Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Drei Vorträge von Joachim Hennig bei der Volkshochschule Koblenz zum Generalthema „Täter“

Teil1: Emil Faust (1899 – 1966)

 

Emil Faust (1899 – 1966)

Geboren wurde Emil Faust am 3. März 1899 in Oberlahnstein als Sohn eines Reichsbahnschaffners. Er hatte sieben Geschwister. Das muss eine schlimme Familie gewesen sein. Denn außer Emil Faust traten auch drei Brüder von ihm früh in die SA ein, wobei sich zwei von ihnen in der sog. Kampfzeit der Nazis derartig geprügelt hatten, dass sie für ihre schweren Verletzungen Rente bezogen.

Faust besuchte hier in Koblenz die Schenkendorfschule in der südlichen Vorstadt. Seine schulischen Leistungen waren durchschnittlich, schon früh galt er als „rau und robust“. Nach der Volksschule begann er eine Lehre als Kupferschmied. Diese brach er aber bald ab. Anschließend meldete er sich als Kriegsfreiwilliger und nahm am Ersten Weltkrieg teil. Dadurch blieb ihm die Verbüßung einer Gesamtstrafe von drei Monaten und drei Wochen erspart, die gegen ihn wegen der Begehung mehrerer kleinerer Eigentumsdelikte verhängt worden war. Im März 1918 wurde er verwundet und erhielt dafür das Verwundetenabzeichen und das Eiserne Kreuz II. Klasse. Zu Kriegsende war er Unteroffizier. Wie viele andere auch, fand er nicht in das Zivilleben zurück bzw. hatte so viel Spaß an dem Kriegspielen gewonnen, dass er sich einem Freikorps, dem als besonders reaktionär bekannten „Freikorps Förster Löwenfeld“ anschloss. Dort blieb er zwei Jahre und beteiligte sich in dieser Zeit an der Niederschlagung der Arbeiterunruhen und des Spartakus. Auch kam er in Posen und in Oberschlesien beim „Grenzschutz“ zum Einsatz.

Nach der Auflösung des Freikorps im Jahr 1920 kehrte Faust nach Koblenz zurück. Auch jetzt gelang die (Wieder-)Eingliederung in das zivile Leben nicht. Er „flüchtete“ – wie er später angab – aus Koblenz und geriet in die Fremdenlegion. Nach einigen Jahren desertierte er von dort und kam wieder nach Koblenz. Hier heiratete er wohl 1926. Obwohl aus der Verbindung letztlich insgesamt 12 Kinder hervorgingen, galt die Ehe schon nach einigen Jahren als „zerrüttet“, Faust muss krankhaft eifersüchtig gewesen sein. Vielfach verdächtigte er die örtlichen Nazis des Ehebruchs und hat – wie er sich später ausdrückte – auch „des Öfteren vom Faustrecht“ Gebrauch machen müssen.

Von 1928 an – bis letztlich 1937 – war Faust abgesehen von kleinen Unterbrechungen arbeitslos. Mit seiner Familie wohnte er übrigens erst in der Kastorstraße 41, dann in der Feste Franz in Koblenz-Lützel. 1929 trat er in die SA ein, 1930 in die SS, später auch in die NSDAP. Hierbei muss man sehen, dass in Koblenz früh in Arenberg eine Ortsgruppe der NSDAP gegründet wurde. Nach dem Verbot der NSDAP und Querelen vor Ort war die Partei in Koblenz längere Zeit nicht präsent. Erst im März 1929 kam es dann zu einer Neugründung der Koblenzer Ortsgruppe. Maßgeblichen Anteil daran hatte der Diplomhandelslehrer Gustav Simon, der spätere Gauleiter des Gaues Koblenz-Trier-Birkenfeld und noch später des Gaues Moselland. Simon übernahm die Koblenzer Ortsgruppe der NSDAP und im November 1929 ließ er sich bei den Kommunalwahlen zum Stadtverordneten von Koblenz wählen. Er war Vorsitzender der NSDAP-Fraktion, der nach dem Zentrum zweitstärksten Fraktion im Stadtparlament. Seine Anhänger bewunderten ihn als „Massenredner von Format“, der mit seiner „glänzenden Rhetorik“ seine Zuhörer mitreißen konnte. Er war zugleich ein „Kämpfer“ und „Draufgänger“, der „Energie“ und einen „entschlossenen Willen“ besaß. Dank seiner „verbissenen Beharrlichkeit“ und seines „eisernen, rastlosen Fleißes“ wurde er zu einem „Vorkämpfer“ und „Aktivisten“ des Nationalsozialismus im späteren Gau Koblenz-Trier-Birkenfeld, dessen Gauleiter er 1931 dann auch wurde.

Sicherlich hatte Faust gerade auch Simon seine recht steile Karriere zu verdanken. Schon 1930 war Faust SS-Truppführer und im März 1931 SS-Sturmführer (Sturmführer ist so viel wie Leutnant) und führte den Koblenzer Sturm. Er selbst schrieb über diese Zeit: „1930-1931 bestand die Haupttätigkeit des Sturms im Schutz der Gauredner, da hierfür die SA nicht zuverlässig genug war. Der Sturm hatte zu dieser Zeit eine Stärke von 60 Mann.“ Faust stand im „Brennpunkt des Koblenzer politischen Geschehens“. Ein Mitglied der Koblenzer KPD erinnerte sich später, wie Faust „seinem Namen ‚alle Ehre’ gemacht“ hat: „Es gab fast keine Versammlung auf unserer Seite, wo Faust nicht mit seinem Sprengkommando auftauchte und versuchte, die Versammlung zu sprengen oder zu stören. Er war uns allen als ganz gemeiner Schläger und Terrorist bekannt.“ Ein Schreiben der SS aus dem Jahre 1938 bescheinigte Faust, ein „verwegener Kämpfer“ gewesen zu sein, der sich „überall durch seine ganz besondere Rohheit und Brutalität“ hervorgetan“ hatte. Weiter heißt es darin:

Faust hat sich (…) während der Kampfjahre unzweifelhaft große Verdienste um die Schutzstaffel und um die Bewegung im Gaugebiet Koblenz/Trier erworben. Diese Verdienste beruhen aber hauptsächlich darauf, dass Faust der richtige Schlägertyp war. Es gab keine Saalschlacht und keine Schlägerei, bei welcher Faust nicht dabei gewesen wäre. Sogar (…) Gauleiter Simon pflegte bei allen schwierigen Versammlungen Emil Faust zu seinem Schutz heranzuziehen.

Was Faust sonst noch machte, ergibt sich aus einem Urteil des Amtsgerichts Koblenz vom 1. Oktober 1930. Danach hatte er den jüdischen Händler Sally Wolf öffentlich bedroht und mit den Worten beschimpft: „Dreckiger Judenbube, ich zerreiß Dich!“. Als dann Wolfs Ehefrau dazu kam, titulierte sie Faust als „dreckige Sau“. Dafür kassierte Faust eine Geldstrafe von 25 Reichsmark. Als er diese nicht bezahlte, saß er die ersatzweise fünf Tage Gefängnis ab.

Ein anderes Mal hatte es Faust auf Kommunisten abgesehen. Später berichtete ein Betroffener über diesen Vorfall im April 1932 wie folgt:

Ich stand im Frühjahr (…) 1932 mit einigen Personen an der Ecke Eltzerhofstraße/Kastorstraße. Faust kam mit einem Auto (…) vorbeigefahren und hat wahllos auf uns geschossen. Wir liefen alle schnell auseinander und versuchten uns zu verstecken. Ich lief, da es (…) nicht allzu weit war, in meine Wohnung. Kaum war ich durch die Haustüre verschwunden, als auch schon ein Schuss krachte. Faust hatte mich verfolgt und durch die Haustüre geschossen. Ich lief dann in den 2. Stock und schimpfte vom Fenster aus tüchtig auf ihn. Kaum hatte er mich hier gesehen, so schoss er auch schon durch das Fenster.

Faust war der „Schrecken von Koblenz“. Seine Disziplinlosigkeit und seine offene Brutalität waren selbst der SS-Führung in dieser allerletzten Phase der Weimarer Republik und wenige Monate vor der späteren „Machtergreifung“ zu viel. Er wurde dann als „SS-Führer z.b.V. im Stabe der 5. SS-Standarte“ „weggelobt“ und im Stab der Standarte mit Ausbildungsfragen beschäftigt.

So kam es auch, dass Faust in den ersten Wochen nach der sog. Machtergreifung, als im Zuge des Reichstagsbrandes Ende Februar/Anfang März 1933 auch in Koblenz die ersten Kommunisten in „Schutzhaft“ genommen wurden, bei diesen Verhaftungen und den anschließenden Vernehmungen nicht zugegen war.

Aber im Juli 1933 war Faust wieder in Koblenz und als SS-Sturmführer aktiv. Damals gab es eine SS-Kaserne in der Nähe des Clemensplatzes. Das muss der heute noch vorhandene niedrige Anbau an die Bezirksregierung Koblenz (SGD Nord) in Richtung Schloss und in Richtung Neustadt gewesen sein. Heute befinden sich in diesem Bereich Garagen und ein größerer Hof. Über die Ereignisse dort berichtete später ein Betroffener, der Kommunist Arthur Huwe wie folgt:

Hinter einem großen Schreibtisch saß der Standartenführer Jakobi und mich umgaben mehrere SS-Leute, die mit Gummiknüppeln und anderen Schlagwerkzeugen ausgerüstet waren. Dann begann die Vernehmung, und in diesem Augenblick trat auch Emil Faust in den Raum. Noch bevor ich die ersten Fragen beantworten konnte, begann schon die Schlägerei und Faust gab das Signal für die anderen herumstehenden SS-Leute. Man prügelte mich so lange, bis ich bewusstlos zusammenbrach. Als ich erwachte, lag ich vollkommen durchnässt auf dem Fußboden. Man hatte mich also mit (einem) Eimer Wasser aus der Besinnungslosigkeit zurückgeholt. Die Schlägerei ging von neuem los, bis ich dann endlich in einen großen Raum gebracht wurde, wo sich meine (…) Kameraden (…) befanden. Dann wurden einzeln die anderen Häftlinge zur Vernehmung gebracht und kamen in einem ähnlichen Zustand zurück: zerschlagene Gesichter, blutige Lippen, zerrissene Kleider usw. Richard Christ, der neben mir lag und schon mal geprügelt wurde, war das besondere Objekt von Faust geworden. Immer wieder kam er (…) zurück und beschäftigte sich im besonderen mit Richard Christ. Er bearbeitete ihn derart das Gesicht und den Oberkörper mit dem Gummiknüppel, dass er nach kurzer Zeit nicht mehr wieder zu erkennen war; alles war geschwollen und blutunterlaufen. Das ging so weit, dass wir um das Leben des Christ in der Nacht bangten. Es war uns Kameraden möglich, etwas Wasser aufzutreiben, womit wir das Gesicht und den Oberkörper immer wieder kühlten und ihn somit bei Besinnung hielten. Diese Prügelszenen dauerten für mich und einen Teil meiner Kameraden volle drei Tage und drei Nächte, bei der an Schlaf nicht zu denken war, da wir immer wieder herausgeholt und geschlagen wurden. Am dritten Tag gegen Abend wurde ich in das Karmelitergefängnis zurückgebracht (…) R. Christ wurde meines Wissens erst nach acht Tagen, als er ein einigermaßen menschenähnliches Aussehen wiedererlangt hatte, in das Karmelitergefängnis gebracht. Er ist, nach einem ärztlichen Gutachten im Jahre 1935, an den Folgen dieser Misshandlungen im Alter von 38 Jahren in Toulouse/Frankreich gestorben.

Ein anderes Opfer von Faust und seinen SS-Leuten in dieser SS-Kaserne am Clemensplatz gab noch folgendes zu Protokoll:

Die Schwere der Misshandlungen ergibt sich auch daraus, dass aus dem Dachfenster des danebenliegenden Oberpräsidiums zwei Putzfrauen auf die Straße riefen: ‚Hilfe, hier werden Menschen misshandelt!’ Ein SS-Posten ergriff das Gewehr und rief zurück: ‚Wenn Ihr nicht mit Euren Köpfen verschwindet, schieße ich Euch die Köpfe ab!’ Daraufhin fanden (…) die Vernehmungen in der Autohalle statt.

