdienstverweigerung hingerichtet, das war 1% aller deutschen Zeugen Jehovas.
Das sind im Vergleich zu anderen Gruppen sehr hohe Zahlen von Opfern des Nationalsozialismus. Nicht alle von ihnen gehörten indessen zu dem hier speziell beschriebenen Bereich des Widerstandes bzw. des widerständischen Verhaltens. Das Handeln der Zeugen Jehovas im Allgemeinen war oft kein Widerstand im engeren Sinne. Ihr Leben und Tun war religiös motiviertes Gegenhandeln. Es war Bekenntnis zum Glauben und zur Glaubensgemeinschaft, das unter den Bedingungen des NS-Regime zur Verfolgung wurde. Gleichwohl zeigte diese kleine aus Glaubensgründen völlig staatsferne und unpolitische Gemeinschaft etwa in zwei 1936 und 1937 schlagartig durchgeführten Flugblattaktionen großen Mut und auch politischen Instinkt, als sie die Bevölkerung im ganzen Reichsgebiet über den verbrecherischen Charakter des NS- Regimes aufzuklären versuchte. Wie fließend die Übergänge zwischen Resistenz, Selbstbehauptung und Widerstand in diesem Bereich sein können und tatsächlich auch waren, zeigt das Schicksal von Liesbeth Michaelis.
Zusammen mit ihrem Mann Fritz gehörte sie seit den 20er Jahren den „Ernsten Bibelforschern“, wie die Zeugen Jehovas damals noch hießen, an. Als die Nazis 1933 die Macht übernahmen, waren sie in Neuwied, eine von wenigen Gemeinschaften in der Region Koblenz, als hauptamtliche „Pioniere“ tätig. Nach einem für Fritz Michaelis glimpflich verlaufenen Ermittlungsverfahren wurden die Eheleute zusammen mit weiteren Zeugen am 31. August 1936 festgenommen und in Koblenz monatelang in Untersuchungshaft gehalten. Man machte ihnen und 19 anderen den Prozess allein deshalb, weil sie Zeugen Jehovas waren, deren Schriften besaßen und sich mit ihnen versammelt hatten. Hierin sahen die Nazis ein staatsfeindliches Verbrechen. Das in Koblenz tagende Sondergericht Köln verurteilte Fritz Michaelis als „Haupt der Zeugen Jehovas im Rheinland“ zu 16 Monaten und seine Frau Liesbeth zu sechs Monaten Gefängnis. Nach der Haft ließ man ihn nicht frei, sondern er wurde von der Gestapo in „Schutzhaft“ genommen und ins KZ Dachau verschleppt; dort kam er nach offiziellen Angaben am 18. April 1939 um.
Liesbeth Michaelis ging nach der Haft in Koblenz zurück nach Berlin, wo sie geboren war. Sie heiratete wiederum einen Zeugen Jehovas, der ebenfalls ein schweres Schicksal hinter sich hatte und schon bald erneut verfolgt wurde. Frau Michaelis, inzwischen wiederverheiratete Seling, schloss sich in Berlin einer großen Gruppe von Zeugen Jehovas an, die in der Illegalität sehr aktiv war. Sie war u.a. Kurier und stand in Kontakt zu Glaubensbrüdern in den Außenkommandos der KZ Ravensbrück und Sachsenhausen. Auch versteckte sie mit anderen drei fahnenflüchtige junge Zeugen Jehovas. Deswegen wurde sie nach langer Untersuchungshaft vom Kammergericht in Berlin wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Erst bei Kriegsende wurde sie im Frauengefängnis Leipzig befreit.

Widerstand von Jugendlichen
Unterdessen wurden die traditionellen Jugendbünde, die der Arbeiterjugend, der konfessionellen Jugend und der bündischen Jugend, entweder – wie die der Arbeiterjugend – sehr früh oder – wie die konfessionellen Jugendverbände – erst nach einer Phase des Hinhaltens und Einschränkens verboten. Verboten wurden sie aber alle. Es sollte nur noch die Hitler-Jugend als Staatsjugend geben. Das Jugenddienstpflichtgesetz von 1936 erklärte die HJ zur Reichsjugend und schrieb ihr das alleinige Jugenderziehungsrecht außerhalb von Schule und Elternhaus zu. Von diesem Ansatz her hatten die Jugendverbände keine Existenzberechtigung mehr.
