Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Wie es schon Tradition geworden war, hielt Hennig bei der Volkshochschule Koblenz auch wieder drei Vorträge zum Generalthema „Verfolgung und Widerstand 1933 – 1945“. Mit Blick darauf, dass sich 2004 zum 60. Mal der Attentats- und Umsturzversuch jährte, porträtierte er drei Widerständler aus Koblenz und Umgebung – Maria Terwiel, Adolf Reichwein und Friedrich Erxleben.

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Verfolgung und Widerstand in Koblenz und Umgebung 1933 – 1945

Teil 1: Maria Terwiel (1910 - 1943) 
Eine Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus aus Boppard/Rhein

von Joachim Hennig

I. Einleitung

Das Thema „Widerstand und Verfolgung“ bzw. „Verfolgung und Widerstand“ ist in den nunmehr fast 60 Jahren seit der Befreiung vom Nationalsozialismus immer wieder unterschiedlich und zum Teil mit einem ganz bestimmten, oft politischen Erkenntnisinteresse angegangen worden. In der westdeutschen Geschichtsschreibung konzentrierte sich das Interesse schon bald auf den bürgerlichen und militärischen Widerstand, d.h. vor allem auf den Widerstand im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944, im Weiteren aber auch auf die „Weiße Rose“ sowie auf den Widerstand und die Verfolgung im Bereich der Bekennenden Kirche und der Katholischen Kirche. In den 70er Jahren erhielt die Thematik eine neue Dimension. Erforscht wurde nunmehr auch die eigene Geschichte während der NS-Zeit vor Ort. Es entstanden die ersten Regional- und Lokalstudien, etwa über den Widerstand im Bereich der Arbeiterschaft, über resistente Milieus - wie etwa im katholischen Rheinland -, über den Alltag im Nationalsozialismus wie auch über bestimmte Gruppen von Verfolgten. Dabei standen zunächst die Juden, deren Schicksal landesweit inzwischen große Aufmerksamkeit erregt hatte, im Vordergrund, dann aber auch die Sinti und Roma und später die Zwangsarbeiter. Vorläufiges Ergebnis dieser Entwicklung war und ist die Beschäftigung - auch und gerade „vor Ort“ - mit „dem“ Widerstand und „der“ Verfolgung „der Kirchen“, „der Parteien“, „der Gewerkschaften“ und anderer Großorganisationen sowie der Verfolgung „der Juden“ und „der Sinti“ u.a.
Diese Entwicklung ist aber nicht stehengeblieben. Inzwischen stellen sich Unternehmen ihrer in den Jahren 1933 bis 1945 nicht selten problematischen Firmengeschichte. Auch Einzelpersonen und Gruppen, hinter denen keine Großorganisation steht und die nicht allgemein anerkannt und akzeptiert sind, werden verstärkt von der Geschichtsforschung „entdeckt“. All dies findet nach und nach seinen Niederschlag auch in der regionalen und lokalen Geschichtsforschung.
Dabei ergeben sich vielfach neue Perspektiven. Gerade bei Generalstudien für einen bestimmten Ort bzw. eine bestimmte Region („Verfolgung und Widerstand in ...“) stößt man auf Einzelpersonen, die man als Widerstandskämpfer nur dem Namen nach oder von denen man gar nur die Organisation kannte, der sie angehörten. Diese „Entdeckungen vor Ort“ bereichern nicht nur solche Lokalstudien, sondern lassen auch Einblicke in die regionale oder lokale Herkunft, Prägung und Bedeutung dieser Personen zu.
Das heutige nördliche Rheinland-Pfalz kann nicht viele solcher Widerständler mit Bezügen hierher aufweisen. Hervorgehoben werden sollen aber vor allem drei: Der in Koblenz geborene Armeepfarrer und Professor der Philosophie Dr. Friedrich Erxleben, der Mitglied des so genannten Solf-Kreises war, der aus Bad Ems stammende Reformpädagoge und Sozialist Professor Dr. Adolf Reichwein, ein Mitglied des „Kreisauer Kreises“, und die in Boppard am Rhein geborene und auch eine zeitlang in Wittlich lebende Juristin Maria Terwiel, die Mitglied der (Berliner) „Roten Kapelle“ war.
Hier soll das Lebensbild Maria Terwiels nachgezeichnet werden. Besonderes Interesse weckt es vor allem deshalb, weil Frauen in Widerstandsgruppen generell die Ausnahme bildeten, eine „Halbjüdin“ wie Maria Terwiel als Widerstandskämpferin erst recht ungewöhnlich war, und die so genannte Rote Kapelle bis in die jüngste Zeit um ihre angemessene widerstandsgeschichtliche Anerkennung kämpfen musste.

II. Elternhaus und Kindheit

Maria Sibilla Sophia Terwiel kam am 7. Juni 1910 in Boppard am Rhein zur Welt. Sie war das älteste Kind des Seminarlehrers Dr. Johannes Terwiel und seiner Ehefrau Rosa, geb. Schild. Ihre Eltern wohnten damals in der Mainzer Straße 13 (heute Hausnummer 17). Beide waren keine gebürtigen Bopparder, sondern vielmehr erst ein Jahr zuvor durch den Beruf des Vaters nach Boppard gekommen.
Johannes Terwiel, im Jahre 1882 geboren, stammte aus dem niederrheinischen Rheinberg (Kreis Moers), die Mutter Rosa aus dem westfälischen Geseke. Nach seinem Abitur war der Vater zunächst Volksschullehrer in Neuß. Danach schrieb er sich als Student für das höhere Lehramt am Gymnasium an der Universität in Bonn ein. Nach bestandenem Examen erhielt er seine erste Anstellung zum 1. Juni 1909 in Boppard, und zwar als kommissarischer Verwalter einer Lehrerstelle am damaligen Lehrerseminar. Einen Monat später wurde Dr. Terwiel zum „Königlichen ordentlichen Seminarlehrer“ ernannt und es wurde ihm die Seminarlehrerstelle am Bopparder Lehrerseminar endgültig übertragen. Im selben Jahr - 1909 - hatten Maria Terwiels Eltern geheiratet. Ihr Vater war ein rheinischer Katholik, ihre Mutter war Jüdin. Kurz vor der Heirat war die Mutter zum katholischen Glauben übergetreten.
Die junge Familie blieb nicht lange in Boppard. Kaum war Maria ein Jahr alt geworden, wurde ihr Vater an das bei Posen (im heutigen Polen) gelegene Lehrerseminar in Rawitsch versetzt. Dort wurde er sehr bald Seminaroberlehrer und während des Ersten Weltkrieges an einem anderen Lehrerseminar in der Provinz Posen Prorektor und stellvertretender Studiendirektor. Inzwischen hatte sich die Familie vergrößert. Im Jahre 1911 waren Marias Bruder Gerhard und im Jahre 1913 ihre Schwester Ursula geboren worden.
Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg konnte Marias Vater infolge der polnischen Besetzung der Provinz Posen dort nicht mehr bleiben. Daraufhin versetzte man ihn an das Lehrerseminar in Wittlich. Auch dort blieb er nicht lange. Schon 1920 wurde er an die (Bezirks-)Regierung in Köln abgeordnet und dann 1921 als Regierungs- und Schulrat an die (Bezirks-)Regierung in Düsseldorf versetzt. Nach seinem Wechsel in die allgemeine innere Verwaltung und nach weiteren Beförderungen wurde Marias Vater im Jahre 1928 zum Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in Stettin und damit zum Vertreter des Oberpräsidenten der damaligen preußischen Provinz Pommern in Stettin ernannt. Dabei muss man seinen beruflichen Werdegang vor dem Hintergrund sehen, dass er schon recht früh der SPD beigetreten war. Das war für einen rheinischen Katholiken im allgemeinen und für einen ehemaligen Angehörigen des Beamtenapparates aus der Kaiserzeit schon recht ungewöhnlich und hat seine Karriere sicherlich beflügelt. Denn die Weimarer Republik litt doch an einem Mangel an Demokraten gerade auch im Beamtenapparat, so dass demokratisch und republikanisch gesinnte Beamte wie Dr. Terwiel für die erste deutsche Republik außerordentlich wichtig waren.
Der häufige Wohnsitzwechsel war sicherlich auch für die kleine Maria nicht leicht, musste sie doch Schulen im Osten, in Wittlich, in Köln, in Düsseldorf und dann in Stettin besuchen, bis sie dann Ostern 1931 in Stettin das Abitur ablegen konnte. Das hat andererseits ihren Horizont auch erweitert. Geprägt hat sie vor allem aber ihre christliche Erziehung und die zu religiöser und politischer Toleranz sowie auch das Klima in einem Haushalt eines höheren Verwaltungsbeamten. Maria Terwiel verfügte über ein ungewöhnliches Maß an Allgemeinbildung, sie war interessiert an Fragen der Religion, der Philosophie, Kunst, Kultur und Politik. Ihre Liebe gehörte der Musik. Mit 14 Jahren spielte sie die Orgel in der Kirche. Auch später verging kaum ein Tag, an dem sie nicht am Flügel gesessen hätte.