Hier konnten die Schreie durch Motorenlärm übertönt werden.

Mittlerweile war Faust wiederum für Koblenz untragbar geworden. Sein SS-Führer versetzte Faust „nach Börgermoor (…), weil er in der Truppe untragbar ist.“ Börgermoor stand hier synonym für ein im Aufbau befindliches Gesamtsystem der emsländischen Konzentrationslager. Von 1933 bis 1938 betrieben die Nazis in den abgelegenen Ödlandgebieten des Emslandes, nahe der Grenze zu den Niederlanden, insgesamt 15 Lager. In der ersten Phase der Nazi-Diktatur wurden die ersten Emslandlager als Konzentrationslager für die in großer Zahl in „Schutzhaft“ genommenen Regimegegner errichtet. In den Lagern sollten die Häftlinge die Moore kultivieren. Der preußische Ministerpräsident Göring plante langfristig sämtliche politischen Schutzhäftlinge Preußens – man rechnete mit 10.000 – in acht bis zehn Lager im Emsland unterzubringen. Die ersten vier Lager waren Börgermoor, Esterwegen I und Esterwegen II sowie Neusustrum. Im Juli 1933 arbeitete man fieberhaft an der Herrichtung der Lager und stellte das Bewachungspersonal zusammen. Hierzu gehörte dann auch Faust, der selbst erklärte: „Am 11. August 1933 wurde ich zum Lager Esterwegen in Papenburg kommandiert und tat bis (…) September 33 als Adjutant Dienst.“ Kaum war Faust in die Emslandlager aufgebrochen, wurden die ersten „Schutzhäftlinge“ aus Koblenz in die Emslandlager verschleppt. Hierzu heißt es später in dem Urteil gegen Faust u.a.:

Als der Angeklagte sich im Lager II in Esterwegen befand, kamen mehrere Häftlingszüge an. (…)

Am 16. August 1933 kamen die politischen Gegner des Angeklagten aus seiner Heimat Koblenz an, darunter die Zeugen (…). Alle wurden dem Lager III zugeteilt. Mit einem Transport aus Osnabrück gelangten die Zeugen (…) in das Lager II.

Die Häftlinge waren politische Gegner des Nationalsozialismus und gehörten der kommunistischen Partei oder der SPD oder ihren Organisationen an. Außerdem waren einige Juden. Die SS-Männer, welche die Transporte übernahmen, behandelten die Häftlinge im Gegensatz zur Polizei, welche sie bis dorthin begleitet hatte, sehr schlecht. Die SS beschimpfte und misshandelte sie. Kolben, Latten, Zimmermannstöcke, Stahlruten und ähnliche Gegenstände wurden zur Misshandlung der Gefangenen benutzt. Schläge und Tritte begleiteten auch den Marsch und die Fahrt mit dem Lorenzug zum Lager. (…)

Schlecht erging es auch dem Koblenzer Transport. Viele von diesen Häftlingen kannte der Angeklagte aus der Kampfzeit, da er mit ihnen Zusammenstöße gehabt und er auch in der Nachbarschaft mehrerer Kommunisten gewohnt hatte. Bei der Ankunft am Bahnhof war der Angeklagte nicht zugegen. Wie es üblich war, wurden die Häftlinge in den sog. Moorexpress verladen, wobei es schon Schläge, Stöße mit dem Karabiner und Tritte der Wachmannschaften gab. Die im Zuge befindlichen Juden mussten unterwegs aussteigen und einige Kilometer laufen. Dann wurden sie gezwungen, den ersten Wagen zu besteigen und während der ganzen weiteren Fahrt still zu stehen, was bei der schlingernden Fahrt große Schwierigkeiten machte.

Kurz vor dem Lagereingang kam der Angeklagte mit mehreren SS-Männern dem Transport entgegengelaufen mit den Worten: „Wo sind die Koblenzer? Hände hoch“ oder einer ähnlichen Äußerung. Als der Bruder des Zeugen G. sich meldete, sprang der Angeklagte auf die Lore und schlug auf die Häftlinge ein. Dem Zeugen Mü., der sich auf der anderen Lore befand, sagten bezeichnenderweise zwei SS-Männer, er solle die Hand unten lassen und sich hinter ihnen verstecken. Mü. tat dies und blieb dadurch bei dieser Gelegenheit vor Schlägen des Angeklagten verschont, während viele andere von dem Angeklagten mit der Faust geschlagen wurden. (…)

Vor dem Lagereingang mussten sich alle in Reih und Glied stellen, sich in Bewegung setzen und beim Marschieren immer wieder singen: „Alle Vögel sind schon da.“ Im Lager selbst mussten die Häftlinge sich auf dem Marsch hinlegen, auf den Knien rutschen (robben), dann sich wieder auf den Rücken legen und so ging es fort. Dabei wurde von den Wachmannschaften und auch von dem Angeklagten geschlagen. Der Angeklagte rief (…) den Wachmannschaften noch zu: „Die Koblenzer empfehle ich Euch, das sind meine besonderen Freunde.“

Zwischen den Baracken 2 und 3 des Lagers III traten die Koblenzer dann auf Befehl gesondert an. Der Angeklagte kam mit mehreren SS-Männern, stellte sich vor und erklärte: „Das Herz im Leibe lacht mir, wenn ich Euch sehe, Ihr werdet die Heimat nicht wieder sehen.“ (…) Nachdem die Häftlinge einen Teil ihrer Sachen abgegeben hatten, trat der Angeklagte näher an sie heran und schlug den ersten Teil, der am rechten Flügel stand, der Reihe nach. Er ließ auch einige Häftlinge heraustreten und misshandelte sei mit den anderen SS-Männern.

Als die Häftlinge ihre Baracken bezogen hatten, kam der Angeklagte abends in die mit Koblenzern belegte Baracke im Lager III, erklärte, „nun wollten sie sich mal richtig begrüßen“, und verlangte (…), dass die Häftlinge ihn mit „Heil Sturmführer Faust“ begrüßten. Nachdem dies geschehen war, fragte er sie: „Seid Ihr froh, dass Ihr hier seid?“ Als diese Frage auf Verlangen des Angeklagten mit „Ja“ beantwortet war, äußerte sich der Angeklagte dahin, ob das auch vom Herzen komme. Anschließend veranstaltete er einen sog. „Budenzauber“, bei dem die Häftlinge auf Kommando sich in die Betten zu werfen, aus den Betten zu springen und andere Übungen zu machen hatten.

Der Angeklagte war allgemein in den Lagern II und III sehr gefürchtet. Oft trug er eine Reitpeitsche mit sich. Redensarten wie „Du wirst umgelegt werden“ wurden (…) vom Angeklagten häufig gebraucht. Er feuerte die SS-Männer an, die Häftlinge nicht zu sanft zu behandeln. Manchmal führte er einen Hund mit sich, der auch Häftlinge anfiel, ohne dass der Angeklagte diesen Hund gehetzt zu haben braucht.

Aus dieser frühen Zeit des Konzentrationslagers Esterwegen gibt es nur ganz wenige Dokumente hierüber. Eins habe ich vor einigen Monaten hier aus Koblenz erhalten. Es ist eine Zeichnung von dem Lager, die ein ehemaliger Koblenzer „Schutzhäftling“, der seinerzeit im KZ Esterwegen inhaftiert war, angefertigt hatte. Sein Name ist Leonhard Olszewski. Von ihm gibt es aus dieser Zeit ein Selbstporträt. Erhalten habe ich beides von Leonhard Olszewskis Enkelin, Frau Birgit Böttner. Ich bin sehr dankbar dafür. Auf diese Weise kann ich das hier dokumentieren.

Um einen Eindruck von dem Alltag, den Faust den Häftlingen im Konzentrationslager bereitete zu vermitteln, soll hier aus einer bereits im Jahr 1934 in der Tschechoslowakei veröffentlichten Publikation mit dem Titel „Konzentrationslager. Ein Appell an das Gewissen der Welt…“ zitiert werden. Darin heißt es u.a.:

Dieser SS-Sturmführer Faust wütete im Lager (Esterwegen II) noch fürchterlicher als der Kommandant. (…) Im Lager galt er als geistiger Urheber all der verbrecherischen Gemeinheiten, die in Esterwegen ausgeheckt und durchgeführt wurden. (…) Den Arrestbaracken galt die besondere Aufmerksamkeit von Faust. Er hat die Gefangenen dort fürchterlich geprügelt und gepeinigt. Wenn Gefangene den Arrest verließen, waren sie meist vollkommen menschenscheu geworden. Es dauerte längere Zeit, bis sie wieder mit ihren Kameraden sprachen. Dieser stellvertretende Lagerkommandant, SS-Sturmführer Faust, hat im Rausch Gefangenen ‚Strammstehen’ befohlen und sie dann angepinkelt! Später wurde Faust Kommandant des Lagers V.

Am 27. September 1933 war Faust dann am Höhepunkt seiner Karriere und seiner Macht: Er wurde Kommandant des KZ Neusustrum. Dazu hatte er aus dem KZ Esterwegen II – wie es später hieß – „die brutalsten Leute mit in sein neues Lager“ genommen. Als am 1. oder 2. Oktober 1933 der erste Häftlingstransport für das KZ Neusustrum eintraf, begab sich Faust persönlich zur Bahnstation und empfing die eintreffenden Häftlinge mit den Worten:

Ihr Schweinehunde, Ihr seid hierher gekommen, damit wir Euch erziehen. Ich habe meine Leute angewiesen zu schießen, wenn die geringste Kleinigkeit vorkommt (…) Wir legen unsere größte Ehre darin, möglichst viele von Euch umzulegen und zum Herrgott zu schicken.

Dass das keine leere Drohung war, belegt der Umstand, dass es während der „Amtszeit“ von Faust als Kommandant des KZ Neusustrum dort allein vier offiziell beurkundete Todesfälle gab. Im Übrigen brüstete sich Faust später in einer Koblenzer Wirtschaft, er habe einen Mann im Lager an einer Kette aufgehängt und in einer Grube langsam ertränkt. Da passt es ins Bild, wenn von Faust anlässlich eines Appells folgendes überliefert ist: „Wenn es nach mir ginge, dann würden die Friedhöfe hier viel zu klein sein.“

Diese Willkür und Brutalität von Faust und seinen SS-Leuten kam dann auch bald dem Preußischen Innenministerium zu Ohren und war Anlass zur Abhilfe. Zunächst verfügte das Innenministerium eine Verlegung der jüdischen und der prominenten „Schutzhäftlinge“ aus den Emslandlagern in das KZ Lichtenburg bei Prettin/Elbe. Ende Oktober 1933 wurde dann beschlossen, die SS bei der der Bewachung der Emslandlager durch Polizisten abzulösen.

Als die SS von diesen Plänen erfuhr, wollte sie das keineswegs zulassen. Die SS-Wachen wollten vielmehr – gemeinsam mit den Häftlingen, denen sie in dieser Situation eine Verbrüderung anboten – als „Freikorps Fleitmann“ die bewaffnete Auseinandersetzung suchen und sich nach Österreich durchschlagen. Beim Eintreffen der bewaffneten Schutzpolizisten eröffnete die SS das Feuer und zögerte die Übernahme hinaus. Der Konflikt wurde durch Himmler und Göring bis zu Hitler hinaufgetragen. Der entschied, dass Artillerie des Heeres die Wachen und Häftlinge der Emslandlager erbarmungslos zusammenschießen sollten. Dazu kam es aber nicht. Schließlich sorgte die hohe Polizeipräsenz dafür, dass die SS-Leute ihre Waffen auf einen Haufen warfen und dann am 6. November 1933 das Lager verließen. Durch diesen spektakulären „Wachwechsel“ sahen sich die Häftlinge von der Schutzpolizei aus den Klauen der „entmenschten SS-Bestien“ befreit.

Noch am Abend vor dem Abrücken hatte Faust den Häftlingen wörtlich gesagt: „Freut Euch nicht zu früh. Wir sind noch eine Nacht hier und heute Nacht fließt noch Blut. Es ist für mich und meine Kameraden eine Wollust, wenn wir Euch abknallen können.“ Zwar wurden abends noch die Maschinengewehre auf die Häftlingsbaracken gerichtet, doch kam es nur zu einigen ungezielten Schüssen auf diese Unterkünfte. Dabei blieb es dann auch.