Lebensweisen, Haltungen, Gedankengut konnten die Nazis aber nicht einfach verbieten. Das galt auch für den Bereich der Jugend. Allerdings gab es nach den Verboten der einzelnen Jugendverbände keine geschlossenen großen Gruppen mehr, sondern nur noch informelle, die die Tradition der früheren Jugendbünde pflegten. Im Laufe des Krieges bildeten sich auch ganz autonome Gruppen wie die Swing-Jugend und die bekannten Edelweißpiraten, die teilweise über die Resistenz zum Widerstand gegen das NS-Regime fanden. Ein Beispiel von widerständischem Verhalten ist der aus Andernach stammende Edgar Lohner. Er war als Schüler in den konfessionellen bündischen (teilweise waren die Übergänge fließend) Jugendverbänden groß geworden, war Mitglied der katholischen „Quickborn-Jungenschaft“ und des Jugendbundes „Neudeutschland“. Dann schloss er sich in Bonn, wo er alsbald zur Schule ging, einer bündischen Gruppe an. Diese veranstaltete Lager und Fahrten nach bündischer Art, insbesondere wiederholt Lager im Westerwald, die – wie es später dazu hieß – nach rein bündischem Muster durchgeführt und bei denen nur bündische Lieder gesungen und nach bündischer Art regelrechte „Kothenlager“ abgehalten wurden. In den Sommerferien 1937 – damals war Edgar Lohner 17 Jahre alt – fuhr er mit einem anderen Gruppenmitglied nach Paris zur Weltausstellung. Dort lernten sie zwei Mädchen, Jüdinnen, kennen, die zum Kreis um den Schriftsteller Karl Otto Paetel gehörten. Paetel war langjähriges Mitglied des nicht konfessionellen Bundes „Deutsche Freischar“ gewesen. Wegen seiner sozialrevolutionären Anschauungen (er galt als „Nationalbolschewist“), war er aus dem Bund ausgeschlossen worden und nach der „Machtübernahme“ der Nazis nach Paris emigriert. Den 1937 mit ihm begonnenen Kontakt vertieften Edgar Lohner und andere Mitglieder der Gruppe bei der zweiten Reise nach Paris in den Sommerferien 1938. Sie führten mit Paetel politische Diskussionen und – so hieß es später – „gegen Abend wurde ein bündischer Betrieb aufgezogen und am Lagerfeuer bündische Lieder gesungen“. Diese und weitere Fahrten sowie Lager in der näheren Umgebung von Bonn bzw. Koblenz ließen die Gruppe weiter zusammenwachsen. Im März 1939 – inzwischen hatte Lohner sein Abitur bestanden – fuhr man wieder nach Paris und traf dort Paetel. Die politischen Diskussionen und Unterweisungen wurden ebenso intensiver wie die Beziehungen zu den beiden Jüdinnen. Auch in der Folgezeit unternahm man noch einige Fahrten und Lager in der Umgebung, hielt untereinander und zu Gleichgesinnten brieflichen und sonstigen Kontakt. Durch diese Briefe wurde die Gruppe dann entdeckt.
Zunächst wurde Edgar Lohner, weil er in Frankreich mit dem jüdischen Mädchen Verkehr gehabt haben soll, vom Landgericht Koblenz mit Urteil vom 5. September 1940 wegen Rassenschande zu einer Gefängnisstrafe von neun Monaten verurteilt, die er auch verbüßte. In dem Verfahren vor dem Volksgerichtshof lautete der Vorwurf dahin, von Sommer 1938 bis zum Sommer 1939 während einer Betätigung für die verbotene „Bündische Jugend“ den Emigranten Paetel und dessen Mitarbeiterkreis in Paris kennen gelernt, durch Briefwechsel sowie durch Anknüpfung von Verbindungen mit weiteren Mitarbeitern Paetels im Reich fortlaufend Beziehungen unterhalten zu haben, die dem Zweck gedient hätten, die politischen Pläne Paetels durch Zellenbildung im Reich zu fördern. Am 11. September 1941 wurde Edgar Lohner – wie auch andere Gruppenmitglieder – vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Das Gericht stellte dabei auch eine Zuwiderhandlung gegen das Verbot der „Bündischen Jugend“ fest, bestrafte deswegen aber nicht gesondert, weil die schwerere Tat der Vorbereitung zum Hochverrat diese Straftat überdeckte.