III. Studium und Beruf

Daneben besaß Maria Terwiel - sicherlich auch gefördert durch das Elternhaus - einen ausgesprochenen Sinn für Recht und Gerechtigkeit. Dieser Neigung und Veranlagung folgend begann sie im Jahre 1931 mit dem Studium der Rechtswissenschaften, zunächst an der Universität in Freiburg i. Br., dann an der Universität in München.
Mittlerweile befand sich die Weimarer Republik in ihrer Auflösung. Die Reichskanzler hatten keine Mehrheit mehr im Parlament, sondern waren vom Wohlwollen und den Launen des greisen Reichspräsidenten und ehemaligen Generalfeldmarschalls des Ersten Weltkrieges Paul von Hindenburg abhängig. So wechselten sich die Präsidialkabinette in immer kürzerer Zeit ab. Als letzter und 21. Reichskanzler nach dem Ersten Weltkrieg wurde schließlich Adolf Hitler ernannt - war es ihm doch so wichtig, „legal“ an die Macht zu kommen, um sie dann in dem „Tausendjährigen Reich“ nie mehr abzugeben.
Bereits sieben Wochen nach der sog. Machtergreifung der Nazis kam für Maria Terwiels Vater das berufliche Aus. Im Zuge der „politischen Säuberung“ der höheren Beamtenschaft wurde er wie viele leitende Staatsbeamte, die Mitglieder demokratischer Parteien oder demokratisch gesonnen waren, aus dem Dienst entfernt. Dies geschah bereits vorab, indem man ihn am 22. März 1933 als Vizepräsidenten des Oberpräsidiums in den einstweiligen Ruhestand versetzte. Erst später erging das sog. Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, aufgrund dessen er endgültig in den Ruhestand versetzt wurde. Daraufhin zog die Familie Terwiel nach Berlin.
Während ihrer Studienzeit in Freiburg lernte Maria Terwiel Helmut Himpel kennen. Mit ihm verband sie bald eine enge Freundschaft und Liebe. Er war drei Jahre älter als sie und hatte zunächst Elektrotechnik studiert. Dann wechselte er das Studium und studierte Zahnmedizin, zunächst in Freiburg und später ebenfalls in München. Ihr Studium hatte Maria Terwiel zügig absolviert und 1935 eine Dissertation ausgearbeitet mit dem anspruchsvollen Thema „Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Banken, insbesondere die Pfandklausel“. Zur Abgabe dieser Doktorarbeit kam es aber ebenso wenig wie zum Abschluss des Studiums durch die Ablegung des ersten juristischen Staatsexamens.
Die Ursache hierfür lag in den Zeitläuften. Inzwischen hatten sich die Nationalsozialisten etabliert und ihre Machtstellung weiter ausgebaut. Im Zuge dessen erließen sie auf dem „Reichsparteitag der Freiheit“ im September 1935 in Nürnberg die sog. Nürnberger (Rassen-)Gesetze. Mit dem „Reichsbürgergesetz“ und seinen Ausführungsbestimmungen schuf man das Institut der „Reichsbürgerschaft“, die nur „Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes“ zuerkannt wurde. Die Juden konnten keine „Reichsbürger“ sein. Auch wurde definiert, wer Jude ist, wer als Jude galt und wer ein „jüdischer Mischling“ war. Für Juden gab es dann ein Berufsverbot: Sie konnten kein öffentliches Amt bekleiden; jüdische Beamte traten grundsätzlich mit Ablauf des 31. Dezember 1935 in den Ruhestand.
Mit Kenntnis dieser Vorschriften war Maria Terwiel klar, dass sie als „jüdischer Mischling ersten Grades“ in dem von ihr angestrebten Beruf einer Juristin nicht werde arbeiten können. Denn auf jeden Fall musste sie nach dem Studium eine Referendarzeit absolvieren und hierfür in das Beamtenverhältnis berufen werden. Schon der Weg zu dieser Ausbildung war ihr verbaut. Von dieser Erkenntnis bis zum Abbruch des Studiums war es dann nur noch ein kleiner, aber sehr schmerzlicher Schritt.
Die Nürnberger Rassengesetze hatten weiter zur Konsequenz, dass Maria Terwiel und Helmut Himpel - dieser war evangelischen Glaubens - nicht heiraten konnten. Denn in dem sog. Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre war ein Eheverbot geregelt. In § 1 Absatz 1 dieses Gesetzes hieß es: Eheschließungen zwischen Juden und Staatsangehörigen deutschen oder artverwandten Blutes sind verboten. Trotzdem geschlossene Ehen sind nichtig, auch wenn sie zur Umgehung dieses Gesetzes im Ausland geschlossen sind.
Nach Helmut Himpels Promotion gingen beide nach Berlin. Dort eröffnete er etwa im Jahre 1937 eine Zahnarztpraxis. Ohne Hochschulabschluss und als „Halbjüdin“ war für Maria Terwiel die Arbeitssuche schwer. Immerhin fand sie alsbald eine Anstellung bei einem französisch-schweizerischen Textilunternehmen. Welche Tätigkeit sie dort genau ausübte, ist nicht bekannt. Ihre Beschäftigung dort war aber für die Nazis Anlass, sie später als „Stenotypistin“ und sogar „Telefonistin“ zu bezeichnen.
Auch ohne Trauschein war Helmut Himpel in der Familie Terwiel der akzeptierte und geliebte Schwiegersohn. Nach ihrer Verlobung zogen Maria Terwiel und Helmut Himpel in ihre gemeinsame Wohnung in Berlin-Charlottenburg.

IV. Im Widerstand

Das soziale Engagement der beiden und ihr Einsatz für Diskriminierte und Verfolgte nahm mit dem von Hitler-Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg weiter zu. Belegt ist dies etwa für Maria Terwiel. Als der französische Leiter der Firma, bei der sie beschäftigt war, auf Verlangen der Nazis als Kriegsgefangener behandelt werden musste, konnte sie mit Geschick und Umsicht erreichen, dass er seine Zwangsarbeit wenigstens in diesem Betrieb ableisten konnte.
Besondere Erwähnung verdient das Engagement von Maria Terwiel und Helmut Himpel für Juden. Deren Situation verschlechterte sich dramatisch im Herbst 1941 mit dem Erlass weiterer Rechtsverordnungen in Ausführung des sog. Reichsbürgergesetzes und mit der beginnenden Massendeportation. So behandelte Helmut Himpel weit entfernt wohnende jüdische Patienten, die seine Praxis nicht aufsuchen konnten, in ihren Wohnungen. Auch nutzte er seine Beziehungen, um Einfluss auf Wehrtauglichkeitsuntersuchungen zu nehmen und damit Wehrpflichtige vor dem Fronteinsatz zu bewahren. Maria Terwiel unterstützte Verfolgte, die sich versteckt halten mussten, mit Lebensmitteln und verschaffte gefährdeten Juden Pässe und andere Dokumente. Einmal entging sie nur ganz knapp der Verhaftung. Als sie wieder einmal einer jüdischen Familie Lebensmittel brachte, wurde diese von der anrückenden Gestapo verhaftet. In letzter Minute konnte sie sich hinter einem Vorhang verstecken und damit einer Verhaftung entgehen. Hautnah vom Schicksal der Juden betroffen war Maria Terwiel aber auch aus einem weiteren Grund, war doch ihre Mutter selbst Jüdin. Sie lebte zwar in einer sog. Mischehe, doch wurde - wie Maria Terwiel erkannte - die zunehmende Verfolgung auch für ihre Mutter immer besorgniserregender.

V. Mitglied der „Roten Kapelle“

Den entscheidenden Widerstand, der Maria Terwiel und Helmut Himpel jedenfalls inzwischen bekannt gemacht hat, leisteten die beiden indessen im Rahmen der Widerstandsorganisation um den Nationalökonomen und Oberregierungsrat im Reichswirtschaftsministerium Dr. Arvid Harnack und den Oberleutnant der Luftwaffe Harro Schulze-Boysen, die von den Nationalsozialisten als „Rote Kapelle“ bezeichnet wurde.
An der „Roten Kapelle“ haben sich früher „die Geister geschieden“ und auch heute noch mag dies für den einen oder anderen ein Reizbegriff sein. Der Grund dafür lag und liegt vornehmlich in der deutschen Nachkriegsgeschichte und der problematischen Aufarbeitung der NS-Zeit. Diese blieb zunächst nämlich dem seinerzeitigen NS-Chefankläger im Prozess gegen die „Rote Kapelle“ selbst vorbehalten, der schon aus Eigeninteresse die öffentliche Meinung über diese Widerstandsorganisation sehr negativ beeinflusst hatte. Auch tat die Konfrontation im Zeichen des „Kalten Krieges“ ihr übriges zur Verzeichnung dieser Widerstandsorganisation dazu. Auf die Geschichte der sog. Roten Kapelle und erst recht auf deren Rezeptionsgeschichte in der Nachkriegszeit kann hier nicht eingegangen werden. Erwähnung verdient es aber doch, um den Rahmen, in dem die Widerstandstätigkeit Maria Terwiels zu sehen ist, anzudeuten. Vielleicht ist andererseits die Beschäftigung mit Maria Terwiel ein Anlass, von ihr her das bisweilen klischeehafte Bild der „Roten Kapelle“ ein wenig zu korrigieren.
Maria Terwiel und Helmut Himpel kamen wie viele andere auch ganz unspektakulär zur sog. Roten Kapelle. Der Weg dahin führte über die Zahnarzt-Praxis Helmut Himpels. In ihr verkehrten auch Künstler und Angehörige des Diplomatischen Korps. Durch den Produktionsdirektor Dr. Engelsing und seine Ehefrau, die Patienten Himpels waren, lernten er und Maria Terwiel das Ehepaar Harro und Libertas Schulze-Boysen kennen. Die Zusammenarbeit mit Schulze-Boysen wurde dann durch einen weiteren Patienten Himpels, den Journalisten John Graudenz, wesentlich verstärkt und ist spätestens in das Jahr 1940 zu datieren.
Um Arvid Harnack und Harro Schulze-Boysen hatte sich inzwischen eine mehr als 100 Personen umfassende Widerstandsorganisation gebildet - eine der grössten und bedeutendsten deutschen Widerstandsgruppen überhaupt. In ihr hatten sich Menschen aller Schichten und Altersstufen, aus unterschiedlichen politischen Überzeugungen und religiösen Bekenntnissen zusammengefunden. Diese Gruppierung war nicht straff organisiert, sondern setzte sich - entsprechend den bestehenden familiären und sozialen Kontakten - aus einer größeren Zahl von (Unter-) Gruppen, Freundeskreisen und Freizeitgemeinschaften zusammen. Dem entsprach es, dass Maria Terwiel und Helmut Himpel sowie der Journalist John Graudenz und später der von Himpel für die Widerstandsarbeit gewonnene Pianist Helmut Roloff eng kooperierten. Einen Eindruck von dieser Gruppe vermittelt die Schilderung des Pianisten Helmut Roloff wie er zur Gruppe gekommen ist:
Dann kam der Krieg. Und da lernte ich bei einem Mann, in dessen Haus ich viel musizierte, der selbst auch musizierte, einen Zahnarzt kennen, der hieß Helmut Himpel. Das war auch so einer, da merkte man gleich an der Nasenspitze nach ein paar Sätzen, was der sich so dachte. Wir kamen dann immer sehr gut ins Gespräch. Er hatte eine Freundin, Marie Terwiel, und wer etwas von der „Roten Kapelle“ weiss, der kennt diese Namen schon. Und dann sagte der eines Tages zu mir, ob wir zusammenarbeiten wollten? Ich wusste im ersten Moment nicht, was er meinte. Und da sagte er: „Ich gebe ja meinen Kopf in Ihre Hand mit dieser Frage.“ Und da wusste ich dann, was er meinte, und da habe ich gesagt: „Gut, das können wir ja mal machen.“[...] Und dann haben wir uns ein bißchen näher besprochen darüber und haben verschiedene Dinge gemacht [...]. Diese Sachen haben uns sehr beschäftigt, und dabei saßen dann eben Helmut Himpel und seine Freundin Marie Terwiel, sie war eine „Halbjüdin“ und durfte deshalb nicht weiter Jura studieren, und schlug sich durch mit Sekretärsarbeiten. Sie bestand im Grunde nur aus Nazi-Haß, möchte ich mal sagen, so waren wir eigentlich alle. Dann war noch ein Älterer dabei, der hieß John Graudenz, das war ein Kommunist. Wir waren keine Kommunisten, wir waren einfach, na, wie soll ich das nennen, liberale Bürger, die nicht das Dritte Reich hinnehmen wollten, und deshalb alles versuchten. Nicht etwa, daß wir sagen wollten: „Mit den Kommunisten arbeiten wir nicht“, sondern wir arbeiteten alle zusammen, jeder, der dagegen war und helfen wollte, war willkommen [...].
Maria Terwiel und Helmut Himpel nahmen an zahlreichen Aktionen der „Roten Kapelle“ teil. Im Vordergrund Maria Terwiels illegaler Arbeit für die „Rote Kapelle“ stand die Aufklärung des Volkes über die Verbrechen des Nationalsozialismus und die Aussichtslosigkeit des von Hitler angezettelten Zweiten Weltkrieges.
Eine ihrer ersten und zugleich wichtigsten und grössten Aktionen war die Verbreitung der Predigten des Bischofs von Münster von Galen. Dieser hatte in seinen Predigten im Juli und August 1941 die Unterdrückung der katholischen Kirche und die Morde an psychisch Kranken angeprangert. Speziell in der Predigt vom 3. August 1941 wandte sich von Galen gegen die von Hitler insgeheim in sechs Tötungsanstalten reichsweit angeordneten Morde, die er unter den verharmlosenden Begriffen „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ und „Euthanasie“ hatte durchführen lassen. Die Predigten schrieb Maria Terwiel zu Hause auf der Schreibmaschine mit mehreren Durchschlägen ab und organisierte mit Helmut Himpel und John Graudenz die Verbreitung des Textes in vielen hundert, wahrscheinlich sogar weit über tausend Exemplaren an Adressen aus dem Telefonbuch und auch an die Front. Diese und die folgenden Aktionen waren unter den schwierigen Bedingungen der Hitler-Diktatur so erfolgreich, dass hierüber wiederholt in den „Meldungen wichtiger staatspolitischer Ereignisse“ des Reichssicherheitshauptamtes berichtet wurde. Der Protest gegen die „Euthanasie-Morde“ führte schließlich sogar zu ihrer Einstellung. Allerdings wurden sie nach einer längeren Pause in anderer Form doch wieder verübt.
Alsbald nach dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion im Juni 1941 intensivierte die Harnack/Schulze-Boysen-Organisation ihre Widerstandsarbeit; sie trat dann in ihre entscheidende Phase ein.