An jenem 6. November 1933 war dann „Reisetag“ für Emil Faust. Er kehrte umgehend nach Koblenz zurück.

Die meisten KZ-Häftlinge, auch die Koblenzer, mussten noch länger in Esterwegen bleiben und im Moor arbeiten. Die ganze Sehnsucht dieser gequälten Menschen nach Freiheit und nach der Heimat wird deutlich in dem bekannten Lied von den Moorsoldaten. Es ist das erste KZ-Lied, es ist sehr bekannt und sehr anrührend. Ich möchte es Ihnen hier vorspielen. Viele Häftlinge wurden dann zu Weihnachten 1933 aus dem KZ Esterwegen entlassen. Für Leonhard Olszewski erfüllte sich die Sehnsucht nach Freiheit erst ca. sechs Wochen später. Am 3. Februar 1934 wurde er endlich aus der Haft entlassen. Hier sehen Sie sein „Führungszeugnis“ aus dem KZ Esterwegen vom 3. Februar 1934. Darin sehen Sie auch die Haftdauer vom 15. August 1933 an. Auch dieses Dokument habe ich von der Familie erhalten. Es ist ziemlich zerfleddert, aber doch noch ganz gut zu erkennen. Leonhard Olszewski hat es in seinen Stiefeln deponiert gehabt. Dadurch hat es stark gelitten.

Doch nun nach diesem kleinen Exkurs über ein Koblenzer Opfer zurück zu Emil Faust. Kaum war dieser nach Koblenz zurückgekehrt, wurde er zum SS-Obersturmführer (= Oberleutnant) befördert. Gleichwohl wusste die SS mit Faust aber nichts rechtes anzufangen, hatte für ihn keine Verwendungsmöglichkeit und so sollte er später als Führer einer Reserveformation in Frage kommen.

Unterdessen machte Faust in Koblenz dort weiter, wo er vor seiner Versetzung in die Emslandlager aufgehört hatte. Anfang 1934 zog er mit seiner Familie dann von der Feste Franz in die Bodelschwingh-Siedlung in Lützel (Bodelschwingh-Straße 5). Mit dem Hausverwalter geriet er schnell in Streit, für ihn war Faust schnell „der gemeinste Strolch im ganzen Rheinland“. Als sich der Hausverwalter bei der Polizei über Faust beschwerte, schlug er ihn so, dass er tagelang das Bett hüten musste. Weiter gab der Hausverwalter später an:

Faust suchte mich am Bett auf und tat gewissermaßen Abbitte, da ich die Sache der Polizei anzeigen wollte. Ich versprach ihm (…), keine Anzeige zu erstatten. Eines Nachts, es war schon gegen Morgen, schellte es an meiner Wohnungstür. Ich stand auf, öffnete und vor der Tür stand Faust mit seiner Frau. Er nahm sie am Arm und warf sie in meine Wohnung mit den Worten: ‚Da hast Du die Sau!’ Als meine Frau ihm über sein Verhalten Vorwürfe machte, setzte er meiner Frau einen Säbel an die Brust. Faust tat die Äußerung, dass ich und meine Frau weg müssten. Ich habe mit Frau Faust insgesamt kaum 50 Worte gesprochen. Faust hatte die Einstellung, dass jeder, der mit seiner Frau mal ein Wort sprach, ein Verhältnis mit ihr haben müsste. Ich erfuhr, dass mich Faust bei der ersten Gelegenheit in das Lager bringen würde (,) und es wurde mir vielseitig angeraten, Mitglied der Partei zu werden, was ich wohl sonst niemals getan hätte. Im April 1934 meldete ich mich zur Partei, um dadurch einer Verfolgung durch Faust zu entgehen.

In der Folgezeit setzte Faust seinen Lebenswandel fort und war Anlass zu Klagen aus der Bevölkerung und auch der SS. Er war wieder einmal untragbar geworden. Um anderen Maßnahmen der SS-Führung zuvor zu kommen, bat Faust um Einstellung in die SS-Verfügungs- bzw. SS-Wachtruppe. Der SS-Oberabschnitt Rhein verwandte sich noch einmal für Faust und leitete dessen Gesuch an das SS-Hauptamt mit gewissem Wohlwollen weiter. In dem Schreiben heißt es u.a.:

(Nach der) Machtübernahme hat Faust versucht, in den verschiedensten Zivilberufen festen Fuß zu fassen, wurde aber stets nach kurzer Zeit aus unterschiedlichen Gründen zur Aufgabe gezwungen. Partei- wie Behördenstellen haben ihr Möglichstes getan, Faust wieder in ein geordnetes Arbeitsverhältnis zu bringen, aber stets nur mit negativem Erfolg, so dass es heute unmöglich erscheint, in hiesiger Gegend eine Arbeitsstelle für Faust zu finden.

Aufgrund seiner alten SS-Zugehörigkeit und seiner unbestreitbaren Verdienste um die Bewegung hält der Oberabschnitt es für erforderlich, sich nochmals helfend für Faust einzusetzen und bittet das anliegende Gesuch des SS-Obersturmführers Faust (…) einer wohlwollenden Prüfung zu unterziehen.

Eine Versetzung aus dem hiesigen Gebiet und damit eine Loslösung aus einer alten, für das Weiterkommen ungeeigneten Umgebung hält der Oberabschnitt für eine unbedingte Voraussetzung, wenn Faust wieder ein nutzbringendes Glied innerhalb der Bewegung werden und somit als alter Staffelmann der SS erhalten bleiben soll.

Statt wohlwollend zu prüfen schrieb der Chef des SS-Hauptamtes, der Faust aus seiner früheren Tätigkeit beim Oberabschnitt Rhein persönlich kannte, an den Oberabschnitt Rhein harsch zurück:

Es ist nicht verständlich, wie der Oberabschnitt den Obersturmführer Faust für eine Verwendung in der Verfügungstruppe (oder in den Wachverbänden) vorschlagen kann.

Faust mag seine Verdienste haben, er ist aber sowohl dem Oberabschnitt Rhein wie auch dem SS-Hauptamt aufgrund seiner Disziplinlosigkeit, seinem Hang zu Schlägereien und der Unmöglichkeit, sich einer Stelle unterordnen zu können, bekannt.

Dem Oberabschnitt sollte bekannt sein, dass für die Verfügungstruppe nur die besten Männer und Führer in Frage kommen. Die Verfügungstruppe und die Wachverbände sind keine Sammelstelle für verkrachte Existenzen.

Das Schreiben schloss mit dem Hinweis: „gegen F. schwebt obendrein ein Verfahren, das ihn wahrscheinlich für die Schutzstaffel untragbar machen wird.“ Tatsächlich gab es beim SS-Gericht in München ein Verfahren gegen Faust. Mit diesem holte ihn sein Vergangenheit im Konzentrationslager Neusustrum wieder ein. Hintergrund war folgender:

In dem Konzentrationslager Esterwegen II, in dem Faust Adjutant des Kommandanten war, war als „Schutzhäftling“ auch ein gewisser Thiel. Er war früher praktischer Arzt, hatte sich erheblicher ehrenrühriger Straftaten schuldig gemacht, er hatte deswegen sogar seinen Doktortitel verloren und war als „Schutzhäftling“ ins KZ Esterwegen II gekommen. Faust hatte Thiel dort kennen gelernt und ihn dann in das neue Lager Neusustrum mitgenommen und als Lagerarzt eingesetzt. Zwischen beiden bestand ein äußerst freundschaftliches Verhältnis. Thiel hat seine Mitgefangenen schwer misshandelt, und zwar auf Veranlassung oder jedenfalls mit Billigung von Faust. Faust hatte ihn auch noch kurz vor dem spektakulären „Wachwechsel“ Anfang November 1933 eigenmächtig aus dem KZ entweichen lassen. Gegen Thiel lief einige Zeit später ein Strafverfahren vor dem Landgericht Osnabrück. In dem Verfahren trat Faust vor Gericht als Zeuge auf. Thiel wurde vom Landgericht Osnabrück zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Gegen Faust wurde seinerzeit strafrechtlich nichts unternommen. Es will scheinen, dass die Nazis einen „Sündenbock“ gesucht und in Thiel gefunden hatten. Die schweren Misshandlungen und Tötungen in den Emslandlagern blieben auch der Bevölkerung vor Ort nicht verborgen. Um diese zu beruhigen, führte man dieses Strafverfahren durch, bestrafte den „Schutzhäftling“ Thiel und konnte damit die „Botschaft“ herüber zu bringen versuchen, dass diese Misshandlungen vor allem von „Schutzhäftlingen“ selbst aneinander verübt worden seien – und nicht von dem SS-Wachpersonal – und dass man strafrechtlich auch noch hart durchgriff. Wenn Faust deswegen im Zuge des Verfahrens gegen Thiel auch nicht mit einem Strafverfahren überzogen wurde, so hatte das Verfahren gegen Thiel für ihn als SS-Mann doch disziplinarrechtliche Konsequenzen. Unter dem Datum des 10. März 1936 wurde von Himmler Fausts Degradierung und Ausschluss aus der SS verfügt. Zur Begründung hieß es u.a.:

Sie haben als Kommandant des Konzentrationslagers Neusustrum Ihre Dienstpflichten in gröblichster Weise verletzt, insbesondere den Schutzhäftling Thiel eigenmächtig aus der Schutzhaft entlassen und als Lagerarzt eingesetzt.

Ferner ist trotz Ihres hartnäckigen Leugnens nach dem Ergebnis der Untersuchung als feststehend anzusehen, dass Sie von den im Lager vorgekommenen Misshandlungen von Schutzhäftlingen durch SS-Angehörige gewusst und diese gedeckt haben. Das gleiche gilt bezüglich Ihres Mitwissens von dem sadistischen Treiben des von Ihnen als Lagerarzt eingesetzten ehemaligen Schutzhäftlings Thiel. Schließlich sind Sie trotz Ihrer Beurlaubung unter Verbot des Tragens des Dienstanzuges zu der Hauptverhandlung gegen Thiel am 24. Oktober 1935 vor dem Landgericht Osnabrück im Dienstanzug erschienen und haben dadurch gegen das Beurlaubungsverbot und zugleich gegen den Befehl des Reichsführers-SS Nr. 13 Ziffer 6 im SS-Befehlsblatt vom 25. November 1934, wonach den SS-Angehörigen in allen Fällen das Erscheinen vor Gericht im Dienstanzug streng verboten ist, verstoßen. Vom Vertreter des SS-Gerichts deswegen dienstlich zur Rede gestellt, haben Sie sich durch Lügen herauszureden versucht.

Durch Ihr Verhalten haben Sie bewiesen, dass Sie trotz Ihrer langen Zugehörigkeit zur SS und Ihrer Verdienste um die Bewegung nicht mehr würdig sind, der SS anzugehören.

Im folgenden Jahr – 1937 - wurde Faust auch noch aus der NSDAP ausgeschlossen. Die Begründung dafür gibt ein interessantes Bild vom Privatleben dieses „Volks- und Parteigenossen“. Sie soll deshalb hier eingehend zitiert werden:

1.) Sie haben am 13. Dezember 1936 (…) ohne jeglichen Grund den der Frau (…) gehörigen Waschkessel mit Wäsche zum Fenster hinausgeworfen. Hierüber von der Frau (…) zur Rede gestellt, haben Sie diese Frau durch die Worte ‚Du Drecksau’ beleidigt und durch Schläge misshandelt. Ferner haben Sie bei dieser Gelegenheit, auch wiederum ohne jede Veranlassung(,) den SA-Mann (…) durch Fußtritte gegen den Unterleib schwer misshandelt. Sogar haben Sie in der Ihnen anscheinend angeborenen, unglaublichen Brutalität nicht davor zurückgeschreckt, auch das 15-jährige Mädchen (…) und die 61 Jahre alte Frau (…), letztere durch Fußtritte, zu misshandeln. Auch die beiden zuletzt genannten Personen hatten auch nicht den geringsten Anlass zu Ihrem unglaublichen Vorgehen gegeben.