Noch stärker katholisch geprägt waren der in Bell bei Mayen geborene Willi Lohner und der Krufter Hans-Clemens Weiler, beides Schüler des Gymnasiums in Andernach. Sie waren gerade einmal 16 bzw. 15 Jahre alt, als sie – durch den Kirchenkampf des NS-Regimes und die Verschleppung von Priestern aus der Umgebung in Konzentrationslager mobilisiert – im November 1942 eine Organisation gründeten, die sie unter den Schutz des Erzengels Michael stellten und „Michaeltruppe“ nannten. Willi Lohner leitete die Gruppe als „Bezirkskommandant“, Hans-Clemens Weiler war sein Stellvertreter und „Kreiskommandant“. Es war eine Organisation von ca. 50 „künftigen Kämpfern“, die richtiggehend militant waren und sich auf eine bewaffnete Auseinandersetzung vorbereiteten. Die Gruppe traf sich in einer Kapelle außerhalb von Kruft. Man hörte Vorträge, las die Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen, sammelte Informationen über Konzentrationslager und über Repressalien gegen Kirche und Klerus. Die Michaeltruppe baute einen Spionagering auf, sammelte Informationen über militärische Anlagen (z. B. über den Flugplatz Niedermendig oder Waffenlager). Willi besorgte Sprengstoff und Handfeuerwaffen und legte ein Waffenversteck an. Ein ¾ Jahr später fing die Gestapo Briefe ab; Willi und Hans-Clemens, die als Luftwaffenhelfer in Andernach eingesetzt waren, wurden verhaftet. Sie und weitere Mitglieder der Gruppe kamen zu Verhören nach Koblenz und dann in die Jugendarrestanstalt Neuwied. Alsbald brachte die Gestapo den „harten Kern“ der Gruppe – Willi, Hans-Clemens und vier weitere – in das HJ-Erziehungslager auf der Burg Stahleck bei Bacharach. Die beiden „Anführer“ kamen in Arrestzellen. Für die Gestapo in Koblenz stand bald fest, dass sich die beiden „führend bei der Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens betätigt“ hatten. Ein Verfahren vor dem Volksgerichtshof blieb ihnen aber erspart. Man brachte sie auf Anordnung des Reichssicherheitshauptamtes „nur“ ins Jugend-KZ Moringen bei Göttingen. Sie mussten in einem Salzbergwerk Munition herstellen. Dabei zog sich Hans-Clemens Weiler eine Tuberkulose zu, von der er sich nie mehr richtig erholte. Willi Lohner wurde Anfang März 1945 mit der Auflage aus dem Lager entlassen, sich „freiwillig“ zum Dienst in der Waffen-SS zu melden. Dazu kam es aber nicht mehr. Beide – Willi hier in der Heimat und Hans- Clemens auf dem Evakuierungs-/Todesmarsch von Moringen aus – wurden in den letzten Kriegstagen von Amerikanern befreit.
In den Kriegsjahren entstanden aber auch spontan Jugendgruppen, Jugendbanden, die keinen solchen traditionellen Hintergrund hatten. Bekannt sind etwa die „Edelweißpiraten“ und die „Swing-Jugend“. Eine Gruppe von fünf jungen Burschen aus Lahnstein hatte in einer ganz ungewöhnlichen Mischung von beidem etwas: Einmal einen Schuss „Swing-Jugend“, wie bürgerliche Jugendliche mit einer Vorliebe für die von den Nazis verpönte „Negermusik“ genannt wurden, und zum anderen einen Schuss Anarchie und „Kriminalität“, wie sie den „Edelweißpiraten“ eigen waren. Kopf dieser Ende 1940 in Lahnstein aus drei Schülern und zwei Gesellen im Alter von 17 und 19 Jahren entstandenen Gruppe war Hans Blumensatt. Er war Sohn des Direktors der Main-Kraftwerke in Oberlahnstein und besuchte zuletzt eine private Oberschule in St. Goarshausen. Blumensatt war ein Freund ausländischer Tanzmusik und hörte ausländische Radiosender. Sein Hobby und seine „lockere Art“ waren der HJ bekannt, man machte sich über ihn als „Tangojüngling“ lustig. Dem NS-Staat stand er ablehnend gegenüber. Am Dienst in der HJ nahm er kaum teil, die NSDAP und ihre Organisationen überschüttete er – wie es in einem Schulgutachten über ihn hieß – mit Spott, selbst der „Führer“ Adolf Hitler galt ihm nichts.