Wissenschaftlich nicht völlig gesichert ist allerdings, ob die weitere Flugschrift Napoleon Bonaparte nach dem Überfall entstanden ist und diese dann auch von Maria Terwiel und Helmut Himpel vervielfältigt und versandt wurde. Wichtig ist sie aber für das Verständnis der „Roten Kapelle“, hatte sie doch Harro Schulze-Boysen verfasst und Worte und Taten Napoleons mit solchen Hitlers gegenübergestellt.

Anders ist die Quellenlage bei dem wichtigsten Zeugnis der Harnack/Schulze-Boysen-Organisation, der im Winter 1941/42 ebenfalls von Harro Schulze-Boysen verfassten Flugschrift Die Sorge um Deutschlands Zukunft geht durch das Volk. Hierbei steht fest, dass Maria Terwiel auf ihrer Schreibmaschine die Flugschrift geschrieben hat und dass diese dann im Abzugsverfahren Ende Januar/Anfang Februar vervielfältigt wurde. An ihrer Verbreitung in mehreren hundert, wenn nicht weit über tausend Exemplaren beteiligt waren wiederum neben Maria Terwiel Helmut Himpel, John Graudenz u.a. Sie versandten diese im Februar 1942 an aus Telefon- und Adressenverzeichnissen in Berlin und dem ganzen Reich ausgewählte Personen, deren Position ein Interesse für die regimekritischen Informationen der Gruppe erwarten ließ. Das Ziel der insgesamt sechs Seiten langen Flugschrift war es, die bürgerliche Opposition zu erreichen und auf sie mit Vorstellungen zur Beendigung des Krieges und einer politischen Neuordnung Deutschlands einzuwirken. Dies geschah zu einer Zeit, in der im Osten ein lang andauernder Zermürbungskrieg absehbar war und Hitler auch noch den USA den Krieg erklärt hatte, so dass sehr Hellsichtige schon am „Endsieg“ zweifeln mussten. Die AGIS genannte Flugschrift forderte u.a. auf, sich angesichts der Verbrechen Hitlers nicht mehr alles gefallen und sich nicht mehr einschüchtern zu lassen. Wir retten uns und das Land nur dadurch, wenn wir den Mut finden, uns in die Kampffront gegen Hitler einzureihen. Die Flugschrift endete dann mit dem Zuspruch: Ihr seid nicht allein! Kämpft zunächst auf eigene Faust, dann gruppenweise. Morgen gehört uns Deutschland!
Eine weitere spektakuläre Aktion der „Roten Kapelle“, an der Maria Terwiel ebenfalls beteiligt war, war die Klebeaktion im Mai 1942. Sie richtete sich konkret gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“. Als Satire hierauf hatten Mitglieder der Organisation Klebezettel angefertigt mit der Aufschrift Ständige Ausstellung: Das Naziparadies - Krieg - Hunger - Lüge - Gestapo - wie lange noch? Wie andere auch schlenderte Maria Terwiel mit einem weiteren Mitglied der Gruppe als angebliches Liebespaar getarnt in der Nacht zum 18. Mai 1942 auf den Straßen Berlins entlang und klebte vor allem auf dem Kurfürstendamm mehr als 80 Zettel.
Die Tragik der „Roten Kapelle“ lag in dem tatsächlichen bzw. vermeintlichen Funkverkehr von und nach Moskau. Die sich daran rankenden und von der Gestapo gestreuten Legenden brachten der Organisation ihren Namen ein. Aufgrund der inzwischen gesicherten und ausgewerteten Quellen steht so viel fest:
In der Tat erhielt ein Mitglied der „Roten Kapelle“ im Juni 1941 von einem sowjetischen Botschaftssekretär in Berlin zwei Funkgeräte ausgehändigt. Keines von beiden hat jedoch je einen Normalbetrieb aufgenommen. Lediglich ein Probefunkspruch erreichte Moskau. Er lautete: Tausend Grüße allen Freunden. Dann waren beide Geräte defekt. Als weitere Nachrichten aus Berlin ausblieben, wandte sich der sowjetische Geheimdienst Ende August 1941 - nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion - an die in Belgien arbeitende Abteilung der sowjetischen Militäraufklärung. In einem chiffrierten Funkspruch gab die Moskauer Zentrale der belgischen Einheit den Auftrag, sich mit bestimmten Personen in Berlin in Verbindung zu setzen. Sie wurden namentlich genannt und auch ihre Adresse wurde mitgeteilt. Diese höchst unvorsichtige Information war zunächst noch folgenlos, weil die deutsche Funkabwehr den Code nicht dechiffrieren konnte. Das gelang später aber doch noch. Dadurch wurde die Widerstandsorganisation enttarnt und ihre Mitglieder wurden - beginnend mit der Festnahme von Harro Schulze-Boysen am 31. August 1942 - nach und nach verhaftet.