Durch diesen neuen Vorfall haben die bereits seit Jahren ununterbrochen von Ihnen verübten Gewalttätigkeiten, Sachbeschädigungen, Bedrohungen und teilweise schwersten Misshandlungen friedlicher Volksgenossen einen solchen Grad erreicht, so dass nun weitere Rücksichtnahme auf Ihre Person als altes Parteimitglied – auch unter Berücksichtigung Ihrer Verdienste vor der Machtübernahme – sich in keiner Weise mehr rechtfertigen lässt. In letzter Zeit steht sogar der ganze Häuserblock, in dem Sie wohnen, unter Ihrem Terror, Bedrohungen und Misshandlungen Ihrerseits sind an der Tagesordnung.

Der Vorfall (…) am Sonntag, dem 13. Dezember 1936, zeigt wieder einmal, mit welcher rücksichtslosen Brutalität und Gewalt Sie gegen jeden Mitbewohner vorgehen, ganz gleichgültig, ob er Partei- oder Volksgenosse ist, ob es sich um eine weibliche oder männliche Person, um ein Kind oder eine Frau von 61 Jahren handelt.

2.) Hat Ihr Verhalten an dem fraglichen Sonntag Ihrer Familie gegenüber zum unzähligsten Male wieder die hellste Empörung unter den Anwohnern der Bodelschwingh-Siedlung hervorgerufen. Nicht nur, dass Sie bisher fast noch nie für Ihre 9-köpfige Familie gesorgt haben, ist Ihre bedauernswerte Frau dauernd den schwersten Misshandlungen ausgesetzt, so dass sie in einem Falle schon mehrere Wochen im Krankenhaus Kemperhof gelegen hat. Es ist unmöglich, einzelne Fälle aus Ihrem Familienleben schriftlich niederzulegen, ohne das normale Empfinden eines anständigen Menschen zu verletzen. Feststeht, dass Sie an dem fraglichen Sonntag, an dem Sie Ihre Mitbewohner misshandelt haben, mittags bevor Sie fort gingen, Drohungen gegen Ihre Frau ausgestoßen haben, Sie würden Ihre Frau nach Ihrer Rückkehr am Abend misshandeln. Ihre Frau ist daraufhin aus Angst geflohen und hat ihre acht Kinder – das jüngste ein Jahr alt – ohne Aufsicht zurücklassen müssen. Die Kinder sind, da Sie wegen der Misshandlungen der Anwohner durch die Polizei festgenommen wurden und Ihre Frau aus Angst nicht zurückkehrte, auch in der Nacht (…) ohne jede Aufsicht gewesen. Ihre Frau hat durch den Vorfall (…) einen Nervenzusammenbruch erlitten und ist ins Krankenhaus gekommen. Ihre Kinder mussten, da Sie sowieso dafür nicht sorgen, ins Waisenhaus untergebracht werden.

Es ist nur ein Fall von den vielen Gewalttätigkeiten gleicher Art, die Sie in den letzten Jahren verübt haben. Sie haben durch Ihr ganzes Verhalten nun schon seit Jahren hindurch ein solch Partei schädigendes Verhalten an den Tag gelegt, dass ein weiteres Verbleiben in der NSDAP unmöglich ist. Die Partei- und Volksgenossen müssten an der Partei irre werden und jedes Vertrauen zu der Bewegung verlieren, wenn ein solcher Parteigenosse noch weiter Mitglied der NSDAP sein dürfte.

Ungeachtet dieses vernichtenden Urteils bemühte sich Faust wiederholt um die Wiederaufnahme in die SS. Das gelang ihm aber nicht.

Trotzdem blieb Faust ein brutaler Schläger und hielt – wie die NSDAP-Gauleitung Koblenz-Trier hervorhob – „auch nach seinem Ausschluss der Bewegung die Treue“. Ein Beispiel dafür war die Beteiligung Fausts an der sog. Reichspogromnacht hier in Koblenz. Hierzu machte nach dem Krieg in einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Koblenz ein hieran Beteiligter u.a. folgende Aussage:

An der im November 1938 stattgefundenen Judenaktion habe ich mich aktiv beteiligt und gebe dazu folgende Erklärung ab:

Zu der Zeit der Judenaktion wohnte ich in Koblenz, Josefstraße. Am 10. November 1938 etwa gegen morgens 8 Uhr verließ ich meine Wohnung, um mich zum Arbeitsamt zu begeben, ich war zu dieser Zeit erwerbslos. Ich ging durch die Hohenzollernstraße, Markenbildchenweg, Löhrstraße bis Ecke Roonstraße. Hier stieß ich auf den SS-Sturmführer Emil Faust, Peter K., SS-Oberscharführer J., SS-Obertruppführer E., SS-Sturmführer Fritz St. und Hermann K.

K. und Faust forderten mich auf mitzukommen und auf meine Frage „wohin“ erhielt ich zur Antwort: „Das wirst Du schon sehen“. Ich muss noch bemerken, dass der größte Teil dieser von mir benannten Leute entweder mit einer Axt, einem Beil oder einem Brecheisen ausgerüstet war. Alle trugen sie Zivil. Ich schloss mich diesen Leuten an.

Wir begaben uns in das Haus Ecke Roonstraße – Löhrstraße in den 2. Stock, woselbst ein Jude namens Cohn wohnte. Da diese Wohnung verschlossen war, wurde sie von uns aufgebrochen. Wir begaben uns in die Wohnräume und zerstörten die gesamte Wohnungseinrichtung. An dieser Zerstörung habe ich mich aktiv beteiligt. Mittels Äxten und Beilen wurde die gesamte Wohnungseinrichtung zerschlagen. In einem Wohnzimmer befand sich ein Flügel, dieser wurde von K. mittels einer Axt entzwei geschlagen. Diese Zerstörung nahm etwa 20 Minuten in Anspruch.

Von da aus begaben wir uns in die Wohnung des Dr. Landau, Ecke Roon-/Hohenzollernstraße. Der Genannte wohnte im Parterre. Nachdem wir an der Wohnungstür geschellt hatten, wurde uns durch eine weibliche Person geöffnet. Und nachdem wir sagten, dass hier der Jude Landau wohnen würde, begaben wir uns in die Wohnung und zerstörten ebenfalls die ganze Einrichtung. An dieser Zerstörung habe ich mich ebenfalls aktiv beteiligt. Auch in diesem Falle wurde mit Äxten, Beilen und Brecheisen das Mobiliar zerstört.

Nach dieser Zerstörung, die etwa 20 Minuten in Anspruch nahm, begaben wir uns zur Löhrstraße 137 in die 3. Etage. Dortselbst wohnte eine Jüdin, die nicht anwesend war. Wir erbrachen die Wohnung, drangen ein und da wir feststellten, dass diese Jüdin in ziemlich ärmlichen Verhältnissen lebt, nahmen wir von einer Zerstörung Abstand.

Von hier aus begaben wir uns zum Hotel Continental in die Privatwohnung des Besitzers Meyer, der im 4. Stock wohnte, und dort zerstörten wir auch die gesamte Wohnungseinrichtung, woran ich mich ebenfalls beteiligte.

Nach dieser Tatausführung begaben wir uns nach dem Hause Josefstraße 14 und zerstörten die Wohnung des Juden Nathan Gutmann. Auch an dieser Zerstörung nahm ich teil. Als wir das Haus Josefstraße verließen, kam ein Mann von der SA-Gruppe mit der Meldung, dass die Judenaktion einzustellen sei. Dies war etwa gegen 12 Uhr mittags.

An der Ecke Mainzerstraße trennte ich mich von dem Zerstörungstrupp, ging nach Hause, während sich die anderen zur SA-Gruppe begaben. Bei sämtlichen Zerstörungen haben sich in allererster Linie K., Faust, E. und St. hervorgetan und rücksichtslos mit ihren Äxten alles zerschlagen.

Sonst kann ich zu der Angelegenheit nichts sagen. Ich weiß, dass ich mich durch meine Teilnahme strafbar gemacht habe. Ich bereue es heute, dass ich mich zu diesen Zerstörungen habe mit hinreißen lassen.

Sehr bald nach dem Pogrom fand dieser brutale Schläger und Kommandant eines Konzentrationslagers dann doch noch eine Anstellung. Und zwar wurde er Hausmeister in der Volksschule in der Handwerkerstraße in Neuendorf – heute Willi-Graf-Schule. Ob die Schulleitung und die Schüler mit Faust als Hausmeister zufrieden waren, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber, dass Faust selbst sehr frustriert war. Ein Rektor und Koblenzer NSDAP-Kreisamtsleiter äußerte sich über Faust 1940 wie folgt:

Faust hat wiederholt (…) zum Ausdruck gebracht, es käme eine neue Revolution innerhalb der Partei, es wären doch alles Bonzen, die in den Sesseln säßen und mit den Autos führen, während die, die in der Kampfzeit die Wunden davon getragen hätten, lediglich Hausmeister werden könnten. Faust spielte damit in seiner unverkennbaren Unzufriedenheit auf seine eigene Lage an, obwohl er meines Erachtens in wirtschaftlich durchaus erträglichen Verhältnissen lebte.

Offenbar aus dieser Frustration heraus begann Faust gegen einen anderen SS-Mann zu intrigieren. Dieser war seinerzeit zusammen mit Faust in den Emslandlagern und war damals noch Fausts Untergebener, inzwischen hatte er Karriere gemacht und war Führer einer SS-Standarte. Während andere Verfehlungen Fausts keinerlei Konsequenzen für ihn hatten, wurde es hierbei – weil es wieder den internen Bereich der SS betraf – Ernst. Die SS sah das als „Zersetzung“ an und drohte ihm mit der Einweisung in ein Konzentrationslager. Der SS-Oberabschnitt Rhein teilte dem SS-Hauptamt 1941 mit: „SS-Oberabschnitt Rhein wird Faust, falls er seine Zersetzungen nicht einstellt, durch die Gestapo in Schutzhaft nehmen lassen. Keinesfalls kann dieses Verhalten weiter geduldet werden, da gerade in dem Gebiete von Koblenz die SS an Ansehen Einbußen erleiden musste.“

Die eigene Einweisung in ein Konzentrationslager blieb Faust erspart. Allerdings gelang es ihm auch nicht, wieder in die SS aufgenommen zu werden. Im Herbst 1943 meldete er sich freiwillig zur Waffen-SS zum Einsatz im Osten, „um als früherer alter Kämpfer der SS durch Frontbewährung wieder vollwertiger SS-Mann zu werden und zu bleiben.“ Doch auch dieses Gesuch wurde abschlägig beschieden. Im Februar 1944 wurde ihm mitgeteilt: „Der Reichsführer-SS, Hauptamt SS-Gericht hat mit Entscheid vom 27. Januar 1944 ihre Einziehung zur Waffen-SS abgelehnt. Es wird Ihnen anheim gestellt, sich freiwillig zur Wehrmacht zu melden und, Frontbewährung vorausgesetzt, ein Wiederaufnahmegesuch nach Kriegsende erneut einzureichen.“

In den letzten Kriegsmonaten hat Faust mit seiner Familie, inzwischen waren es 12 Kinder geworden, Koblenz verlassen und hatte sich nach Thüringen begeben und war dann von dort aus nach Emden gelangt. In einer Barackensiedlung in Emden wurde er am 13. Juli 1946 von der britischen Militärregierung „wegen seiner Tätigkeit im Lager“ festgenommen.

Sowohl die Staatsanwaltschaft in Koblenz als auch die Staatsanwaltschaft in Osnabrück ermittelten gegen Faust. Inzwischen war Faust wie es hieß „lebensgefährlich erkrankt“, so dass „mit seinem baldigen Ableben gerechnet“ wurde. Immerhin besserte sich sein Zustand, so dass er verhandlungsfähig war. Er konnte aber nicht nach Koblenz verbracht werden. Deshalb wurde Faust der Prozess „wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit und Körperverletzung im Amt“ vor dem Schwurgericht in Osnabrück gemacht. Bei der umfangreichen Beweisaufnahme traten auch viele Koblenzer, die von Faust in Koblenz bzw. im Konzentrationslager misshandelt und gequält worden waren, als Zeugen auf. Faust bestritt alle Anschuldigungen mit „das stimmt nicht“ oder „ich kann mich nicht erinnern“. Am Tag der Urteilsverkündung räumte er dann doch Misshandlungen ein, stritt aber weiterhin ab, etwas mit der Erschießung von Häftlingen zu tun gehabt zu haben. In seinem Schlusswort bat Faust um „mildernde Umstände“. Dabei verwies er auf seine große Familie und darauf, dass er ein erbitterter Gegner des Kommunismus gewesen und es auch heute noch sei“. Der Hinweis auf seine antikommunistische Einstellung war taktisch klug gewählt. Das war im Zeichen des Kalten Krieges sehr oft ein Grund für eine sehr wohlwollende Behandlung und milde Bestrafung. Bei Faust half aber selbst dieses Bekenntnis nichts.