Eines Nachts im November 1940 – nach einem Fliegeralarm – trafen sich Hans und zwei andere in Oberlahnstein zu einer „Aktion“. Sie zerstörten den Pressekasten des „Schwarzen Korps“, einige Fensterscheiben des HJ-Heims und dann noch den Aushängekasten der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF). In den nächsten Wochen wiederholten sie in unterschiedlicher Zusammensetzung solche Aktionen. Selbst der amtliche Aushängekasten der Polizeiverwaltung Oberlahnstein und der Kasten des Bundes Deutscher Mädel (BDM) wurden demoliert. Die örtliche Polizei war ratlos. Unterdessen trafen sich die Mitglieder der Clique wieder zu Aktionen: Sie warfen mit Steinen auf die Fensterscheiben des Gymnasiums und die Rollläden der Wohnung des NS-Kreisleiters. Auf ihrem Weg demolierten sie den Aushängekasten des NS- Jungvolks und andere Schaukästen; auch warfen sie wieder Fensterscheiben im HJ- Heim ein. Weiter gingen Scheiben des NSV-Kindergartens ebenso zu Bruch wie die große Glasscheibe der Geschäftsstelle des „Reichsluftschutzbundes“. Wenn man abends zusammen saß, diskutierte man über die allgemeine Lage und vor allem über den Krieg. Hans Blumensatt gab den Ton an und alle stimmten ihm zu, wenn er feststellte: „Die heutigen Führer sitzen weit hinter der Front, dagegen müssten die anderen vorn ihre Köpfe hinhalten und für sie kämpfen; in Berlin beim Führer müssten auch mal Bomben fallen und treffen.“
Durch Zufall kam die Polizei einem aus der Clique auf die Spur, dann wurden auch die anderen entdeckt. Blumensatt und den anderen der „Wilden Clique“ machte die Staatsanwaltschaft vor dem Sondergericht in Frankfurt/Main den Prozess. Ihnen wurde vorgeworfen, die Taten „unter Ausnutzung der zur Abwehr von Fliegergefahr getroffenen Maßnahmen“ begangen zu haben. Aufgrund dieser Strafschärfung nach der „Volksschädlingsverordnung“ drohte ihnen die Todesstrafe. Das Urteil des Sondergerichts Frankfurt/Main vom 25. Juli 1941 ließ jedoch den Vorwurf, zugleich auch gegen die „Volksschädlingsverordnung“ verstoßen zu haben, fallen. Hans Blumensatt erhielt „nur“ eine Gefängnisstrafe von drei Jahren. Im September 1944 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen und sofort zur Wehrmacht eingezogen. Er fiel vermutlich am 21. März 1945.

Widerstand aus dem Exil
Widerstand gegen das NS-Regime gab es aber nicht nur in Deutschland selbst. In den 12 Jahren der Naziherrschaft verließen annähernd 400.000 Deutsche aus politischen oder rassischen Gründen ihre Heimat. Aus politischen Gründen zur Flucht gezwungen waren vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Intellektuelle und Schriftsteller sowie auch einige Konservative und Liberale. Manche von ihnen leisteten im Ausland Widerstand.
Emigranten waren etwa auch die bereits zuvor erwähnten Kommunisten André Hoevel und Klaus Thielen. Wie sie flohen auch andere ins Saargebiet. Stellvertretend soll hier auf Hugo Salzmann und seine kleine Familie aus Bad Kreuznach eingegangen werden.
Hugo Salzmann musste unmittelbar nach dem Reichstagsbrand Anfang März 1933 fliehen, weil er als Organisationsleiter der KPD, Stadtverordneter und örtlicher Gewerkschaftsvorsitzender von Bad Kreuznach mit Plakaten geradezu steckbrieflich gesucht wurde („tot oder lebendig“ hieß es auf ihnen). Seine Frau Juliana folgte ihm mit dem gerade einmal ein halbes Jahr alten Sohn. Noch im selben Jahr verließen die drei das Saargebiet und gingen nach Paris. Dort fand Hugo Salzmann zunächst bei einem jüdischen Kaufmann eine Anstellung als Packer und Bote. Als er diese verlor, wurde die Familie zur Ausreise aufgefordert. Sie blieben aber illegal weiter „in sehr dürftigen Verhältnissen“ in einem Pariser Vorort wohnen. Immerhin wurde Hugo Salzmann 1936 als politischer Emigrant anerkannt und war dann legal in Frankreich. Bald arbeitete er für die Zentralvereinigung politischer Emigranten, einem Dachverband aller Unter- und Hilfsorganisationen der KPD. Er verteilte an die Literaturobmänner der einzelnen Emigrantengruppen in Paris kommunistische Zeitungen (wie die „Deutsche Volkszeitung“, die „Rote Fahne“ und die monatlich erscheinende Emigrantenzeitung „Trait d’Union“) sowie Literatur (Broschüren, aber auch kommunistische Romane) und versandte sie an die auswärtigen Emigrantengruppen. Außerdem stellte er die Zeitung „Trait d’Union“ auf einem Vervielfältigungsapparat her. Er nahm auch regelmäßig an den Zusammenkünften der deutschen Sektion der Kommunistischen Partei teil.