VI. Verhaftung, Prozess und Hinrichtung

Auch Maria Terwiel widerfuhr dieses Schicksal. Am 17. September 1942 nahm die Gestapo sie und Helmut Himpel in ihrer Wohnung in Berlin fest. Sie kam in die Frauenabteilung des Polizeigefängnisses am Alexanderplatz. Wie andere Mitglieder der „Roten Kapelle“ auch wurde sie wiederholt von dort in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8 gebracht, um u.a. verhört und „erkennungsdienstlich behandelt“ zu werden.
Im Gefängnis war Maria Terwiel längere Zeit in Einzelhaft und erkrankte schwer. Erst im Dezember 1942 erhielt sie die polnische Widerstandskämpferin Krystyna Wituska als Zellengefährtin. Zwischen beiden entwickelte sich sehr bald eine ganz enge Freundschaft. Davon und von Maria Terwiels Situation wissen wir aus den Briefen Krystyna Wituskas, die sie teils offiziell teils als Kassiber an ihre Angehörigen und Maria Terwiels Geschwister geschrieben hat. So heisst es etwa in einem Brief:
Als mich eine Beamtin in ihre Zelle reingeschoben hat, hat sie mich gleich unter ihren Schutz genommen. Ich war damals ein Neuling im Gefängnis, frisch aus Warschau gebracht, von meinen polnischen Kameradinnen das erste Mal getrennt, erschrocken und dem Weinen nahe. Aber bei Marie hieß es gleich, den Kopf hoch halten.
Und in einem anderen Brief:
Ja, die Freundschaft mit Mimi(gemeint ist Maria Terwiel, d. Verf.) war eine helle Karte in diesem elenden Gefängnisleben und jeder, der sie kannte, wird sie nicht so leicht vergessen. Sie war in jeder Beziehung ein feiner Kerl, vielseitig begabt, humorvoll und immer hilfsbereit. Sie war Juristin von Beruf und hatte sehr große musikalische Begabung. Sie ließ sich nie klein kriegen.[...]
Unterdessen hatten Mitte Dezember 1942 die Prozesse gegen Mitglieder der „Roten Kapelle“ vor dem höchsten deutschen Kriegsgericht, dem Reichskriegsgericht in Berlin, begonnen. Der Hauptprozess gegen Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und zehn weitere Mitglieder wegen Hochverrats, Feindbegünstigung, Spionage u.a. endete am 19. Dezember 1942 mit zehn Todesurteilen. Nachdem Hitler tags zuvor für die Hauptbeschuldigten den Tod durch Erhängen angeordnet hatte, wurden sie am Abend des 22. Dezember 1942 in dem gerade mit Fleischerhaken neu ausgestatteten Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses in Berlin-Plötzensee ermordet.
In einem der Folgeprozesse verhandelte das Reichskriegsgericht am 25. und 26. Januar 1943 gegen Maria Terwiel, Helmut Himpel, das Ehepaar Husemann und die Tänzerin Oda Schottmüller.
Die Akten aus diesem Verfahren sind bisher noch nicht entdeckt worden, sie müssen als vernichtet gelten. Aus einem Kassiber der Mitangeklagten Oda Schottmüller lässt sich aber ein gewisser Eindruck von dem Verfahren gewinnen. Darin heisst es u.a.:
Wir fuhren erst(in das Gefängnis, d.Verf.) nach Spandau und holten die beiden Männer ab. Walter Husemann und Helmut Himpel. Beide waren heiter und gut gelaunt. Wir konnten uns unterhalten - nur ich saß ein bißchen als fünftes Rad dabei [...] Wie die Verhandlung bei den anderen war - weiß ich nicht. Ich kam als letzte dran und die Herren machten alle schon einen recht abgespannten Eindruck... Daß nichts mehr zu machen war, darüber waren Behse (Oda Schottmüllers Verteidiger, d. Verf.) und ich uns schon am Sonnabend einig. Der Anwalt von Marie Terwiel, Dr. Heinz Bergmann, hat es fertig bekommen, Belastendes, das nicht einmal die Anklage erwähnt hatte, noch heranzuholen - sonst war er ganz farblos und uninteressiert, sein Gehalt war ihm ja sicher [...] Nun zu Roeder (dem Chefankläger, d. Verf.) [...] das ist ein ganz flotter Bursche, und was hatte er für eine muntere, geschniegelte Redewendung als Einleitung: Heute haben wir hier eine rote Kapelle von 5 Mann, wovon 2 allerdings Demokraten sind (gemeint sind Maria Terwiel und Helmut Himpel, d. Verf.) und eine politisch farblos (c'est moi!) [...] Walter und Marta (Husemann, d. Verf.) haben einen hervorragenden Eindruck bei den Richtern gemacht. Terwiel etwas weniger gut - Himpel mäßig - ich ganz schlecht - na, das ist meine kleinste Sorge.
Mit Ausnahme von Marta Husemann wurden alle vier zum Tode verurteilt - Maria Terwiel und Helmut Himpel wegen „Vorbereitung zum Hochverrat und Feindbegünstigung“. Oda Schottmüller spricht in dem Kassiber von einer erheuchelten Justitia. Weiter heisst es:
Von Gerechtigkeit kann man beim besten Willen nicht reden. Das Kräfteverhältnis ist in keiner Weise ausbalanciert und die Rechtsprechung geschieht in dem Sinne von: Wer die Macht hat, hat das Recht. Sich schützen und wehren muss jeder Staat. Aber was ich in meinem Fall erlebt habe, sind Desperadomanieren einer Tyrannis, die sich verzweifelt wehrt.
Wenige Tage später schreibt Maria Terwiel an ihre beiden jüngeren Geschwister Gerd und Ursula:
Seid tapfer im Leben und laßt Euch nicht immer an die Seite drücken wie bisher. Schade, daß ich nicht Euren Werdegang miterlebe, aber ich werde von oben aufpassen und versuchen, Euch zu helfen [...] Seit Wochen hatte ich mich auf den Prozeß gefreut, nicht des Prozesses wegen, der mich übrigens nicht weiter berührte, sondern weil ich hoffte, Helmut noch einmal zu sprechen. Und es hat tatsächlich geklappt! Nur hatte ich für ihn einen anderen Ausgang erwartet. Helmut, der wie ich nicht eine Spur aufgeregt war, war vergnügt wie immer, und das war für mich eine große Beruhigung, denn ich fürchtete, daß er nicht informiert wäre. - Ich bedauere sehr, daß man mir nicht ein einziges Mal Sprecherlaubnis gegeben hat, so daß wir uns nicht ein einziges Mal mehr sehen konnten. Aber einmal sehen wir uns ja alle wieder. Und glaubt mir, Gerd und Urselchen, ich habe absolut keine Angst vor dem Tode und schon gar nicht vor der göttlichen Gerechtigkeit, denn die brauchen wir jedenfalls nicht zu fürchten. Bleibt Euren Grundsätzen treu und haltet immer und ewig zusammen.
Diesen Grundsätzen ist auch Maria Terwiel selbst treu geblieben und hat auch wirklich keine Angst vor dem Tode gehabt. Dazu schreibt die Mitgefangene Krystyna Wituska:
Als wir noch am Alex waren und sie zum Tode verurteilt wurde, kamen oft Gestapokommissare und sagten, sie seien gekommen, um sie nach Plötzensee abzuholen. Das sollte natürlich nur ein guter Witz sein und sie wollten sich auf Mimis(Maria Terwiels, d. Verf.) Schreck (er)freuen, sie hat ihnen aber nie eine Spur von Aufregung gezeigt und sie sind jedes Mal sehr enttäuscht weggegangen!
Am Abend des 13. Mai 1943 wurde Helmut Himpel in Berlin-Plötzensee durch das Fallbeil hingerichtet. Er war eines von insgesamt 13 Mitgliedern der „Roten Kapelle“, die alle innerhalb von 36 Minuten umgebracht wurden.
Der Tod Helmut Himpels hat Maria Terwiel sehr schwer getroffen. In ihrem Leid versuchte sie, sich das Leben zu nehmen, konnte dann aber ihre Haltung wiedergewinnen. Krystyna Wituska, die in jener Zeit nicht mehr zusammen mit Maria Terwiel in einer Zelle, wohl aber im selben Gefängnis war, berichtet darüber:
[...] hier im Moabit ist sie wirklich sehr unglücklich geworden, als sie ihren Verlobten umgebracht haben. Sie hat ihn so wahnsinnig lieb gehabt, und was selten vorkommt, der Mann war dieser großen Liebe wert. In diesem Augenblick habe ich sehr Angst für sie gehabt, ich dachte, sie tut sich in der Verzweiflung was an. Ich weiß nur alleine, was sie in dieser Zeit durchgemacht hat, sonst niemand. Als sie aus ihrer Zelle rauskam, bewunderte ich immer ihr lächelndes Gesicht. Sie war zu stolz, um allen ihr Leid zu zeigen. Ich frage mich oft, was aus einem Volk wird, das alles, was es Wertvolles an Menschen besitzt, um die Ecke bringt?
Alle Versuche, auch die der Familie Maria Terwiels, ihr Leben zu retten, blieben erfolglos. Unter dem 21. Juli 1943 lehnte Hitler persönlich die Begnadigung von 17 zum Tode verurteilten Mitgliedern der „Roten Kapelle“ ab.
Am 5. August 1943 wird dann Maria Terwiel im Hinrichtungsschuppen in Berlin-Plötzensee mit dem Fallbeil umgebracht. Mit ihr sterben 15 weitere Mitglieder der „Roten Kapelle“. Um 19.15 Uhr wird sie getötet, schon drei Minuten später stirbt Oda Schottmüller ebenfalls durch das Fallbeil. - Später wird sich der Chefankläger in diesen Prozessen damit brüsten, es sei ihm gelungen, rund hundert Intellektuellen und Arbeitern den Kopf vor die Füße zu legen.
Einen Monat später schreibt Krystyna Wituska an Maria Terwiels jüngere Geschwister:
Ich bin auch nicht schwächer durch Maries Tod geworden, im Gegenteil. Als das erste schwere Leid und [die] Betäubung vorüber war[en], habe ich mir fest vorgenommen, meiner lieben Freundin gleich zu sein und jeden Schlag des Schicksals so tapfer zu ertragen, wie sie es getan hat. Mit den Tränen helfe ich niemandem und sie braucht kein Mitleid mehr, nur Bewunderung, weil sie wie eine Heldin für ihre Idee gestorben ist [...] Ich bedauere manchmal so sehr, wenn mir meine Lage hoffnungslos zu sein scheint, daß es mir nicht gegönnt war, zusammen mit Marie zu sterben. Dann wären wir lachend dem Tod entgegen gegangen und [hätten] ihnen gezeigt, wie sehr wir unsere Richter und Henker und den Tod selbst verachten. Leider muss jeder von uns wie Helmut und Marie den letzten grausamen Weg allein und verlassen gehen. Wir sterben - aber mit der tröstenden Gewißheit, daß der Sieg unser ist, daß wir nicht umsonst um die Befreiung gekämpft haben.
Krystyna Wituska war schon im April 1943 vom Reichskriegsgericht wegen Spionage und Mittäterschaft am Hochverrat zum Tode verurteilt worden, am 26. Juni 1944 wurde sie ebenfalls hingerichtet.
Maria Terwiels Vater war bereits ein halbes Jahr vor ihrer Verhaftung, also Anfang 1942, verstorben. Ihre Mutter wusste bis zuletzt nichts von Marias Schicksal. Noch nach dem Todesurteil gegen sie hatte sie ihre Geschwister gebeten, ihr zu erzählen, sie sei zusammen mit Helmut Himpel bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen. Noch im selben Jahr wie Maria Terwiel, im Dezember 1943, kamen ihre Mutter und ihr Bruder Gerd bei einem Bombenangriff auf Berlin ums Leben. Allein Maria Terwiels jüngere Schwester Ursula hat die Nazi-Zeit überlebt. Sie lebt im hohen Alter und zurückgezogen in Berlin.

VII. Schlussbetrachtung

Maria Terwiel ist gerade heutzutage unvergessen. Inzwischen gibt es einige wichtige kürzere Biografien über sie und auch über Helmut Himpel. In Berlin trägt eine kleine Straße, der "Terwielsteig", im Stadtteil Charlottenburg ihren Namen. Und in Boppard am Rhein erinnert die Maria-Terwiel-Straße an sie. Die Namensgebung in Boppard geht massgeblich auf eine kleine Biografie des früheren Leiters der Sparkasse C. M. Ternes in der Lokalzeitung „Rund um Boppard“ aus dem Jahre 1959 zurück. Dessen Beitrag schliesst mit den Worten, die heute noch - auch nach der Namensgebung für die Maria-Terwiel-Straße in Boppard - nichts an Aktualität eingebüßt haben:
„Die Stadt Boppard und ihre Bürgerschaft, vor allem aber ihre junge Generation, verneigen sich in Ehrfurcht vor dem großen Opfer, das Maria Terwiel mit ihrem jungen, unerfüllten Leben ihrem Glauben und ihrem Volke brachte. Aber auch vor der tapferen, in einem seltenen Idealismus und einem unerschütterlichen Willen fundierten Haltung, die selbst den Tod nicht fürchtete.
Die Stadtverwaltung Boppard sollte sich angelegen sein lassen, die Erinnerung an Maria Terwiel in geeigneter Form lebendig zu erhalten. Als ernste Mahnung aus der Vergangenheit und eindringliche Warnung für die Zukunft, aber auch als leuchtendes Beispiel edler, lauterer Menschlichkeit. Und nicht zuletzt als Vorbild echter christlicher Nächstenliebe, das in der Stille wirkte und diente, opferte und litt.“

Wie es schon Tradition geworden war, hielt Hennig bei der Volkshochschule Koblenz auch wieder drei Vorträge zum Generalthema „Verfolgung und Widerstand 1933 – 1945“. Mit Blick darauf, dass sich 2004 zum 60. Mal der Attentats- und Umsturzversuch jährte, porträtierte er drei Widerständler aus Koblenz und Umgebung – Maria Terwiel, Adolf Reichwein und Friedrich Erxleben.

Lesen Sie hier:

 

Verfolgung und Widerstand in Koblenz und Umgebung 1933 – 1945

Widerständler aus Koblenz und Umgebung Teil 2: Adolf Reichwein (1898 – 1944)


Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich begrüße Sie sehr herzlich zum zweiten Vortrag in diesem Wintersemester. In diesem Semester geht es ja – mit Blick auf die 60. Wiederkehr des 20. Juli 1944 in diesem Jahr – um Biografien von Widerständlern aus Koblenz und Umgebung. Vor zwei Wochen haben wir uns mit dem Lebensbild von Maria Terwiel beschäftigt, einer Juristin aus Boppard am Rhein, die Mitglied der so genannten Roten Kapelle war. Wer von Ihnen den letzten Vortrag gehört hat, erinnert sich sicherlich, dass dabei mehrfach der Name Adolf Reichwein gefallen ist, und ich dann immer abwehrte und sagte, mit Adolf Reichwein werden wir uns das nächste Mal beschäftigen.