Mit Urteil des Landgerichts – Schwurgerichts – Osnabrück vom 6. November 1950 wurde Emil Faust wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit in Tateinheit in einem Falle mit Mord sowie in Tateinheit in 33 Fällen mit gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung, davon in einem Fall (…) mit Todesfolge und in diesem zugleich mit fahrlässiger Tötung zu lebenslänglichem Zuchthaus bestraft. Die von Faust hiergegen eingelegte Revision blieb im Wesentlichen erfolglos – und zwar deshalb, weil die Verurteilung wegen Mordes einer revisionsgerichtlichen Überprüfung standhielt.

Seine Strafe verbüßte Faust im Zuchthaus in Celle. Auf ein Gnadengesuch hin wurde er am 15. Dezember 1965 vorzeitig aus der Haft entlassen. Vier Monate danach starb Faust am 13. April 1966 in Emden.

Drei Vorträge von Joachim Hennig bei der Volkshochschule Koblenz zum Generalthema „Täter“

Teil 2:

Harald Turner (1891 – 1947)

Harald Turner wurde am 8. Oktober 1891 in dem Städtchen Leun geboren. Leun liegt an der Lahn, zwischen Wetzlar und Limburg, gegenüber von Braunfels. Es gehörte damals zum Kreis Wetzlar. Leun war wohl ein schönes Städtchen, mit alten Fachwerkhäusern in seinem Ortskern. Nicht unerwähnt lassen möchte ich, dass Leun wie der ganze Kreis Wetzlar damals zum Regierungsbezirk Koblenz gehörte.

Zur Welt kam Harald Friedrich Emil Turner als Sohn eines Oberleutnants im 1. Nassauischen Infanterieregiment Nr. 87 und der Tochter eines evangelischen Pfarrers. Diese Mischung ist schon ein bisschen ungewöhnlich. Noch ungewöhnlicher wird es, wenn man den Namen des Vaters hört: William West Turner. Unweigerlich kommt man da ins Englische – Turner – und das ist richtig so. Denn Harald Turners Vorfahren väterlicherseits waren Engländer. Sein Vater war 1861 in London geboren. Sein Großvater Spence Derrington Turner war Soldat in der indischen Armee. Seine größte Leistung vollbrachte er auf einer Reise von Indien nach England, als das Schiff an einer Flussmündung ins Meer nachts in Brand geriet. Das Schiff brannte aus, viele Menschen kamen ums Leben, weil sie verbrannten, ertranken oder von Haifischen aufgefressen wurden. Der Großvater rettete sein nacktes Leben sowie auch das Leben der Frau des Schiffskapitäns durch Schwimmen. Im Nachhinein spielte er seine Tat herunter. Er behauptete, weil sie nur ein Nachthemd angehabt habe und sehr beleibt gewesen sei, hätten die Haifische schon von ihrem bloßen Anblick genug gehabt. Dadurch habe sie letztlich die Haifische in die Flucht geschlagen und damit sein Leben gerettet. Und im Übrigen habe die Frau angesichts ihrer Körperfülle gar nicht ertrinken können.

Das Faible fürs Militärische lässt sich bis zu Harald Turners Urgroßvater zurückverfolgen. Dieser William Turner war Offizier der englischen Armee. Als Major der englischen Dragoner kämpfte er während des Halbinselkrieges in Spanien und in Portugal und ebenso bei der Schlacht bei Waterloo gegen Napoleon.

Irgendwie hatte es dann den Vater Turners nach Deutschland verschlagen und in die preußische Armee. Zu jener Zeit gehörte das Nassauer Land als Folge des preußisch-österreichischen Krieges, in dessen Verlauf Nassau auf Seiten Österreichs gegen Preußen stand, seit 1866 als Provinz Hessen-Nassau zum Königreich Preußen. Stationiert war Turners Vater mit seinem Regiment in Mainz. Im Jahre 1885 heiratete Turners Vater Turners Mutter Marie, geb. Zimmermann in Leun. Sie war die Tochter des dortigen Pfarrers Julius Zimmermann, der die beiden auch traute. Viele ihrer männlichen Vorfahren waren evangelische Pfarrer oder auch Lehrer gewesen. Es war dann auch der Großvater mütterlicherseits, der Harald Turner sechs Wochen später taufte. Typisch für den familiären Hintergrund waren die Taufpaten. Von den drei männlichen Taufpaten war einer Theologiestudent und zwei waren Offizier bzw. angehender Offizier.

Seine Kindheit verlebte Turner im Standort des Vaters, in Mainz. Dort besuchte er von 1897 bis 1901 die Vorschule des „Alten Gymnasiums“. Schon sehr früh wurden für ihn die Weichen für eine militärische Laufbahn gestellt. Zu Ostern 1901, mit neun Jahren, kam er in die Kadettenanstalt Oranienstein bei Diez an der Lahn. Ostern 1906 schloss sich der Besuch der Hauptkadettenanstalt Groß-Lichterfelde bei Berlin bis einschließlich zur Obersekunda an. Im März 1908 wurde er Fähnrich und im August desselben Jahres Leutnant. Im Herbst kam er auf die Kriegsschule Potsdam.

Bei Ausbruch des I. Weltkrieges war Turner sogleich Soldat. Erst kämpfte er an der Westfront und wurde schon Ende September 1914 in Frankreich verwundet. Nach seiner Genesung war Turner bereits im Dezember 1914 wieder an der Front - diesmal an der Ostfront, in der Winterschlacht in Masuren. Durch einen doppelten Lungenschuss wurde er aber Mitte Februar 1915 erneut schwer verwundet. Noch in der Genesungsphase beförderte man ihn im Juli 1915 zum Oberleutnant. Im Dezember desselben Jahres kam er wieder an die Front.

Gleichsam zwischen den Fronten und in einer Kampfpause heiratete Turner am 23. Februar 1916 seine drei Jahre jüngere Frau Adelheid, geb. Bechtel. Sie war die Tochter eines Bad Kreuznacher Seifenfabrikanten. Unter den Vorfahren der Ehefrau Turners finden sich allerlei Handwerker, aber auch evangelische Pfarrer. Kirchlich getraut wurden sie von Turners Großvater mütterlicherseits. Aus dieser Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen, die im Jahre 1917 geborene Tochter Irmingard und der 1918 geborene Sohn Harald.

Schon bald nach der Eheschließung, im Mai 1916, erlitt Turner einen Blutsturz und musste ins Lazarett. Damit war sein Fronteinsatz im I. Weltkrieg beendet. Nach seiner Genesung wurde er nur noch im rückwärtigen Bereich eingesetzt. So war er von Juli 1916 an ein Jahr lang Platzmajor und Adjutant der Kommandantur der Festung Wesel am Niederrhein. Von dort kam er ein Jahr später als 2. Ordonanzoffizier zum Armeeoberkommando Küste nach Hamburg und von dort als 1. Ordonanzoffizier in die Karpaten. Nach einer kurzen Kommandierung in die Champagne war er Adjutant der 16. Landwehrdivision in der Ukraine. Am 15. Juli 1918 wurde er zum Hauptmann befördert, kam aber am selben Tag mit schwerer Ruhr in Lazarett, das war jetzt – wenn Sie richtig mitgezählt haben - der vierte Lazarettaufenthalt. Die Armee dankte Turner seinen Militärdienst mit der Verleihung von Orden und Ehrenzeichen. Er war Träger des Eisernen Kreuzes I. und II. Klasse, des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer, des Hilfsdienstkreuzes und des Verwundetenabzeichens in Silber.

... Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches im November 1918 ging Turner nicht nach Hause ins Zivilleben sondern blieb beim Militär. Er gehörte jenen irregulären Verbänden ab, in denen militärisch ausgebildete Frontsoldaten weiterhin Krieg spielten. Das waren eine Art Landsknechte, zu denen sich bald auch konservative bis rechtsradikal gesinnte junge Leute gesellten. Man nannte sie Freikorps. Es gab insgesamt 68 „amtlich anerkannte“ Verbände mit zusammen fast 400.000 Mann. Bekannt sind vor allem die Freikorps Ehrhardt und Löwenfeld, die im Baltikum ihren „Kampf gegen den Bolschewismus“ kämpften. Turner kämpfte weiter im Westen, er war wieder Platzmajor und Adjutant des Festungskommandanten von Wesel, er gehörte zum Freikorps Wesel. Später richtete er – wie er sagte - die Einwohnerwehr von Bochum ein. 1919 wurde Turner Mitglied des Treubundes, dann des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes. Republikfreundlich war das alles sicherlich nicht.

Der am 10. Januar 1920 in Kraft getretene Vertrag von Versailles brachte dann das soldatische Ende für Turner. Der Friedensvertrag begrenzte die Streitkräfte auf das „Hunderttausend-Mann-Heer“. Damit musste die auf 400.000 Mann angewachsene Reichswehr auf ein Viertel verringert werden, von der Reduzierung waren vor allem die Freikorps betroffen, die weitgehend aufgelöst wurden. Als Reichswehrminister Gustav Noske (SPD, der sog. geschmähte „Bluthund-Noske“) Ende Februar 1920 die Auflösung von Freikorps anordnete, kam es zur offenen Rebellion. Der Befehl wurde nicht befolgt. General von Lüttwitz alarmierte die „Brigade Ehrhardt“ und befahl ihr, in Berlin einzumarschieren und „das rote Pack“ davonzujagen. Mit dabei war auch der Generallandschaftsdirektor Wolfgang Kapp. Danach wird diese Rebellion auch als Kapp-Putsch bezeichnet. Die Reichsregierung floh aus Berlin. Die sozialdemokratischen Minister und die Gewerkschaftsführer riefen zum Generalstreik auf. U.a im westdeutschen Industriegebiet wurde dieser Streik befolgt. Und gerade da in Wesel saß Turner bei seinem Freikorps Wesel. Schon nach wenigen Tagen scheiterte der Staatsstreich in Berlin. Im Ruhrgebiet gingen die Kämpfe weiter. Immer mehr bekamen die bewaffneten Arbeiter die Oberhand. Zuletzt wurde gerade noch in Wesel gekämpft. Im April 1920 marschierte dann die Reichswehr im Ruhrgebiet ein.

Damit hatte auch Turner fürs erste ausgekämpft. Im selben Monat – übrigens zur gleichen Zeit auch wie Adolf Hitler – schied er aus dem Militärdienst aus. Während Hitler sich von da ab restlos der – wie es hieß – „Bewegung“, der NSDAP widmete, wurde Turner Verwaltungsbeamter. Zunächst war er Regierungsamtmann im Versorgungsamt in Wesel. Im Jahre 1922 kam er zum Versorgungsamt nach Mainz, 1923 nach Bad Kreuznach und 1924 nach Trier.

Turner war von Anfang an sehr ehrgeizig und bildungsbeflissen. So ließ er sich während dieser Berufstätigkeit im Wege des Fernstudiums zum Referendar weiterbilden. Aufgrund von damals geltenden Sonderregelungen – Turner ja hatte kein Abitur - gelang ihm im Jahr 1926 der Sprung vom gehobenen in den höheren Dienst. Er wurde im Februar 1926 zum Regierungsrat ernannt und weiter beim Reichsversorgungsamt in Trier eingesetzt. Obwohl er damit im höheren Dienst war, strebte er noch das Abitur an. Nach einer recht kurzen Vorbereitungszeit legte er die Reifeprüfung im Februar 1927 als Externer am Hindenburg-Realgymnasium in Trier ab. Sogleich schrieb er sich für das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität in Gießen ein und studierte neben seinem Dienst sechs Semester.