Insgesamt war ihr Leben sehr beschwerlich. In einem Brief Juliana Salzmanns vom 5. Dezember 1938 an ihre in Österreich lebende Schwester heißt es zum Beispiel: „Du fragst, ob es uns gut geht. Das muss ich mit nein beantworten. Wir haben jetzt fünf Jahre größter Entbehrungen hinter uns, ein Leben ohne Arbeit und Rechte. So eine Zeit, das könnt Ihr Euch gar nicht vorstellen. Und trotzdem haben wir Mut und sind überzeugt, dass wir es einmal wieder so bekommen wie früher. Natürlich haben wir unsere ganze Wohnung, Geschirr, also alles, was wir hatten, verlassen. Unser Kleiner war damals sechs Monate alt, als er fort musste. Ja, es waren Zeiten, die man nie vergessen kann.“
Als Juliana Salzmann diese Zeilen schrieb, konnte sie nicht wissen, dass noch sehr viel schlimmere Zeiten vor ihr, ihrem Mann und dem Sohn Hugo liegen sollten.
Im Laufe der Zeit spitzte sich für die deutschen Emigranten die Lage in Frankreich weiter zu. Mit dem Abschluss des Nichtangriffspaktes zwischen Deutschland und Russland („Hitler-Stalin-Pakt“) am 23. August 1939 eskalierte die Situation. Unter der Parole „Für den Kommunismus (...) ist kein Platz mehr in Frankreich“ sah die französische Regierung nicht nur die eigene kommunistische Partei als Gegner an, sondern die deutschen Kommunisten als „Fünfte Kolonne“ der Nazis. Das führte dazu, dass sie Ende August 1939 die Verhaftung der führenden Funktionäre der KPD und die Internierung aller deutscher Männer verfügte. Unter ihnen war auch Hugo Salzmann. Er wurde am 1. September 1939 von der französischen Polizei festgenommen und mit anderen nach Südfrankreich verschleppt. Dort gab es inzwischen eine Reihe von Internierungslagern; Salzmann kam in das „Camp de Concentration“ Le Vernet s/Ariège.
War der Aufenthalt in einem solchen Internierungslager schon sehr bedrückend, so verschärfte sich die Situation noch einmal durch die deutsche Offensive im Westen und die Kapitulation Frankreichs am 22. Juni 1940. Mit dem Waffenstillstand wurden die Deutschen Besatzungsmacht im nördlichen und westlichen Teil Frankreichs – das Rest-Frankreich im Süden stand unter der mit den Deutschen kollaborierenden Regierung des Marschall Pétain in Vichy.
In dem von deutschen Truppen besetzten Teil waren die deutschen Emigranten nicht mehr sicher. So kam es, dass die Gestapo Juliana Salzmann dort suchte. Sie konnte sich mit ihrem Sohn zwar noch einige Zeit bei französischen Freunden verstecken, stellte sich dann aber der Gestapo, nachdem eine Bekannte von ihr als Geisel für sie verhaftet worden war. Am 27. November 1940 wurde sie in Paris verhaftet. Nach vielen Jahren der Verfolgung schloss sich für sie der Kreis gleichsam, als sie aus dem Gefängnis in Frankreich zurück nach Deutschland verbracht wurde. Ihr Weg endete Anfang Februar 1941 zunächst in Koblenz. Hier wurde sie eingehend verhört, ohne dass man Belastendes gegen sie fand. Dann legte man aber eine Agentin der Gestapo in ihre Zelle, eine einst gefeierte Tänzerin, die durch Heirat Marquise geworden war. Sie war einige Zeit zuvor selbst in „Schutzhaft“ genommen worden. Der Gestapo diente sie als Spitzel, indem man sie in die Zellen inhaftierter politischer Frauen legte, deren Vertrauen sie regelmäßig erwarb. So geschah das auch bei Juliana Salzmann, die sie geschickt zu regimekritischen Äußerungen provozierte. Diese waren dann der konkrete Anlass, um Juliana Salzmann im August 1941 von Koblenz aus ins Frauen- Konzentrationslager Ravensbrück zu deportieren. Dort starb sie Anfang Dezember 1944.