Das nächste Mal ist jetzt heute und deshalb wollen wir uns nun Adolf Reichwein widmen, dem in Bad Ems geborenen Reformpädagogen und Sozialisten. Er war promoviert, hatte eine Professur inne und war Mitglied des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg. Vor ziemlich genau 60 Jahren, am 20. Oktober 1944 wurde er in einem Schauprozess vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am selben Tag im Hinrichtungsschup-pen in Berlin-Plötzensee ermordet. Adolf Reichweins Gedan-ken, Ideen und Ideale konnten die Nazis aber nicht ermorden. Sie sind heute noch so aktuell wie damals. Und das ist für mich das Erstaunliche und Erschreckende zugleich: Dass Reichwein diese Vorstellungen schon vor mehr als 60 Jahren entwickelte und sogar teilweise realisierte und wir heute noch nicht viel weiter gekommen sind als Adolf Reichwein damals und das noch als Autodidakt.. Lassen Sie mich aus der sehr wahrschein-lich von Adolf Reichwein stammenden Grundsatzerklärung über „Lehre und Erziehung in Schule und Hochschule“ zitieren, die für die zweite Tagung des „Kreisauer Kreises“ vom 22. bis 25. Mai 1942 auf dem Gut Kreisau in Niederschlesien verfasst wurde.

Das dringendste Anliegen an Lehre und Erziehung wird die Begründung eines gesitteten Lebens sein... Es wird also nicht darauf ankommen, Formuliertes zu vermitteln, sondern vielmehr den jungen Menschen zu den elementarsten Selbstformulierungen zu verhelfen. Es ist wichtiger, sie gesittetes Leben erfahren und üben zu lassen, vor allem in der Arbeit selbst zum Erlebnis zu bringen, als ihnen Ethik zu dozieren... Es muss im Ansatz schon vermieden werden, dass Lehre und Erziehung auseinander fallen in einen innerlich ungerichteten Sachunterricht positivistischer Prägung und eine lehrmäßige Vermittlung der religiösen Gehalte... Eine pädagogische Arbeit, die auf der Mitbeteiligung des Schülers aufbaut, die Mobilisierung seiner Selbstkräfte anstrebt und ein Erziehungsleben will, an dem alle mitgestalten, verlangt einen Lehrer, der pädagogisch und psycholo-gisch gründlich geschult ist und gelernt hat, dieses sein berufliches Grundwissen in die vielseitige stoffliche Arbeit seiner Schule zu über-setzen; es muss ein Lehrer sein, der denkerisch und wissenschaftlich auf eigenen Beinen stehen kann. Das soll nicht heißen, dass er selbst forschend oder im strengen Sinne wissenschaftlich arbeitet, aber es soll unter allen Umständen heißen, dass er eine saubere wissenschaftliche Methode beherrsche und imstande ist, sich geistig selbst zu helfen... Das Sich wieder Finden in der pädagogischen Aufgabe kann nur von dem einzelnen Erzieher selbst geleistet werden und in dem Raum, in dem er selbst Herr und Gestalter ist, in seiner Schule. Es wird also notwendig sein, der Schule selbst wieder selbständige und freie Arbeit zu ermöglichen. Diese Belehnung mit Freiheit ist aber nur denkbar, wenn Vertrauen im Vorschuss gegeben wird. Das setzt einen Abbau der Schulaufsicht im Verwaltungsmäßigen voraus, eine Entlassung des Lehrers von einem überwuchernden bürokratischen Verkehr und die Schaffung einer lebendigen auf persönlicher Vertrauensbeziehung begründeten staatlichen Schulpflege.

Ich denke, dieses kurze Zitat und die wenigen erzählten Fakten deuten auf ein ungewöhnliches Leben und eine ungewöhnliche Persönlichkeit des zu Porträtierten hin. Beides, Leben und Persönlichkeit Adolf Reichweins möchte ich Ihnen nun beginnend in Bad Ems vor den Toren von Koblenz im Einzelnen darstellen.

Geboren wird Adolf Reichwein am 3. Oktober 1898 als erstes von drei Kindern des Volksschullehrers Karl Reichwein und seiner Frau Anna Maria. Adolfs Vater stammt aus einer protestantischen Bauernfamilie in Heckholzhausen im Westerwald, Adolfs Mutter kommt aus einer katholischen Kaufmannsfamilie aus dem Rheingau. Sein Vater ist Sozialdemokrat und bemüht sich um eine reformpädagogisch geprägte, von Pestalozzi geprägte Schularbeit. Schon bald fühlt er sich in der politischen Enge des wilhelminischen Nobelbades Bad Ems nicht recht wohl. Er lässt sich deshalb in einen Ort in der Nähe von Friedberg in Oberhessen versetzen. Als Adolf sechs Jahre alt ist, zieht die Familie von Bad Ems ins Oberhessische.

Vater Reichweins Schule ist eine einklassige Volksschule, neben seiner Tätigkeit als Lehrer spielt er auch die Orgel in der Dorfkirche. Adolf ist Schüler seines Vaters und wird so frühzeitig mit fortschrittlicher Schularbeit vertraut. Er hilft seinem Vater bald bei schulischen Aktivitäten und vertritt ihn sogar, als dieser zum Kriegsdienst eingezogen wird.

Von klein auf ist Adolf Reichwein naturverbunden. Wesentliche Impulse erhält er dabei durch die gerade erst entstandene Wandervogelbewegung. In scharfer Abgrenzung zur Erwachsenenwelt schaffen sich diese Jugendlichen, Schüler und Studenten, ihr eigenes „Jugendreich“. In der Abkehr und Auflehnung gegen das Alter und das Bürgertum, gegen Kastengeist und Muckertum der Wilhelminischen Ära entwickeln sie ein eigenes Lebensgefühl. Ausdruck dessen sind ein eigener Kleidungsstil, ein neues Naturverständnis und mannigfaltige kulturelle Ausdrucksformen. Man gibt sich herrlich frei und unbekümmert. Je wilder die Tracht, je rauer die Sitten, umso besser! Ihren Höhepunkt vor dem I. Weltkrieg erreicht die Jugendbewegung mit dem gemeinsamen Treffen auf dem Hohen Meißner in Nordhessen 1913. Hier gibt man sich den Namen „Freideutsche Jugend“ und verabschiedet die berühmt gewordene „Meißnerformel“:

Die Freideutsche Jugend will ihr Leben nach eigener Bestimmung, vor eigener Verantwortung, in innerer Wahrhaftigkeit gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein. Zur gegenseitigen Verständigung werden Freideutsche Jugendtage abgehalten. Alle Veranstaltungen der Freideutschen Jugend sind alkohol- und nikotinfrei.

Trotz dieses programmatischen Bekenntnisses zu Autonomie und Selbsterziehung erfasst die allgemeine Kriegsbegeisterung auch große Teile der Jugend, auch der Jugendbewegung. Auch Adolf Reichwein lässt sich davon anstecken und meldet sich nach dem Notabitur Anfang 1917 als Kriegsfreiwilliger. Ab 1. April 1917 ist Adolf Reichwein Soldat. Ende 1917 wird er in Frankreich als Stoßtruppführer schwer verwundet. Sein Freund Ernst Fraenkel, der später als Jurist und Politologe bekannt wurde (von ihm stammt das Anfang der 40er Jahre in den USA geschriebene grundlegende Buch über den Nationalsozialismus „Der Doppelstaat“), rettet Reichwein das Leben. Dieses Kriegserlebnis traumatisiert ihn und lässt ihn sein Leben lang nicht mehr los.

Im Mai 1918 – also noch während des Krieges – beginnt Reichwein in Frankfurt/Main ein breit gefächertes Studium der Fächer Geschichte, Kunstgeschichte, Germanistik, Philosophie und Nationalökonomie. Er studiert wie Ernst Fraenkel und Carlo Schmid bei Hugo Sinzheimer, dem „Vater des deutschen Arbeitsrechts“. Reichweins Ziel ist die Erwachsenenbildung. Er hat erkannt, dass nach der wilhelminischen Ära und dem verlorenen Ersten Weltkrieg soziale Reformen notwendig sind und dass diese auf einer grundlegenden Reform der Volksbildung fußen müssten.

1920 verlässt Reichwein die Universität in Frankfurt und immatrikuliert sich in Marburg. Dort schließt er sich einer Jugend bewegten akademischen Vereinigung an. Mit 21 Jahren heiratet seine erste Frau Eva Hillmann. Diese Ehe geht dann aber bald in die Brüche. 1923 promoviert er in Marburg zum Doktor der Philosophie mit dem Thema „China und Europa im 18. Jahrhundert“. Schon nach der Abgabe seiner Dissertation engagiert er sich in der Erwachsenenbildung. Er ist Leiter einer Arbeitsgemeinschaft von Studenten und Jungarbeitern und dann Geschäftsführer des „Ausschusses der deutschen Volksbildungsvereinigungen“ in Berlin. Dieser Volkshochschul-arbeit und der Arbeiterbildung widmet er sich auch nach Abschluss des Promotionsverfahrens. Reichwein wird Geschäftsführer der überörtlich koordinierten Volkshochschule Thüringen in Jena und dann später der Volkshochschule Jena.

Das Jahr 1925 bringt für Reichwein schwere Rückschläge. Zunächst erkrankt er schwer an Diphterie und muss wochenlang seine Arbeit unterbrechen. Später stirbt kaum zwei Jahre sein Sohn durch einen Unfall. In diese Zeit fällt auch die Entfremdung der Eheleute Reichwein voneinander. Im Frühjahr 1926 trennen sich Adolf und seine erste Frau Eva voneinander.

Im gleichen Jahr gründet Adolf Reichwein mit Hilfe der Carl-Zeiss-Stiftung in Jena ein Jugendarbeiterwohnheim. Dieses Volkshochschulheim für junge Arbeiter, dessen Leiter und Mitbewohner er wird, wird bald Kristallisationspunkt seines pädagogischen Engagements in Jena.

Im Sommer des gleichen Jahres begibt sich Adolf Reichwein auf eine fast einjährige Forschungsreise nach Nordamerika. Die Reise beginnt im August 1926 in New York. Mit einem eigens zu diesem Zweck umgebauten Ford durchquert er die USA von der Ost- zur Westküste. Auch zwei schwere Autounfälle können ihn nicht davon abhalten, schließlich in Seattle anzukommen. Anschließend bereist er Westkanada und Alaska. Seinen ursprünglichen Plan, mit dem Auto über Kalifornien nach Mexiko zu reisen, gibt er kurzfristig zu Gunsten einer Ostasienfahrt auf. Am Weihnachtsabend 1926 lässt er sich als Kadett auf einem amerikanischen Handelsschiff anheuern und begibt sich als „Senior Officer“ auf eine zweimonatige Seefahrt nach Japan, China und den Philippinen.