Noch während er studierte wurde er im April 1929 – unter Beibehaltung seiner Hauptstelle beim Versorgungsamt in Trier - zum Deutschen Finanzkommissar für das Versorgungswesen im Saargebiet ernannt. – Damals hatte das Saargebiet noch einen Sonderstatus – aufgrund des Versailler Vertrages war es damals den Franzosen zur Nutzung überantwortet und wurde von einer Kommission des Völkerbundes verwaltet. Erst nach 15 Jahren, im Jahre 1935, sollte die Bevölkerung des Saargebiets in einer Volksabstimmung über das weitere Schicksal entscheiden. Sie kennen den Ausgang. Ich sage nur: „Die Saar kehrt heim!“

Dort also in diesem völkerrechtlich eigenwilligen Gebilde „Saargebiet“ war Turner deutscher Finanzkommissar für das Versorgungswesen. Schon wenig später, zum 1. Januar 1930, trat Turner in die NSDAP ein. Mit der Mitgliedsnummer 181.533 schaffte er es aber nicht mehr, unter der „Schallmauer“ von 100.000 zu bleiben. Zum 1. August 1932 wurde er Mitglied der SS. Seine ersten SS-Erfahrungen sammelte er als Truppführer in Trier. Ein halbes Jahr später, am 12. Februar 1933, wurde Turner zum Oberregierungsrat beim Reichsversorgungsamt in Trier befördert. Zu dieser Zeit war er schon mit der Wahrnehmung der Geschäfte zur Führung eines Sturmbanns beauftragt.

Mittlerweile hatten die Nazis im Reich und auch in Preußen die Macht übernommen. Hitler war Reichskanzler geworden, zwei weitere Nazis, Frick und Göring, Reichsminister. Göring wurde kommissarisch auch preußischer Ministerpräsident. Es war der letzte Akt des Kampfes um das ehemals „rote Preußen“. Es galt das geflügelte Wort: „Wer Preußen hat, hat Deutschland“. Schon mit dem „Preußenschlag“ am 20. Juli 1932, als der damalige Reichskanzler von Papen die preußische Regierung unter Carl Severing (SPD) absetzte und durch einen Reichskommissar ersetzte, war die Macht dieses „Bollwerks Preußen“ gebrochen. Jetzt, nach der sog. Machtergreifung und seiner Ernennung zum preußischen Ministerpräsidenten, ging Göring sofort daran, republikanisch gesinnte Beamte aus ihren Ämtern zu vertreiben und diese durch Nazis zu ersetzen bzw. überhaupt NS-Personalpolitik zu betreiben. Der erste republikanisch gesinnte Beamte, der in Koblenz im Rahmen der von den Nazis sog. politischen Säuberung entfernt wurde, war der Koblenzer Polizeipräsident Dr. Ernst Biesten. Dies geschah bereits am 13. Februar 1933. Wenig später wurde auch der Vizepräsident der Rheinprovinz, Dr. Wilhelm Guske, aus dem Amt gejagt.

Die Ernennung Turners zum Oberregierungsrat beim Reichsversorgungsamt in Trier am 12. Februar 1933 gehörte wohl noch nicht in diese – wie die Nazis es nannten – politische Säuberung. Zwar geschah die Beförderung nach der sog. Machtergreifung und seine recht frühe Parteimitgliedschaft und Zugehörigkeit zur SS waren bestimmt förderlich dabei, aber das war noch nicht Teil der „politischen Säuberung“. Dafür handelte es sich um einen zu untergeordneten Posten. Nach der Machtübernahme ging es den Nazis vielmehr darum, die Schaltstellen der Macht auf allen Ebenen zu übernehmen. Hierzu war die Stelle eines Oberregierungsrates beim Reichsversorgungsamt in Trier viel zu unbedeutend.

Wahrscheinlich war es Zufall, dass Turner gerade kurz nach der „Machtergreifung“ befördert wurde. Schließlich war er inzwischen 41 Jahre alt und hatte sich in den letzten zehn Jahren – auch durch Weiterbildung – hochgearbeitet.

Anders ist eine Turner betreffende Personalmaßnahme zu bewerten, die nur wenige Wochen später erfolgte. Im Mai 1933 kam es zu einer weiteren Ernennung Turners, diesmal zum Regierungspräsidenten von Koblenz. Diese muss man sehr wohl vor dem Hintergrund der „Machtergreifung“ der Nazis und den letzten halbwegs legalen Wahlen zum Reichstag am 5. März 1933 sehen. Dabei erhielten die Nazis 43,9 Prozent der Stimmen und zusammen mit der „Kampffront Schwarz-Weiß-Rot“ mit 52 Prozent die absolute Mehrheit. Dieser „Säuberung“ fielen allein im Februar und im März 1933 insgesamt fünf Oberpräsidenten, 11 Regierungspräsidenten, 21 Vizepräsidenten und 25 Polizeipräsidenten zum Opfer. Der Koblenzer Regierungspräsident Walter von Sybel war zunächst noch davon verschont, gehörte er doch der DVP (Deutsche Volkspartei) an, stand weit rechts und hielt sogar Reden für die NSDAP. Aber das alles half ihm letztlich auch nichts. Die Nazis wollten ihre Leute an den Schalthebeln der Macht. Deshalb musste von Sybel gehen und wurde dann Anfang Mai 1933 „beurlaubt“. Allerdings fiel er nicht wie die politischen Gegner der Nazis – wie etwa Biesten und Guske – ins Bodenlose. Von Sybel fiel weich, die Nazis brachten ihn als Abteilungsdirigent und Verwaltungsgerichtsdirektor bei der (Bezirks-)Regierung in Wiesbaden unter.

Von Sybel wurde im Mai 1933 durch Turner ersetzt. Das war kein Ausnahmefall, denn die Machtmonopolisierung der Nazis ging weiter. Bis Ende Juli 1934 waren sämtliche Oberpräsidenten und 32 von 34 Regierungspräsidenten der Weimarer Republik aus ihren Ämtern entfernt und mit Nationalsozialisten, auch deutschnationalen und anderen Rechten neu besetzt.

Die Ernennung Turners zum Regierungspräsidenten kam für ihn nicht überraschend, er hatte darauf hingearbeitet. Bereits 1931 oder 1932 äußerte er sich gegenüber einem Freund, dem Amtsrichter Dr. Oskar Elste, nachdem dieser festgestellt hatte, dass der Gauleiter Robert Ley Parteigelder unterschlagen hatte, dies publik gemacht hatte und aus der NSDAP ausgetreten war, wie folgt:

Oskar, Du bist kein Idiot, sondern ein Vollidiot. Wenn wir an die Macht kommen, wärest Du Chef beim Oberlandesgericht Köln geworden. Meine Karriere fängt als Regierungspräsident in Trier oder in Koblenz an.

So war es denn auch. Während Elste nach 1933 Amtsrichter in Boppard/Rhein wurde, wurde Turner wie gesagt – zunächst – Regierungspräsident in Koblenz. Die Ernennung und Amtseinführung Turners als Regierungspräsident fand ein breites Echo – jedenfalls in der inzwischen gleichgeschalteten Presse. Das Koblenzer Nationalblatt schloss die Vorstellung Turners in seiner Ausgabe vom 13. Mai 1933 mit den Worten: „Mit dem neuen Regierungspräsidenten zieht in Koblenz ein alter, treuer Kämpfer der Bewegung ein, der seiner neuen Aufgabe vollauf gerecht werden wird.“

Am 16. Mai 1933 fand dann in der Festhalle in Koblenz die feierliche Einführung statt. Für das Koblenzer Nationalblatt war dies ein „Markstein (…) in der Geschichte (der) Bewegung; dieser hohen Bedeutung des Tages wurde die außerordentlich eindrucksvoll verlaufene Veranstaltung in würdigster Weise gerecht.“ Als die Musik einsetzte, marschierten sie ein: „Gauleiter Pg. G. Simon, Oberpräsident von Lüninck, Polizeipräsident und Oberführer Wetter, SS-Standartenführer Zenner, Regierungspräsident Turner und Oberbürgermeister Wittgen sowie der Stab der Gauleitung, die Führer des Stahlhelm und der Schutzpolizei (…) Ihnen folg(t)en die Fahnen und Standarten der im Saal vertretenen Formationen.“

Nach Oberpräsident von Lüninck ergriff der neue Regierungspräsident Turner das Wort und führte u.a. aus:

Ich bin mir der Schwere meiner Aufgabe bewusst. Aber ich bin ein Kind meines Bezirkes, kenne die Nöte und die Verhältnisse meiner Heimat. Siebzehn Jahre war ich im Rheinland tätig, elf Jahre in dem von den Franzosen besetzten Gebiet. Meine Aufgabe fasse ich so auf, dass ich in erster Linie Exponent der Regierung Adolf Hitlers bin, in zweiter Linie erst Beamter. Mein Ziel wird es sein, aus meinem Bezirk eine Hochburg des nationalen Sozialismus zu schaffen, denn der Nationalismus allein tut es nicht. Es muss der Sozialismus hinzukommen, für den wir 14 Jahre gekämpft haben. Dieser Nationalsozialismus soll unser Leitstern sein, wenn es gilt die Nöte der vergangenen Jahre in jeder Weise zu lindern. Mein ganzes Herz will ich für dieses Hochziel einsetzen, ein treuer Soldat Adolf Hitlers zu sein.

Der Artikel im Koblenzer Nationalblatt endet dann mit den Worten:

Mit einem dreifachen Heil auf den Führer und dem Horst-Wessel-Lied schloss die wahrhaft erhebende Feier in der Festhalle.

Die Formationen zogen nun durch die Rheinanlagen zur Hitler-Eiche gegenüber der Regierung, wo die Führer der Bewegung und die Spitzen der Behörden Aufstellung genommen hatten. In strammem Paradeschritt zogen die SS- und SA-Männer, Stahlhelm, Schutzpolizei und SS-Motorsturm vorbei, stürmisch begrüßt von den die Straßen säumenden Menschenmassen.

Ein herrliches Bild strammer Manneszucht, deutschen Kraftwillens!

Ein unvergesslicher Tag!

Mit Turner gab es sicherlich einen spektakulären Wechsel an der Spitze der Regierung von Koblenz. Dies darf allerdings nicht zu der Annahme verleiten, dass es generell solche Veränderungen gab. In organisationsrechtlicher und personeller Hinsicht blieb vielmehr vieles so wie es war. Es wurde gerade einmal das „Führerprinzip“ in der Verwaltung eingeführt. Das hatte zur Folge, dass Gremien wie der Bezirksausschuss abgeschafft wurden. Eine wesentliche Änderung gab es lediglich im Bereich der politischen Polizei. Durch die Herausbildung der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) als Parallel- bzw. Alternativorganisation verlor die politische Polizei, die ein Teil der (Bezirks-)Regierung war, an Bedeutung. Damit ging die Regelung einher, dass die Leiter der Gestapo-Stellen zugleich die politischen Sachbearbeiter bei den Regierungen sein sollten. Insoweit gehörte zum Kreis der höheren Regierungsbeamten auch ein weiterer strammer Nazi.

Eine Umstellung in der Arbeit der Regierungen gab es insoweit, als weitere Stellen - und zwar staatliche und solche der NSDAP – bei der Erledigung der Arbeiten zu beteiligen waren. In vielen Fällen mussten die Gauleitung und die Kreisleitungen eingeschaltet werden. Außerdem entstanden staatliche und Partei-Dienststellen, die teilweise eine Doppelarbeit und eine Gegenarbeit zur Folge hatten. So hatten beispielsweise Dienststellen des „Reichsnährstandes“ Befugnisse auf dem Gebiet der Marktregelung und der Preisfestsetzung, in diesem Bereich war aber auch die Regierung tätig. Nach und nach kam es zu einem nebeneinander von Dienststellen und einem Wildwuchs von Behörden und Institutionen. Das war natürlich einer effektiven Arbeit abträglich und beschnitt zudem die Aufgaben der Regierung als Mittelbehörde.

Dieser Dualismus von Partei und Staat wurde in der Person Turners und damit in der Verwaltungsspitze des Regierungsbezirks Koblenz dadurch gelöst, dass der Regierungspräsident Turner auch in der SS schnell Karriere machte. Schon zwei Wochen nach seiner offiziellen Amteinführung, am 12. Juni 1933, wurde er vom Truppführer zum Untersturmführer (= Leutnant) befördert, zwei Monate später (am 20. August 1933) zum Sturmbannführer (= Major), an „Hitlers Geburtstag“ am 20. April 1934 zum Obersturmbannführer (= Oberstleutnant), schon einen Monat später (am 20. Mai 1934) zum Standartenführer (= Oberst). Diese SS-Karriere dürfte auch Turners Eitelkeit befriedigt haben. Eine solche Annahme liegt nahe, wenn man sich die – wenigen – Fotos ansieht, die es von Turner gibt. Sie alle zeigen ihn in SS-Uniform, die er ersichtlich voller Stolz trägt.