Ein Jahr später als seine Frau war Hugo Salzmann den Deutschen in die Hände gefallen: Die Vichy-Regierung hatte ihn – wie viele Antifaschisten auch – aus dem Internierungslager der Gestapo ausgeliefert. Nachdem seine Frau von Koblenz aus ins KZ deportiert worden war, wurde auch er ins Gefängnis von Koblenz verlegt. Hier war er etwa ein Jahr lang in Haft. Dann überführte man ihn nach Berlin, um ihm vor dem Volksgerichtshof den Prozess zu machen. Mit Urteil vom 4. März 1943 wurde er, weil er – wie es in dem Urteil hieß – „in untergeordneter Funktionärsstellung von 1936 bis 1939 in Paris für die deutsche Emigrantenorganisation kommunistische Zeitungen und sonstige Druckwerke vertrieben und an der Herstellung einer Zeitung mehrmals mitgewirkt hat“, wegen eines „fortgesetzten Verbrechens der Vorbereitung zum Hochverrat“ zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Die Strafe verbüßte Hugo Salzmann im Zuchthaus Butzbach in Hessen. Im Mai 1945 wurde er von den Amerikanern befreit.

Widerstand im Krieg
Eine besondere Bedeutung im deutschen Widerstand hatte der Widerstandskreis um den Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium Harro Schulze-Boysen und um den Regierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Arvid Harnack. Die Harnack/Schulze-Boysen-Gruppe bestand aus einem Netz von mehr als 150 Widerständlern aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten, mit unterschiedlicher Bildung und ganz abweichenden politischen und auch religiösen Überzeugungen. Der Gestapo-Terminologie folgend bezeichnet man sie auch als die „Rote Kapelle“. Zum Teil kannten sie sich schon seit vielen Jahren und pflegten Kontakt in Freundes- und Gesprächszirkeln. Im Zuge des Zweiten Weltkrieges stießen weitere Personen zu diesen Gruppen und leisteten vielfältigen Widerstand. Sie strebten ein Ende des Krieges an und hofften auf eine Verständigung mit der Sowjetunion.
Ein Mitglied dieses großen Widerstandskreises, in der außergewöhnlich viele Frauen aktiv waren, war die in Boppard am Rhein geborene Maria Terwiel. Sie war die Tochter eines an das Bopparder Lehrerseminar versetzten Lehrers. Kaum war Maria ein Jahr alt, nahm der Vater eine Stelle im Osten an. Nach dem Ersten Weltkrieg kehrte die Familie in das Rheinland zurück, zunächst war der Vater Prorektor am Lehrerseminar in Wittlich, dann Schulrat beim Regierungspräsidium in Köln und schließlich Regierungsdirektor in Düsseldorf. Zuletzt wurde er Vizepräsident des Oberpräsidiums von Pommern in Stettin. Dort machte Maria Terwiel ihr Abitur und studierte anschließend Rechtswissenschaft. Nach der „Machtergreifung“ wurde ihr Vater wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassen und in den Ruhestand versetzt. Als Maria Terwiel feststellen musste, dass sie als „Halbjüdin“ – ihre Mutter war Jüdin – im Zuge der „Nürnberger Rassengesetze“ nach dem Studium keine Anstellung als Referendarin erhalten werde, brach sie ihr Studium ab. Sie ging daraufhin nach Berlin und arbeitete in einem französisch-schweizerischen Textilunternehmen. Wegen der Rassengesetze war eine Heirat mit ihrem Lebensgefährten Helmut Himpel nicht möglich. Durch einen Patienten Himpels – Himpel war Zahnarzt – erhielten die beiden Kontakt zu der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation. Maria Terwiel war besonders aktiv bei der Verbreitung von Schriften und Flugzetteln, insbesondere bei der Publizierung der Predigten des Münsteraner Bischofs von Galen gegen die „Euthanasie“. Diese schrieb sie auf der Schreibmaschine mit zahlreichen Durchschlägen ab und versandte sie. Im September 1942 wurden Maria Terwiel und Helmut Himpel verhaftet und am 26. Januar 1943 wegen „Hochverrat und Feindbegünstigung“ vom Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt. Helmut Himpel starb am 13. Mai 1943. Maria Terwiel folgte ihm am 5. August 1943 in den Tod. Sie wurde im Gefängnis Berlin-Plötzensee zusammen mit einer größeren Zahl von Widerstandskämpferinnen, wie es hieß „im Interesse der Kostenersparnis“, hingerichtet. Die Ablehnung des Gnadengesuchs trägt Hitlers eigenhändige Unterschrift.