Im Juni 1927 kehrt Reichwein nach Jena zurück. Er übernimmt wieder die Leitung der Volkshochschule und des Volksschulheims. Als Resultat seiner Forschungsreise veröffentlicht er sein 600 Seiten umfassendes wissenschaftliches Hauptwerk „Die Rohstoffwirtschaft der Erde“. Bald darauf erscheinen der Erzählband „Erlebnisse mit Tieren und Menschen“ sowie die mehr historisch angelegten Bücher „Mexiko erwacht“ und „Blitzlicht über Amerika“ – insgesamt eine reiche Ernte eines vielseitigen und sachkundigen Wissenschaftlers ebenso wie eines abenteuerlustigen Globetrot-ters, der mit offenen Sinnen durch die Welt gereist ist.

Daneben intensiviert Reichwein die Arbeit mit seinen Jungarbeitern im Volkshochschulheim. Er gibt Strafgefangenen die Chance zur Rehabilitation, indem er sie in seine Schule aufnimmt und setzt sich bewusst dem „Wagnis der Bewährung“ aus. Er organisiert große, mehrwöchige Fahrten. Im Sommer 1928 unternimmt er mit zwölf jungen Arbeitern aus dem Heim eine achtwöchige Großfahrt nach Skandinavien. Höhepunkt der Fahrt war ein Fußmarsch quer durch das menschleere Lappland. Später, im Jahre 1941, veröffentlicht er darüber eine Erzählung mit dem Titel „Hungermarsch durch Lappland“. Einer der Kernsätze in dieser Erzählung lautet: „In der Entscheidung gibt es keine Umwege“ – das war sicherlich eine Art Lebensmotto für Adolf Reichwein, das in seiner letzten Lebensphase im Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine letzte Konse-quenz erlangen sollte.

Kaum von der Großfahrt nach Lappland zurückgekehrt, lässt sich Reichwein zum Sportpiloten ausbilden. Er kauft sich eine „Klemm 25“ und unternimmt jahrelang abenteuerliche Flüge. Dabei nutzt er sein fliegerisches Können auch, um als Referent schnell Anfang zu Tagungen zu gelangen. Er erwirbt sich den Ruf und die Bewunderung eines „fliegenden Professors“. Auch leitet Reichwein Lager mit Arbeitern, Bauern und Studenten in Niederschlesien. Dabei lernt er Männer wie Hellmuth James Graf von Moltke, …..von Trotha und Horst von Einsiedel kennen, die später zusammen mit Reichwein den „Kreisauer Kreis“ bilden sollten.

Schon bald stellt sich Reichwein neuen Aufgaben. Bis zum Sommer 1929 bleibt er zwar noch Leiter der Volkshochschule Jena, folgt aber bereits im März 1929 einem Ruf ins preußische Kultusministerium in Berlin. Dort wird er zunächst wissenschaftlicher Hilfsarbeiter und dann sehr bald persönlicher Referent des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker. Diesem geht es um die Erneuerung der Kulturpolitik, vor allem um eine grundlegende Reform des preußischen Bildungswesens im Sinne der Weimarer Republik. Kernstück wird die Neuordnung der Volksschullehrerbildung durch die Errichtung Pädagogischer Akademien, die die reformpädagogischen Ansätze vertiefen und in die Unterrichtspraxis umsetzen sollen. Angestrebt ist eine schnelle und vollständige Überwindung der wilhelminischen „Pauk- und Drillschule“. In den Akademien sollten Praxisbezug, methodisch-didaktische, künstlerisch-technische und fachwissenschaftliche Ausbildung sowie staatsbürgerliche Erziehung im Geiste der Weimarer Republik zusammenwirken.

Nach einem Ministerwechsel scheidet auch Reinwein aus dem Kultusministerium aus und wird 1930 von dem neuen preußischen Kultusminister, dem Sozialdemokraten Adolf Grimme, als Professor für Geschichte und Staatsbürgerkunde an die neu gegründete Pädagogische Akademie in Halle an der Saale berufen. Die folgenden drei Jahre stellen zumindest äußerlich einen glanzvollen Höhepunkt in Reichweins Biografie dar. Reichwein wird in der Akademie „eine Art Zentralfigur“. Er gründete und belebte wöchentliche Diskussionsabende und führte in den Lehrbetrieb der Akademie die „Lager- und Wandererziehung“ ein. Er veranstaltete Ferienlager, im Winter Skilager in Berghütten im Riesengebirge, im Sommer Zeltlager an der See. In dieser Zeit wird der angesichts des sensationellen Erfolgs der NSDAP bei den Septemberwahlen 1930 einen Monat später Mitglied der SPD. Vor dem Hintergrund seiner ethisch-humanitären Grundhaltung fühlt er sich einer Gruppe aktiver und meist jüngerer Reformsozialisten zugehörig, von denen einige die „Neuen Blätter für den Sozialismus“ herausgaben, sein Ziel ist die „gesellschaftspolitische Vorwärts-verteidigung“ der Weimarer Republik. Später sagte er zu dieser Entscheidung:

Für meinen Eintritt war als Voraussetzung entscheidend, dass ich meinen ganzen Berufsweg einschließlich meiner Berufung nach Halle bewusst und ausgesprochen ohne ‚Parteibuch’ gemacht hatte, und zweitens, dass im Herbst 1930 durch den Eintritt in diese Partei gewiss nichts mehr zu ‚gewinnen’ war. Warum trat ich trotzdem ein? Weil ich – in einer Arbeiterstadt wie Halle lebend – nicht mehr ansehen konnte, wie die organisierte Arbeiterschaft ohne zeitgemäße geistige Führung war... Wenn ich aber den erzieherischen Dienst an der gewerkschaftlichen Jugend, der Jugend der Naturfreunde und ähnlicher Gruppen aufnehmen wollte, brauchte ich das Vertrauen dieser ‚Organisierten’, ich musste selbst ‚organisiert’ sein. Darum bin ich in die erwähnte Partei eingetreten, nicht zu politischen, sondern zu ausgesprochenen Bildungszwecken.

Am 1. April 1933 heiratet Reichwein seine Dozentenkollegin Rosemarie Pallat. Während sie auf Hochzeitreise in Italien sind, wird das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamten-tums“ vom 7. April 1933 erlassen. Aus Italien zurückgekehrt werden Reichwein und auch seine Frau aufgrund dieses Gesetzes zwangsweise beurlaubt. Reichwein wird daraufhin eine Professur in Istanbul angeboten. Das frisch vermählte Paar erwägt eine Emigration in die Türkei, verwirft diese aber wieder.

Stattdessen stellt Reichwein den Antrag auf Versetzung in das Amt eines einfachen Volksschullehrers und bekommt zum 1. Oktober 1933 die einklassige Landschule in Tiefensee/Kreis Oberbarnim in der Mark Brandenburg gewissermaßen zur „Bewährung“ übertragen. Sein Flugzeug meldet er in diesem Jahr übrigens ab – Anlass hierfür war, dass er anderenfalls auf dem Flugzeug das Hakenkreuz als Hoheitszeichen hätte anbringen müssen.

In dieser auch für einen Lehrer sehr schwierigen Zeit bemüht sich Reichwein, sich selbst und seinen Idealen treu zu bleiben. Einerseits versucht er die Einflüsse der NS-Ideologie von seiner kleinen Dorfschule und auch dem kleinen Dorf fern zu halten und andererseits die eigenen menschlichen, pädagogischen und politischen Überzeugungen zu verwirklichen. Das gelingt ihm in einem ganz erstaunlichen Maße. Auf seiner pädagogischen Insel „Tiefensee“ entwickelt der Kosmopolit Reichwein in den folgenden Jahren sein Konzept praktischen Lernens mit „Kopf, Herz und Hand“. Es ist das „Schulmodell Tiefensee“, ein Modell einer humanen und lebendigen Schule. Reichwein lässt die dreißig Kinder der kleinen Gemeinde bislang unbekannte, motivierende Formen des Unterrichts erleben. Er greift die Grundlinien Pestalozzis, die er bereits in der Schule seines Vaters kennen gelernt hatte, auf und entwickelt sie in Tiefensee weiter. Reichwein lehrt seine Kinder in Arbeitsgruppen die Welt durch Anschauung und Begreifen zu verstehen. Dabei erschaffen sie selbständig Gegenstände und benutzen diese, die sie bisher nur vom Sehen kannten. Anhand gemeinsam gebauter Modelle und in Versuchen, bei Arbeiten im Schulgarten, auf Streifzügen durch die Landschaft rund um Tiefensee, auf Ferienfahrten, durch Museumsbesuche und bei Werks- und Betriebsbesichtigungen erfahren sie die Welt und lernen dabei. Es ist kein Unterricht aus Schulbüchern, sondern sie lernen durch das Erleben der Praxis, durch Mitwirken und durch aktives Schaffen. Reichwein verbindet dieses Praxis bezogene Lernen durch vielfältige gemeinsame musische Betätigungen, die an seine Wandervogelzeit anknüpfen und er beteiligt die Kinder an dörflichen Aktivitäten.

Ende 1937 erscheint dann Reichweins klassischer Schulbericht „Schaffendes Schulvolk“, in dem Reichwein seine Erfahrungen und Reflexionen während der mehrjährigen Unterrichtsarbeit zusammenfasst. Ein halbes Jahr später erscheint Reichweins zweiter Praxisbericht unter dem Titel „Film in der Landschule“, es ist eine Pionierarbeit auf dem noch jungen Gebiet der Medienpädagogik.

Ausgangspunkt von Reichweins Pädagogik war die Mobilisierung der Selbstkraft, die Weckung der geistigen Spontaneität des Kindes. Die zukünftige Gesellschaft – so Reichwein – brauche keinen passiv-reproduktiven, durch blinden „soldatischen Gehorsam“ gedrillten Schüler, der „wie eine genormte Form (...) überall in das mechanische Gefüge passt“, sondern gefordert seien von ihm in den „wechselnden und immer wieder neuen ‚Lagen’“ einer modernen Industrie-gesellschaft „geistige Bereitschaft, Können und das Bewusstsein einer eigenen Verantwortung“. Die Schüler in Reichweins Landschule sind nicht in Jahrgangsklassen eingeteilt, sondern in Arbeitsgruppen, zu denen Kinder verschiedener Jahrgänge und unterschiedlicher Leistungsstufen gehören. „Jedes Kind soll nach seinem eigenen Rhythmus wachsen können“ – so Reichweins Devise. Die Schüler sollen zu einer sich wechselseitig helfenden Schülergemeinschaft zusammen wach-sen, die auf die Ausbildung und Pflege sozialer Verhaltensweisen wie Solidarität, Kooperationsfähigkeit und mitmenschliches Verantwortungsgefühl gegründet ist. Ziel der Erziehung war das typisch sozial-humanistische Bildungsideal der „voll entfalteten Persönlichkeit im Dienst der Gemein-schaft“. Dabei sollten auch die manuellen Tätigkeiten nicht zu kurz kommen. Im Gegenteil. Die handwerkliche Arbeit bildet den Kern der Tiefenseer Schularbeit, begleitet und krönt die Vorhabengestaltung. „Was die Hand geschaffen hat, begreift der Kopf umso leichter“, lautet Reichweins pädagogischer Grundsatz.