Insoweit hatte er auch allen Grund, stolz zu sein. Denn innerhalb eines Jahres hatte Turner unter Berücksichtigung seiner Karriere als Verwaltungsbeamter auch als SS-Führer reüssiert, er hat – wie man so sagte – „nachgezogen“ und war vom „kleinen“ Truppführer zum Standartenführer (= Oberst) aufgestiegen. Außerdem hatte man ihn mit den Insignien der SS ausgestattet: mit dem SS-Totenkopfring, mit dem Ehrendegen des Reichsführers SS und mit dem Julleuchter. Den Julleuchter verlieh ihm Himmler persönlich zu Weihnachten 1935 bzw. wie die Nazis das Weihnachtsfest umfunktionierten und umbenannten zum „Julfest“ 1935.

Aus der Koblenzer Zeit Turners ist bislang sehr wenig bekannt. Ich selbst weiß nur von seinen Kontakten zum „Nerother Wandelvogel“ und zu den Zwillingsbrüdern Karl und Robert Oelbermann. Turner war Mitglied des Verwaltungsrates des „Nerother Wandervogels“, der damals schon seinen Sitz auf der Burg Waldeck bei Dorweiler im Hunsrück hatte. Auch Turners Sohn Harald war bei den „Nerothern“. Er muss ein schwer zu bändigendes Temperament gehabt haben, lediglich vor Karl Oelbermann hatte er Respekt. Obwohl Turner ein Freund der „Nerother“ war, konnte auch er den Druck von Hitler-Jugend und Partei auf die „Nerother“ nicht verhindern. Der Druck diente übrigens dazu, dass sich die „Nerother“ selbst auflösen sollten. Sie waren für die HJ eine Konkurrenz-Organisation, die die Nazis wegen ihres Totalitätsanspruchs nicht neben sich dulden wollten. Turner gab dann den Oelbermännern“ auch den Rat, sich selbst aufzulösen, ehe sie zwangsweise aufgelöst wurden. So geschah es auch, allerdings schlossen sich die „Nerother“ in einem Geheimbund, der „Gefolgschaft Oelb“ zusammen.

Turner blieb den Brüdern Karl und Robert Oelbermann weiter verbunden. Noch im Januar 1936 schrieb er ihnen:

Euch beiden habe ich umso lieber geholfen, weil ich überzeugt davon bin, dass ihr – wie man so sagt – anständige Kerle seid, die sich nur von idealen Beweggründen leiten ließen und auch in Zukunft leiten lassen werden. Ihr könnt versichert sein, dass nach wie vor ich mich mit meiner ganzen Person schützend vor Euch stelle, weil ich ein Gegner jeder nicht offenen und nicht geraden Handlung bin.

All dies half aber nichts. Am 8. Februar 1936 wurde der „Nerother Wandervogel“ offiziell verboten. Eine Woche später verhaftete die Gestapo Robert Oelbermann. Der Bruder Karl befand sich zu dieser Zeit auf einer Afrikaexpedition. Er kehrte während der ganzen NS-Zeit nicht nach Deutschland zurück. Die Gestapo warf Robert Oelbermann vor, sich im Sommer 1935 in zwei Fällen homosexuell betätigt zu haben. Aufgrund von manipulierten Zeugenaussagen wurde Robert Oelbermann noch im selben Jahr zu 21 Monaten Zuchthaus verurteilt. Der Reichsführer-SS Heinrich Himmler ordnete die Beschlagnahme der Burg Waldeck an, weil sie – wie es hieß – ein „Seuchenherd widerlicher Unzucht“ sei. Für die Gestapo war Oelbermann ein „Mensch, der überhaupt nicht wieder in die Freiheit gehört“. Unmittelbar nach Verbüßung seiner Zuchthausstrafe wurde er von der Gestapo ins KZ Sachsenhausen verschleppt. Von dort aus brachte man ihn ins KZ Dachau. Am 29. März 1941 starb Robert Oelbermann im KZ Dachau, angeblich an einem „Versagen von Herz und Kreislauf bei Asthma und Ödemen“.

Das war kurz skizziert das Schicksal von Robert Oelbermann, eines ebenfalls in der Dauerausstellung porträtierten Opfers des Nationalsozialismus aus Koblenz und Umgebung.

Kehren wir nun zu Harald Turner zurück. Turners Stellung in Koblenz war nicht unangefochten. Das lag u.a. auch an seiner Nähe zum „Nerother Wandervogel“ und auch daran, dass er seinen Sohn noch nach dem Verbot der „Nerother“ mit auf eine Albanienfahrt schickte, die unter der Leitung Karl Oelbermanns stand.

In dieser Zeit wurden für Turners weitere Karriere wichtige Weichen gestellt. Hierzu gehörten seine „rassemäßige“ Durchleuchtung und die seiner Ehefrau. Im Sommer 1935 musste Turner für sich und seine Frau einen SS-Erbgesundheitsbogen und eine SS-Ahnentafel vorlegen. Sie können sich vorstellen, dass dies für Turner mit seinen englischen Vorfahren nur schwer möglich war. Auch seine Ehefrau hatte große Mühe, ihre Ahnen bis ins 18. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Mit einer gewissen Verspätung legte Turner den Ahnennachweis mit 43 amtlich beglaubigten Abschriften sowie einem Teil des Briefwechsels bei, den er zur Beschaffung der Urkunden geführt hatte. Dem Ahnennachweis seiner Ehefrau lagen gar 116 amtlich beglaubigte Abschriften bei.

Die anschließende „rassemäßige“ Überprüfung verlief für Turner günstig, denn sonst hätte er vom Reichsführer-SS zum „Julfest“ 1935 nicht den Julleuchter erhalten. Mit diesem „Julfest“ endete für Turner dann seine Koblenzer Zeit. Schon drei Wochen später machte er einen weiteren Karrieresprung. Am 17. Januar 1936 wurde er zum Ministerialdirektor im Preußischen Finanzministerium in Berlin ernannt. Am Tag der „Machtergreifung“, am 30. Januar des Jahres 1936, wurde er auch noch zum Oberführer der SS (= das ist so ein Dienstgrad zwischen Oberst und Generalmajor) befördert. Mit dieser Perspektive verließen Turner und seine Familie Koblenz. Turner sollte in den folgenden etwas mehr als neun Jahren des „Tausendjährigen Reiches“ noch zahlreiche berufliche und persönliche Höhen und Tiefen erleben, er sollte aber nie mehr nach Koblenz zurückkehren.

In seinem weiteren beruflichen Werdegang spiegelte sich regelrecht der verbrecherische Expansionsdrang Hitler-Deutschlands wider. Turners erstes Einsatzgebiet wurde Tschechien. Bekanntlich einigten sich Chamberlain, Daladier, Mussolini im Münchner Abkommen Ende September 1938 auf die Angliederung der sudetendeutschen Gebiete an Deutschland. Dies war dann der Anfang der von Hitler längst ins Auge gefassten „Zerschlagung der Rest-Tschechei“ und der Errichtung des „Reichsprotektorats Böhmen und Mähren“. Am 15. März 1939 marschierten deutsche Truppen in die „Rest-Tschechei“ ein. Schon einen Tag später wurde die Errichtung des „Protektorats Böhmen und Mähren“ verkündet. Danach wurde das Protektorat Teil des Großdeutschen Reiches mit – wie es hieß – „autonomer“ Selbstverwaltung, während sich das Reich die außenpolitische Vertretung und den „militärischen Schutz“ vorbehielt. Dieser Vorgang markierte – nach der „Rückkehr des Saargebiets“ ins Reich aufgrund einer Volksabstimmung, nach dem „Anschluss“ Österreichs und der „Abtretung“ des Sudetengebiets an das Reich im Münchner Abkommen – einen qualitativen Sprung in der nationalsozialistischen Expansionspolitik. Denn zum ersten Mal hatte Deutschland einen europäischen Nachbarstaat gewaltsam unterworfen, aufgelöst, teilweise annektiert und seinen Machtbereich über die Siedlungsgebiete von Deutschen oder sich als solche empfindenden Menschen hinaus ausgedehnt. Weder die Forderung „Deutschland den Deutschen“ noch die Revision von „Versailles“ konnten als Rechtfertigung für diesen Gewaltakt dienen. Vielmehr zeigte sich das deutsche Streben nach einer beherrschenden Stellung in Mitteleuropa unverhüllt und aggressiv.

Und Harald Turner war dabei. Und zwar als Beamter bei der deutschen Verwaltung in Karlsbad/Böhmen.

Man wusste offensichtlich, was man an ihm hatte. Denn schon zuvor, im Jahre 1938, hatte man ihn zum Staatsrat ernannt. Hierbei handelte es sich lediglich um einen Ehrentitel. Eine politische Funktion war damit nicht verbunden. Zum Jahrestag der „Machtergreifung“ im Jahre 1939 wurde Turner zum Brigadeführer der SS (= Generalmajor) befördert.

Als Hitler-Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel und damit den Zweiten Weltkrieg vom Zaum brach, war Turner ebenfalls dabei. Diesmal als Soldat, und zwar als Major und Bataillonskommandeur einer Personalnachschubeinheit. Nach dem Blitzkrieg und Blitzsieg gegen Polen verließ Turner die deutsche Wehrmacht. Er blieb aber in Polen und wechselte als Beamter in die Verwaltung des Generalgouvernements, wie der nicht annektierte deutsch besetzte Teil Polens damals genannt wurde. Es wurde ein deutsches „Nebenland“, das von dem Generalgouverneur Hans Frank regiert wurde. Es war auch Frank, der Turner in die Verwaltung des Generalgouvernements wechseln ließ.

Dort blieb Turner aber nicht lange. Nachdem Hitler-Deutschland am 10. Mai 1940 mit dem sog. Westfeldzug Holland, Belgien und Luxemburg überfallen hatte und dann auch gleich – wie Hitler meinte – mit dem „glorreichsten Sieg aller Zeiten“ noch Frankreich besiegt hatte, wurde Turner nach Frankreich beordert. Nach dem Waffenstillstand am 22. Juni 1940 wurde Frankreich viergeteilt: der eine Teil war Elsaß/Lothringen, der zweite Teil die zu Belgien geschlagene Nordzone, der dritte Teil das eigentliche Besatzungsgebiet (mit Paris als Zentrum) und der vierte Teil schließlich war der unbesetzte Süden (= Vichy-Frankreich). Für das besetzte Frankreich wurde eine Militärverwaltung eingerichtet. An der Spitze der Militärverwaltung stand ein General, General Otto von Stülpnagel. Diesem unterstanden ein „Kommandostab“ und ein „Verwaltungsstab“. Der Verwaltungsstab wiederum unterteilte sich in eine Abteilung Verwaltung und eine Abteilung Wirtschaft. Chef der Abteilung Verwaltung war Dr. Werner Best.

Regional war die Militärverwaltung in fünf Verwaltungsbezirke untergliedert, einer davon war der Bezirk Paris. Chef dieses Militärbezirks war – Turner. Über seine Tätigkeit dort ist wenig bekannt. Diese muss aber im Kontext mit der deutschen Besatzungspolitik in Frankreich insgesamt gesehen werden. Zudem dürfte Turner in Frankreich das Rüstzeug erhalten haben, das ihn später zu weiteren Aufgaben empfahl und befähigte.

Während Turner im Protektorat Böhmen und Mähren und im Generalgouvernement Teil einer deutschen Verwaltung war, die im Wesentlichen unmittelbar Regierung und Verwaltung in den besetzten Gebieten ausübte, und den einheimischen Kräften lediglich lokale Verwaltungen und den Vollzugsbereich überließ, war die Situation im besetzten Frankreich eine andere. Grundgedanke der Besatzung dort war die bruchlose und vollständige Fortsetzung der gesamten Tätigkeit der französischen Verwaltungsbehörden, die von den deutschen Besatzungsoffizieren lediglich kontrolliert werden sollten. Voraussetzung dafür war eine Kollaboration, eine mehr oder minder erzwungene Bereitschaft sowohl der französischen Verwaltung als auch der Bevölkerung zur Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern. Diese Bereitschaft war jedenfalls am Anfang weitgehend vorhanden, so dass die deutsche Besatzung in der Pariser Zentrale mit ca. 200 und im besetzten Gebiet mit insgesamt ca. 1000 Offizieren und Beamten auskam, um das besetzte Frankreich zu regieren.