Andere Regimegegner trafen sich in Berlin im so genannten Solf-Kreis. Dieser zu Beginn der 30er Jahre um den ehemaligen deutschen Botschafter in Tokio Wilhelm Solf gebildete Kreis war eine lockere „Teegesellschaft“ mit Gesprächen über Kunst, Literatur und Politik. Nach dem Tod Wilhelm Solfs waren seine Ehefrau Johanna und deren gemeinsame Tochter Gräfin Lagi Ballestrem die Gastgeberinnen. Es war ein Kreis von Gleichgesinnten, denen eine liberale Grundhaltung und eine durch viele Auslandsaufenthalte geprägte Weltoffenheit eigen war. Immer mehr sorgten sie sich um das drohende Unheil für Deutschland und knüpften unter Wissenschaftlern, Künstlern, Politikern und hohen Militärs ein Netz von „Sympathisanten“ für die Zeit „nach Hitler“. Der Kreis gab auch vielen Juden und politisch Verfolgten tatkräftige Hilfe.
Ein Mitglied dieses Kreises war der ehemalige Armeepfarrer und Professor der Philosophie Dr. Friedrich Erxleben. Er stammte aus Koblenz, war hier im Jahre 1883 geboren, machte am Kaiserin-Augusta-Gymnasium (heute: Görres-Gymnasium) Abitur und ließ sich zum Sänger und Violinvirtuosen ausbilden. Später studierte er Theologie, nahm als Armeepfarrer am Ersten Weltkrieg teil, war Dozent an den Universitäten Prag und Wien für Vergleichende Religionswissenschaften, Professor für alte Sprachen im Jesuitenkolleg in Rom sowie Experte für asiatische, insbesondere indische Kultur; auch war er ein hervorragender Tenor und Oratoriensänger. Er hatte Kontakte und Freundschaften zu vielen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, u. a. zu Dr. Carl Sonnenschein, Prof. Dr. Theodor Heuss, Carl Zuckmayer, Albert Einstein und zum französischen Botschafter André François-Poncet.
Im Laufe der Zeit gelang es der Gestapo, einen Spitzel in den Solf-Kreis einzuschleusen. Er bezeichnete Erxleben als die „treibende Kraft bei den defätistischen Unterhaltungen im Hause Solf“. Im Mai 1944 wurde Erxleben wegen seiner Verbindungen zum Solf-Kreis verhaftet. Man hielt ihn gefangen in den Konzentrationslagern Ravensbrück und Sachsenhausen sowie im Gefängnis Berlin- Plötzensee. Im Oktober 1944 kam er in das Gestapogefängnis Lehrter Straße in Berlin. Unter dem Datum des 15. November 1944 legte der Oberreichsanwalt beim Volksgerichtshof gegen Johanna Solf und fünf andere, darunter Friedrich Erxleben, eine Nachtragsschrift und Nachtragsanklageschrift vor. Man machte Erxleben mit anderen Mitgliedern des Solf-Kreises wegen Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung den Prozess vor dem Volksgerichtshof, weil sie – wie es in der Anklage hieß – „im Inland in den Jahren 1941 – 1943 in zahlreichen Unterhaltungen untereinander und mit anderen die zersetzende Idee verfochten (haben), das Reich werde den Krieg verlieren, und entsprechend ihrer reaktionären staatsfeindlichen Einstellung den gewaltsamen Sturz der nationalsozialistischen Staatsführung und ihre Ersetzung durch eine zum Abschluss eines Unterwerfungsfriedens geneigte ‚Regierung’ propagiert (haben). Damit sind sie zugleich zu Knechten unserer Kriegsfeinde geworden.“ Erxleben drohte die Todesstrafe, doch erging in seinem Verfahren kein Urteil. In der letzten Phase des Krieges, nach der Bombardierung des Volksgerichtshofs durch die Alliierten und den Tod Freislers Anfang Februar 1945, konnte die Hauptverhandlung nicht mehr „geordnet“ durchgeführt werden. Gleichwohl war er noch einmal in unmittelbarer Todesgefahr. Denn bei der Auflösung des Gestapogefängnisses Ende April 1945 wäre er – wie manche andere politische Gefangene – von den sich absetzenden Gestapoleuten fast noch ermordet worden. Durch eine glückliche Fügung gelang es ihm aber freizukommen. Unter der Haft hat er aber viel zu leiden gehabt, seelisch und auch physisch, so war er beispielsweise wochenlang in einem Käfig eingesperrt, in dem er weder sitzen noch aufrecht stehen konnte.