Trotz alledem oder gerade deshalb führt Reichwein auch ein Doppelleben. Auch er muss gewisse NS-Rituale einhalten, um überleben zu können. Einem Freund gesteht Reichwein einmal ganz niedergeschlagen: „Heute habe ich zum ersten Mal wirklich gelogen. Ich habe einen Schulrat mit Hitlergruß begrüßt.“ Bei seinen Schülern und dessen Eltern erfährt dieser strafversetzte, „politisch unzuverlässige“, ehemalige Akademieprofessor zunehmend Achtung und Anerkennung. Ein Vater, nach Reichwein befragt, hat einmal gesagt: „Der Professor? Wissen Sie, der hat unsere Kinder frei gemacht.“

Im Jahre 1938 – Adolf Reichwein ist inzwischen dreifacher Familienvater – entwickelt sich ein Freundeskreis um Hellmuth James Graf von Moltke, aus dem sich alsbald der so genannte Kreisauer Kreis bildet. Von Moltke und andere Mitglieder kennt Reichwein von Lagern mit Arbeitern, Bauern und Studenten, die er Ende der 20er Jahre in Niederschlesien geleitet hat. Von Moltke geht es darum, sich in diesem Freundeskreis darüber auszutauschen, wie der deutsche Staat und die deutsche Regierung nach Hitler aussehen müssten. Zu diesem Kreis erhält Reichwein Kontakt durch seinen Freund Horst von Einsiedel. Reichwein ist auch weiterhin auf Vortragsreisen unterwegs. Beispielsweise ist er vier Wochen in England und referiert über das Thema „Ländliches Erziehungswesen in Deutschland“.

Reichweins Zeit in der Dorfschule in Tiefensee geht im Frühjahr 1939 zu Ende. Im Mai 1939 lässt er sich für eine Tätigkeit an den Staatlichen Museen Berlin beurlauben und wird Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ am Staatlichen Museum für deutsche Volkskunde“.

Zum Abschied von den Tiefenseer Schulkindern schreibt er jedem Kind einen selbst gedichteten ganz persönlichen Spruch in deren Poesiealbum. Eine dieser Losungen lautet:

Richte immer die Gedanken

Fest und ohne schwaches Schwanken

Auf das selbst gewählte Ziel!

Hilft das Herz als Kompass viel,

Weist die Richtung in der Stille,

Soll der selbst gestählte Wille

Doch Dich stärken, fest zu halten

Und Dein Leben zu gestalten

Nach den großen Tugendbildern,

die des Lebens Härte mildern:

Güte allen Menschen zeigen

Wahrheit gegen jedermann,

Über andrer Fehler schweigen,

Und nur wollen, was man kann.

Seine vordringliche Aufgabe als Leiter der Abteilung „Schule und Museum“ sieht er darin, „eine umfassende Museumspädagogik praktisch zu erproben und auszubilden“, d.h. die Museen „als Anschauungs- und Arbeitsstätten“ für eine „erzieherisch gelenkte Schularbeit“ fruchtbar zu machen. „Die gegenständlichen Sammlungen unserer Museen sollen dem Unterricht als eine Welt lebendiger Anschauung erschlossen werden und es dem Lehrer ermöglichen, mit seinen Kindern jenen Weg zu gehen, der sich noch immer als der ergiebigste, kürzeste, unbeschwerteste und kindgemäße erwiesen hat, und der gelegentlich als der Weg von der Anschauung zum Begriff bezeichnet wurde.“

Zur eigentlichen Museumsarbeit konzipiert und organisiert Reichwein vier große Schulausstellungen zu handwerklichen Themen; außerdem unternimmt er mehr als einhundert Reisen zu museums- und werkpädagogischen Vorträgen und Kursen im gesamten Reichsgebiet.

Unterdessen intensiviert Reichwein seinen Kontakt zu dem Freundeskreis um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf York von Wartenburg, dem „Kreisauer Kreis“. Er wird der „Verbindungsmann“ der „Kreisauer“ zu den verschiedensten Widerstandsorganisationen in Deutschland und im benachbarten Ausland. Dabei nutzt er seine beruflichen Aktivitäten, um mit Personen in Kontakt zu kommen, die dem herrschenden Regime kritisch gegenüber standen. So war es insbesondere Reichwein zu verdanken, dass Vertreter der Arbeiterbewegung wie Carlo Mierendorff, Theodor Haubach, Wilhelm Leuschner und vor allem Julius Leber für die „Kreisauer“ gewonnen werden konnten.

Der „Kreisauer Kreis“ ist in den Jahren ab 1939 bis 1942 auf der Basis persönlicher Kontakte allmählich zusammen gewachsen. Er umfasste in seinem Kern etwa 20 Personen, Menschen verschiedener politischer Richtungen, sozialer Herkunft und geistiger Verwurzelung. Konservative, Liberale und Sozialdemokraten, Jesuitenpatres und evangelische Pfarrer gehörten ihm an und fanden mit Angehörigen des preußischen Adels zusammen, „um gemeinsam aus einem tiefen moralischen Antrieb heraus für die Überwindung des herrschenden Unrechtssystems und den Aufbau einer neuen, freiheitlichen Ordnung zu arbeiten“.

Adolf Reichwein gehört zum engsten Kreis der „Kreisauer“. Allein die Briefe von Moltkes verzeichnen in den Jahren bis 1944 rund 40 Begegnungen mit Adolf Reichwein. Reichwein ist der einzige „Schulfachmann“ im „Kreisauer Kreis“. Er selbst gilt als Kultusministerkandidat für eine Regierung nach Hitler. Auf der ersten großen Tagung in Kreisau Zu Pfingsten, vom 22. bis 25. Mai 1942, trägt er seine Gedanken zu Fragen der Erziehung im Allgemeinen und der Schule im Besonderen vor. Zu Beginn meines Vortrages habe ich Ihnen daraus einige Passagen zitiert. Nicht unerwähnt bleiben soll in diesem Zusammenhang, dass sich Reichwein in den wichtigen Fragen der Lehrerbildung und des Religionsunterrichts als verpflichtendes Lehrfach nicht durchsetzen konnte. Auch in dem letzten Memorandum des „Kreisauer Kreises“, den „Grundsätzen für die Neuordnung“ vom 9. August 1943 – finden sich diese prononcierten Vorstellungen Reichweins nicht wieder.

In dieser Zeit - im August 1943 – kommt es dann zu wesentlichen Veränderungen. Zum einen wird die Wohnung der Reichweins in Berlin durch einen Luftangriff zerstört. Daraufhin zieht Adolf Reichwein zusammen mit seiner Frau und den gemeinsamen – inzwischen vier – Kindern auf das Hofgut der von Moltkes in Kreisau. Zum anderen gelingt es Reichwein, den sozialdemokratischen Arbeiterführer Julius Leber näher an den „Kreisauer Kreis“ heranzuführen. Wenig später, im Herbst 1943, wird auch die Verbindung der „Kreisauer“ mit Claus Graf Schenk von Stauffenberg enger. Beide, Leber und Stauffenberg, sollten in der Folgezeit eine immer größere Bedeutung nicht nur für den „Kreisauer Kreis“, sondern für den deutschen Widerstand überhaupt erlangen.

Bald gibt es aber auch sehr wesentliche Rückschläge. Der erste ist mit dem Sozialdemokraten Carlo Mierendorff verbunden. Er wird im Dezember 1943 bei einem Luftangriff der Alliierten in Leipzig getötet. Mit Januar 1944 wird dann Moltke von der Gestapo verhaftet. Der Anlass ist eher nichtig, die Festnahme trifft aber das Nervenzentrum der „Kreisauer“ und reißt eine empfindliche Lücke. „...ein Wintergewitter, und der Blitz hat dicht neben uns eingeschlagen“, schreibt Reichwein erregt an einen Freund.

Dadurch rückt nun Peter Graf Yorck von Wartenburg an die Spitze des „Kreisauer Kreises“. Er kann aber den „spiritus rector“ des Kreises, der Moltke war, nicht ersetzen. Eugen Gerstenmaier, der ebenfalls zum „Kreisauer Kreis“ gehörte, sagte später, nach Moltkes Verhaftung habe es keinen „Kreisauer Kreis“ mehr gegeben, sondern nur noch „Kreisauer“. Nun wird immer stärker auf die Staatsstreichaktion mit dem Attentat hingearbeitet. Julius Leber tritt mehr und mehr in den Vordergrund und die Zusammenarbeit mit Stauffenberg wird immer intensiver. Julius Leber und gerade auch Adolf Reichwein unternehmen große Anstrengungen, um das im Untergrund noch vorhandene Netz von Widerstandszellen unter alten Sozialisten und Gewerkschaftern zu verdichten. Es geht ihnen darum, dass der Militärputsch auch von unten von breiter Basis unterstützt wird. Zu Pfingsten 1944 kann Adolf Reichwein seiner Frau und Freya von Moltke - die Reichweins wohnen seit einigen Monaten ja auf dem Gut Kreisau – berichten:

Jetzt habe ich Kontakt zu den Kommunisten aufgenommen. Wenn das schief geht, kostet es das Leben.

Als eine Art Vermächtnis – wie man im Nachhinein meinen könnte – schreibt Adolf Reichwein Ende Juni 1944:

Es müssen entscheidende Schritte unternommen werden, um das deutsche Volk und die europäische Kultur zu retten. Es ist tragisch, zu Mitteln greifen zu müssen, die ich aus meiner ganzen inneren Einstellung heraus ablehne. Wir werden auch bestenfalls kein eigenes Leben mehr haben, das werden wir unseren Kindern und der Zukunft des deutschen Volkes zum Opfer bringen müssen. Doch um dieser Zukunft willen muss es sein. Es ist schon sehr, sehr spät, aber noch nicht zu spät.

Am 21. Juni 1944 kommen dann Yorck, Leber, Reichwein, Haubach, van Husen, Lukaschek und von Trott zu Solms in Berlin zusammen. Dies dient der Vorbereitung eines ersten Treffens mit einer kommunistischen Widerstandsgruppe, zu der u.a. Anton Saefkow, Franz Jakob und Bästlein gehören.

Mit Wissen und Billigung Stauffenbergs und Yorcks kommt es dann am Abend des 22. Juni 1944 zu einem Treffen Reichweins und Lebers mit führenden kommunistischen Funktionären. Der eine der beiden Kommunisten ist Franz Jacob, der andere Anton Saefkow. Der dritte ist – wie sich erst später herausstellt – kein kommunistischer Funktionär – sondern ein Gestapoagent namens Ernst Rambow. Er hatte sich in das Vertrauen des Zentralkomitees der illegalen KPD eingeschlichen und wird bei Treffs als Begleiter verwendet. Bei diesem Gespräch stellt sich heraus, dass die Kommunisten den Anschauungen des „Kreisauer Kreises“ viel weiter entgegen kommen, als Leber und Reichwein es erwartet haben. Für den 4. Juli 1944 vereinbart man eine weitere Zusammenkunft. Es treffen sich dann Reichwein, Jacob und Saefkow, Leber kommt - aus welchen Gründen auch immer – nicht. Die drei vereinbaren ein neues Treffen am nächsten Tag. Doch dazu kommt es nicht. Beim Verlassen des Treffpunkts werden Reichwein, Jacob und Saefkow von der Gestapo verhaftet. Sie sind von dem Gestapospitzel verraten worden. Am nächsten Tag wird auch Leber verhaftet.

Auch dies ist ein schwerer Schlag für die „Kreisauer“ und in gewisser Weise auch für Stauffenberg und seine Attentatspläne. Vermutlich ist die Verhaftung Reichweins und Lebers am 4. bzw. 5. Juli 1944 ein wichtiger Grund dafür, dass Stauffenberg seine Attentatspläne nun mit Hochdruck verfolgt und dann am 20. Juli 1944 ausführt.

Adolf Reichwein wird zunächst in das Zuchthaus Brandenburg-Goerden gebracht, im September in das Gefängnis in der Lehrter Straße in Berlin und zum Prozess in die Gestapo-Zentrale in der Prinz-Albrecht-Straße 8. Die Haft ist für ihn eine Qual. Mithäftlinge berichten, dass er zur Erzwingung von Aussagen bei Verhören schwer misshandelt und nachts sogar mit einer Kette an Beinen und Armen gefesselt wird. Am 25. September 1944 wird er aus dem Beamtenverhältnis ausgestoßen.

Am 20. Oktober 1944 findet im Saal des Kammergerichts in Berlin-Schöneberg der Prozess vor dem Volksgerichtshof statt. Angeklagt sind vier Sozialdemokraten: Adolf Reichwein, Julius Leber, Hermann Maass und Gustav Dahrendorf (der Vater von Ralf Dahrendorf). Den Vorsitz beim Volksgerichtshof führt dessen Präsident Roland Freisler. Er ist der Prototyp des „Blutrichters“, später nannte man ihn auch den „Mörder in roter Robe“.

Von Reichwein sind während des Prozesses einige Standfotos gemacht worden. Trotz aller Misshandlungen und Demütigungen zeigen sie ihn ungebeugt und aufrecht. Der einzige Überlebende dieser vier Angeklagten, Gustav Dahrendorf, hat später den Verlauf der Verhandlung vor dem Volksgerichtshof wie folgt geschildert:

Die Verhandlung trug alle Züge eines Schau- und Tendenz-Prozesses. (...) Freisler schrie, gestikulierte. Keine Formulierung ohne entsetzliche Bosheit oder Brutalität, kein Fünkchen Menschlichkeit, keine Andeutung auch nur formalen Rechts.(...)

Im Ablauf der Verhandlung gegen Adolf Reichwein gab es einen großen und erschütternden Abschnitt. Reichweins Offizial-Verteidiger, dem jeder Versuch eines Einwands zu den „Tatbeständen“ abgeschnitten worden war, bat schließlich, das Gericht möge doch die außerordentlichen Qualitäten seines Mandanten berücksichtigen. Es schien, als wolle Freisler Adolf Reichwein sprechen lassen.

Reichwein begann mit ganz leiser Stimme. Er konnte nicht lauter sprechen. Die Haft mit ihren seelischen Erregungen und körperlichen Misshandlungen hatte ihm die Stimmkraft genommen. Ich konnte seine Stimme kaum vernehmen. Für Sekunden nur waren alle Blicke auf ihn gerichtet. Mich packte eine tiefe Sympathie für diesen Mann. So wie er da stand, war er das Symbol alles Menschlichen, von dem selbst in diesem Augenblick alle Qual des Leidens abfiel.

Er begann von seiner Arbeit zu sprechen. Er begann ... und einer Meute gleich brach es aus Freisler heraus: Menschlichkeit, menschliche Werte? Wer das große Vertrauen so sehr geschändet habe wie Reichwein, habe das Recht verwirkt, menschlich bewertet zu werden. Schluss, Schluss – kein Wort mehr. Verbrecher, Verbrecher ... Ein Orkan von brutalsten Formulierungen unterbrach die Stille, die sich für einen Augenblick – nicht mehr war es – um diesen Menschen gebreitet hatte. – Reichwein sprach später kein Schlusswort.

Noch am selben Tag werden die Angeklagten verurteilt. Julius Leber, Adolf Reichwein und Hermann Maass wegen Landesverrats zum Tode und Gustav Dahrendorf wegen Nichtanzeige dieses „Verbrechens“ zu sieben Jahren Zuchthaus. Das sog. Urteil für drei Todesurteile und sieben Jahre Zuchthaus ist noch nicht einmal zwei Seiten lang. Die Form ist genauso unangemessen wie das Strafmaß.

Während Julius Leber anschließend noch monatelang in Haft gehalten wird, um von ihm noch Informationen über Mitwisser, Hintermänner u.a. herauszupressen und er erst dann Anfang 1945 hingerichtet wird, werden Reichwein und Maass noch am selben Tag, am 20. Oktober 1944, aus dem Gerichtssaal direkt zur Hinrichtungsstätte im Gefängnis Plötzensee verbracht. Aus der Todeszelle des Gefängnisses in Plötzensee schreibt Reichwein ergreifende Abschiedsbriefe an seine Frau und seinen Vater.

Der Abschiedsbrief an seine Frau Rosemarie lautet:

Liebe Romai,

die Entscheidung ist gefallen. Zum letzten Mal schreibe ich deinen mir so teuer gewordenen Namen. In meiner letzten irdischen Stunde sind meine Gedanken noch einmal mit besonderer Innigkeit bei Dir und den vier Kindern, die Du mir geschenkt hast und die mir Jahre – die mir viele scheinen – so viel Freude, Aufrichtung und Erbauung waren.

Diese drei Monate sind für mich trotz aller Qual ach von großer innerer Bedeutung gewesen; sie haben vieles klären und hoffentlich auch läutern helfen, was man gerne in seiner letzten Stunde geklärt und geläutert hat. Ich scheide ruhig, weil ich die Kinder in deiner Hut weiß.

Möge Gott Euch stärken, das Schwere zu überwinden und das Leben in Stärke fortzusetzen. Die Kinder, in eine Zukunft hineinwachsend, seien Dir Trost und spätere Freude.

 

Dein Edolf

 

Den Abschiedsbrief an seinen Vater will ich Ihnen hier zeigen:

Name des Briefschreibers: Reichwein

Berlin-Plötzensee, den 20. Okt. 1944

 

Mein lieber Vater,

in der letzten Stunde denke ich voll Dank alles dessen, was Du in Deinem langen Leben Gutes an mir getan hast. Noch viele Jahre wünsche ich Dir; erhalte Dich für Deine Enkel, die Dich nun dringender brauchen denn je.

Von Herzen

Dein Adolf

 

Kurz darauf wird Adolf Reichwein im Hinrichtungsschuppen des Gefängnisses Berlin-Plötzensee erhängt.

Der Jesuitenpater Alfred Delp, ebenfalls ein „Kreisauer“ und ebenfalls vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und in Plötzensee hingerichtet, hat kurz vor seinem Tod gesagt, dass sie sterben, „damit andere einmal besser und glücklicher leben“ dürfen. Dieses Vermächtnis gilt auch für Adolf Reichwein.

Der Vollständigkeit halber sei noch folgendes erwähnt:

Der „Blutrichter“ Roland Freisler wurde Anfang Februar 1945 bei einem Bombenangriff in seinem Büro im Volksgerichtshof erschlagen. In einer Verhandlungspause war er in sein Büro zurückgekehrt, um noch Akten für weitere Prozesse durchzuarbeiten. Dabei kam er ums Leben. Darauf werden wir im Rahmen des nächsten Vortrages über Friedrich Erxleben, der in zwei Wochen stattfindet, noch zu sprechen kommen. Der Gestapospitzel Ernst Rambow wurde 1945 von den Sowjets verhaftet, zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Adolf Reichsweins Ehefrau Rosemarie und die vier Kinder überlebten die Nazi-Diktatur. Zuletzt waren sie mit einem Treck auf der Flucht vor den russischen Truppen. Nach dem Krieg zogen sie wieder nach Berlin. Rosemarie Reichwein kehrte in ihren früheren Beruf als Krankengymnastin zurück. Neben der Erziehung der Kinder eröffnete und leitete sie eine Krankengymnastik-Praxis und leistete Pionierarbeit bei der Behandlung von zerebral geschädigten und spastisch gelähmten Menschen. Außerdem hat sie viele, viele Jahre dazu beigetragen, die Erinnerung an ihren Mann wach zu halten. Für ihre immense Arbeitsleistung bis ins hohe Alter wurde ihr 1974 das Bundesverdienstkreuz verliehen. Auch im hohen Alter war dabei ihr politischer Instinkt noch voll ausgeprägt. Als ihr im Dezember des Jahres 2000 auch der hessische Verdienstorden durch Ministerpräsident Roland Koch verliehen werden sollte, hat sie diese Auszeichnung wegen dessen Verstrickung in die CDU-Spendenaffäre abgelehnt. Am Ende ihres langen, erfüllten und arbeitsreichen Lebens, im Alter von 94 Jahren, veröffentlichte sie zusammen mit ihrer Tochter Sabine die Autobiografie: „Die Jahre mit Adolf Reichwein prägten mein Leben. Ein Buch der Erinnerung“. Mit dem Buch blickt sie auf die zwölf Jahre gemeinsamen Lebens mit ihrem Mann zurück, die sie so sehr geprägt hatten. Rosemarie Reichwein ist dann am 5. August 2002 im Alter von 98 Jahren in Berlin gestorben.

Adolf Reichwein war einer der wenigen Widerständler, an den die beiden deutschen Staaten, Bundesrepublik Deutschland und DDR, gleichermaßen erinnerten. In Deutschland Ost und Deutschland West gab es vor der Wiedervereinigung mehr als 30 Schulen, die den Namen dieses großen Pädagogen und Sozialisten trugen. Inzwischen sind bestimmt noch einige dazu gekommen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

 


 

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