Widerstand im Umfeld des 20. Juli 1944
Die bekannteste Aktion des deutschen Widerstands gegen das NS-Regime – das Attentat des Obersten Claus Schenk Graf von Stauffenberg im Führerhauptquartier Wolfschanze in Ostpreußen auf Hitler anlässlich einer Lagebesprechung am 20. Juli 1944 und die sich daran anschließende Operation „Walküre“, mit der der Umsturz im Reich bewerkstelligt werden sollte – hat keine Bezüge zu Koblenz und seiner Region. Das war ein Widerstand einzelner Militärs, zu denen Menschen aus Koblenz und Umgebung nicht gehörten. Gleichwohl lassen sich gewisse Verbindungen nach hier herstellen. Denn der militärische Widerstand war kein isoliertes Phänomen. Er war eingebunden und – um eine gewisse Chance auf einen politisch-gesellschaftlichen Umsturz zu haben – angewiesen auf eine zivile Oppositionsgruppe, wie sie um Carl Goerdeler, Ulrich von Hassell u.a. bestand. Sie hatte wiederum Kontakt zu Mitgliedern des „Kreisauer Kreises“. Diese um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg entstandene Gruppe war konservativ geprägt, zu ihr gehörte aber ebenfalls eine Reihe prominenter jüngerer Sozialdemokraten, neben Carlo Mierendorff und Theodor Haubach auch der in Bad Ems geborene Professor Dr. Adolf Reichwein.
Adolf Reichwein kam in Bad Ems im Jahre 1898 als Sohn eines aus Heckholzhausen im Westerwald stammenden Volksschullehrers zur Welt. Hier verbrachte er seine frühe Kindheit, bis sein Vater mit der Familie im Jahre 1904 nach Ober-Rosbach bei Friedberg in Hessen übersiedelte. Geprägt durch die Jugendbewegung des „Wandervogel“, nach Abitur, Einsatz im Ersten Weltkrieg, einem sehr breit angelegten Studium in Frankfurt/Main sowie in Marburg/Lahn und Promotion war der Pädagoge Reichwein in vielen Funktionen für den Aufbau von Volkshochschulen, für die Lehrerfortbildung und für die Erwachsenenbildung, speziell für die Bildung der Arbeiter, tätig. Er wurde Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an der Pädagogischen Akademie in Halle/Saale und dann aus politischen Gründen im April 1933 entlassen. Danach war er Lehrer einer Dorfschule bei Berlin, entwickelte ein alternatives Schulmodell und war von 1939 bis 1944 Museumspädagoge in Berlin.
Seit 1940 hatte er sich dem „Kreisauer Kreis“ angeschlossen. Reichwein nahm nicht nur an den Tagungen dieser Widerstandsgruppe teil, sondern war auch maßgeblich am bildungs- und kulturpolitischen Programm der „Kreisauer“ beteiligt; er galt als Kultusministerkandidat für eine Regierung nach Hitler. Anfang 1944 arbeitete der „Kreisauer Kreis“ auf den Staatsstreich mit dem Attentat hin, dadurch wurde die Zusammenarbeit mit Stauffenberg immer intensiver. Auch nahmen die Anstrengungen zu, den Kontakt zu Widerstandszellen unter alten Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern sowie gerade zum kommunistischen Widerstand zu verbessern. Treibende Kraft war neben dem sozialdemokratischen Arbeiterführer Julius Leber gerade auch Adolf Reichwein. Mit Wissen und Billigung Stauffenbergs kam es zu einem Treffen von Reichwein und Leber mit KPD-Funktionären, u.a. mit Anton Saefkow. Hierbei hatte sich ein Gestapo-Agent eingeschlichen, der alles verriet und die Verhaftung Reichweins und der anderen Beteiligten am 4. Juli 1944 bewirkte. Nicht zuletzt diese Verhaftungswelle war für Stauffenberg Anlass, kurzentschlossen und persönlich das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 auszuführen.
Reichwein wurde dann 3 ½ Monate in den Folterkellern der Gestapo festgehalten, dabei wurde er nicht nur schwer misshandelt, sondern nachts sogar mit einer Kette an Beinen und Armen gefesselt. Am 20. Oktober 1944 begann der Prozess gegen ihn und andere Sozialdemokraten vor dem Volksgerichtshofs unter Vorsitz von Freisler. Trotz aller Misshandlungen und Demütigungen war er ungebeugt und aufrecht. Später sagte ein Mitangeklagter: „Mich packte eine tiefe Sympathie für diesen Mann. So wie er da stand, war er das Symbol alles Menschlichen, von dem selbst in diesem Augenblick alle Qual des Leidens abfiel.“ Adolf Reichwein wurde dann mit weiteren Sozialdemokraten wegen „Landesverrats“ zum Tode durch den Strang verurteilt und Stunden später im Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses Berlin-Plötzensee erhängt.


 

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