In der ersten Phase der deutschen Besatzung in Frankreich, in der Turner Chef des Militärverwaltungsbezirks Paris war, ging es im Wesentlichen – soweit es hier interessiert – um zwei Probleme: Einmal um die Ausschaltung der politischen Gegner und zum anderen um die ersten Maßnahmen gegen die in Frankreich lebenden Juden. Das eine Problem wurde mit der weitgehenden Übertragung der in Deutschland praktizierten „Schutzhaft“ auf die Verhältnisse in Frankreich gelöst. Das zweite Problem, die sog. Judenfrage, wurde mit Judenverordnungen angegangen. Damit wurden bei den französischen Präfekten Judenregister aufgebaut, alle jüdischen Geschäfte gekennzeichnet und der jüdische Besitz erfasst. Weiter wurde eine Meldepflicht für jüdische Wirtschaftsunternehmen eingeführt. Schon Ende des Jahres 1940 zeigten diese Maßnahmen erste „Erfolge“ und sie bildeten die Grundlage für die wirtschaftliche Enteignung der Juden in den nächsten Monaten.

Diese weitere Entwicklung erlebte Turner nicht mehr vor Ort mit. Denn Anfang 1941 wurde er von seinem Posten als Chef des Militärverwaltungsbezirks Paris abberufen. Die Gründe dafür sind nicht bekannt. Sie dürften aber für Turner nicht sehr vorteilhaft gewesen sein, denn zwischen seiner Abberufung und der Übertragung einer neuen Aufgabe lag eine gewisse Zeitspanne.

Während Turner Anfang 1941 auf eine neue Aufgabe wartete, entstand eine „Festschrift“ für Heinrich Himmler zu dessen 40. Geburtstag. Einer der Beiträger war Werner Best. Sein Aufsatz trug den Titel: „Grundfragen einer deutschen Großraumverwaltung“. Dieser Beitrag dürfte Turners künftige Arbeit weitgehend mit beeinflusst haben, deshalb soll er hier kurz skizziert werden:

Danach ist Gewalt die Grundlage jeder Großraumordnung, und mit Gewalt muss sich das stärkste Volk gegenüber den anderen durchsetzen. Wie die in die Großraumordnung gezwungenen Völker dann im Einzelnen zu behandeln seien, sei eine taktische Frage – abhängig von der „Rasse“, dem kulturellen Entwicklungsstand, der politischen Entwicklung und der Tradition des jeweiligen Volkes. Sie sei aber auch abhängig von anderen Faktoren, wie räumliche Gestalt und Lage des jeweiligen Gebietes. Eine generelle Regel gebe es nicht; Maßstab sei allein das Interesse des „Führungsvolkes“. In dem Aufsatz lieferte Best eine komplette Systematik aller möglichen Herrschafts- und Besatzungsformen und richtete sie streng nach Prinzipien „rationalen“ Verwaltungshandelns, aber gleichzeitig auch nach „völkischen“ Prinzipien aus. Außerdem beschäftigte er sich mit der Frage, was zu tun sei, wenn innerhalb des Raumes, in dem ein werdendes „Führungsvolk“ seine Großraum-Ordnung erreichen wolle, ein Volk oder mehrere existierten, die das Führungsvolk aus welchen Gründen auch immer nicht in dem von ihm beherrschten Großraum dulden wolle oder könne. Gemeint waren damit die Juden. Bests Antwort war: Wenn im Großraum Völker lebten, die vom „Führungsvolk“ „unerwünscht“ seien und nicht in die Großraum-Ordnung eingegliedert werden sollten, so sei eine lebensgesetzlich zwingende Notwendigkeit, dass diese Völker vom „Führungsvolk“ entweder „total vernichtet (oder aus seinem Bereiche total verdrängt)“ werden müssten.

Zur gleichen Zeit, als Best diesen Aufsatz schrieb, überfiel Hitler-Deutschland zusammen mit Italien und Ungarn in der Tradition der Blitzkriege und Blitzsiege im April 1941 Jugoslawien und Griechenland, um die südöstliche Flanke für den Angriff auf die Sowjetunion zu sichern. Deutsche Truppen eroberten das Königreich Jugoslawien in nicht einmal zwei Wochen. Noch vor der Kapitulation der jugoslawischen Armee und auch in den ersten Tagen danach kam es bereits zu Geiselerschießungen von willkürlich festgenommenen Zivilisten. Aus dieser Zeit gibt es Fotos, eins davon will ich Ihnen hier zeigen. Dieses Bild hier zeigt eine Erschießung von Serben in Pancevo bei Belgrad am 22. April 1941. Nach der Erschießung der Männer prüft ein SS-Arzt, ob alle tot sind. Ein Wehrmachtsoffizier gibt einem Schwerverletzten den Fangschuss.

Nach der Zerschlagung Jugoslawiens schaffte Hitler-Deutschland mit seinen Verbündeten die „Neuordnung des Balkanraums“. Es entstand ein Konglomerat von Besatzungszonen, Vasallenstaaten und territorialen Abtretungen. Das Deutsche Reich stellte Serbien nebst dem Banat unter deutsche Militärverwaltung.

Die Militärverwaltung bestand aus einem militärischen Operationsstab und einem zivilen Verwaltungsstab. Turner wurde der Chef der Zivilverwaltung. Ihm unterstanden auch die Abteilung für „jüdische Angelegenheiten“ und auch die Einsatzgruppe Serbien. Turner vertrat das Konzept einer pragmatischen Besatzungspolitik wie er sie im besetzten Frankreich kennen gelernt hatte. Mit Hilfe eines kleinen Arbeitsstabes sollte die einheimische Verwaltung beaufsichtigt; dabei setzte man auf die Kollaborationsbereitschaft im Lande. Das gelang auch zunächst.

Die erste Phase der deutschen Besetzung Serbiens war auch gekennzeichnet von einer Diskriminierung der Juden und Zigeuner. Dies geschah durch die Übernahme von reichsdeutschen Regelungen und ihre Übertragung auf serbische Verhältnisse. Zahlreiche Anordnungen der deutschen Verwaltung legten fest, wer als Jude und Zigeuner zu betrachten war, die Juden und Zigeuner wurden gezählt und registriert, sie mussten gelbe Armbinden tragen, wurden aus allen öffentlichen Ämtern und privaten Betrieben entfernt, ihr Grundbesitz wurde „arisiert“ und die Zwangsarbeit wurde eingeführt. Diese Repressionen gegenüber Juden und Zigeunern verliefen relativ unkompliziert.

Ein Schlaglicht auf die Situation wirft ein Feldpostbrief von Peter G. vom 18. Juni 1941. Darin heißt es u.a.:

Manchmal können die Juden ja einem Leid tun. Hier laufen sie noch in rauen Mengen umher. Eigenartig ist aber, dass ich bisher noch keinen Rassejuden angetroffen habe. Äußerlich kann man sie von den Ariern gar nicht unterscheiden. Auf den Dörfern wird dieses Pack zu Schipparbeiten usw. herangezogen. Morgens muss die Bagage antreten und einstimmig im Chor den Morgenspruch aufsagen: „Wir haben keine Ahnung von Deutschlands Macht und Stärke!“ Ganz ordentlich, nicht wahr? Wir werden die Bande schon zur Zucht erziehen. Was die Bevölkerung vor uns für einen Respekt hat, ist unheimlich. Im Übrigen sind wir bei allen sehr angesehen und beliebt. Ob Deutsche, Ungarn, Serben oder Rumänen.

Die Situation änderte sich mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion (sog. Fall Barbarossa) am 22. Juni 1941. Noch am selben Tag, also am 22. Juni 1941, befahl Turner die Verhaftung sämtlicher führender Kommunisten und ehemaliger Spanienkämpfer. Zugleich musste die jüdische Gemeinde Belgrads täglich 40 Männer bereitstellen, die bei etwaigen Anschlägen von Partisanen als Geiseln erschossen werden sollten.

Kurze Zeit später, am 4. Juli 1941, rief die jugoslawische kommunistische Partei, von Moskau dazu angewiesen, zum bewaffneten Kampf gegen die „Besatzer und ihre einheimischen Helfershelfer, gegen die Henker unserer Völker“ auf. KP-Chef war Josip Broz genannt Tito. Er schloss sich dann auch bald den Partisanenverbänden an. Die Aufstandsbewegung entwickelte sich zu einer großflächigen Revolte. Schon nach den ersten Zwischenfällen reagierte die deutsche Besatzungsmacht mit unvergleichlicher Härte. Es erging dann der Befehl: „In jeder von Truppen belegten Ortschaft des gefährdeten Gebiets sind sofort Geiseln (aus allen Bevölkerungsschichten!) festzunehmen, die nach einem Überfall zu erschießen und aufzuhängen sind.“ Daraufhin kam es – wie es hieß – „zu „sofortigen Sühnemaßnahmen gegen Sabotageakte gegenüber der deutschen Wehrmacht, bei denen bis Ende August insgesamt rund 1.000 Kommunisten und Juden erschossen oder öffentlich aufgehängt worden sind, bei denen Häuser von Banditen, sogar ein ganzes Dorf niedergebrannt wurden“.

Gleichwohl gelang es den deutschen Besatzern nicht, die Partisanen zu schlagen. Die eingesetzten Truppen waren zahlenmäßig zu gering und schlecht ausgebildet. Turner meldete dementsprechend nach Berlin, „dass die hier zur Verfügung stehenden Truppen für den Kampf gegen die aufständischen Elemente bei den hiesigen Geländeverhältnissen, wie sich ergab, völlig ungeeignet waren.“

Zur gleichen Zeit begannen die Deutschen, überall in Serbien jüdische Männer zu verhaften und in Konzentrationslager zu verschleppen. Die meisten von ihnen waren in einem KZ am Stadtrand von Belgrad. Sie waren das „Geiselreservoir“ für weitere „Sühnemaßnahmen“.

Der Terror der Deutschen erhielt eine neue Qualität, nachdem die Deutsche Wehrmacht unmittelbar mit der „Partisanenbekämpfung“ beauftragt wurde. Der neue Befehlshaber von Serbien, General Böhme, erhielt von Hitler alle Vollmachten, um „auf weite Sicht im Gesamtraum mit den schärfsten Mitteln die Ordnung wiederherzustellen“.

In einem der ersten Befehle machte General Böhme den deutschen Soldaten in Serbien klar, um was es hier ging:

Eure Aufgabe ist in einem Landstreifen durchzuführen, in dem 1914 Ströme deutschen Blutes durch die Hinterlist der Serben, Männer und Frauen, geflossen sind. Ihr seid Rächer dieser Toten. Es muss ein abschreckendes Beispiel für ganz Serbien geschaffen werden, das die gesamte Bevölkerung auf das Schwerste treffen muss. Jeder, der Milde walten lässt, versündigt sich am Leben seiner Kameraden. Er wird ohne Rücksicht auf die Person zur Verantwortung gezogen und vor ein Kriegsgericht gestellt.

Anfang Oktober 1941 war es dann so weit. Nachdem am 2. Oktober deutsche Soldaten in einen Hinterhalt der Partisanen geraten, 21 Mann sofort gestorben waren und ein weiterer später seinen Verletzungen erlegen war, erteilte General Böhme zwei Tage später seinen ersten „Judenmordbefehl“: Zur „Sühne“ befahl er, für die 21 gefallenen Soldaten 2.100 „Geiseln“ zu erschießen. Den Chef der Militärverwaltung, Turner, wies er an, „2.100 Häftlinge in den Konzentrationslagern Sabac und Belgrad (vorwiegend Juden und Kommunisten) zu bestimmen“. Erschossen wurden dann tatsächlich auch Juden und Zigeuner, um auf die erforderliche Opferzahl zu kommen, wurden dann auch noch serbische Zivilisten erschossen.

Eine Woche später erließ General Böhme einen Tagesbefehl, der die systematische Liquidierung der erwachsenen männlichen Juden und der nichtsesshaften Zigeuner durch die Wehrmacht einleitete. Böhme ordnete an, „verdächtige männliche Einwohner und sämtliche Juden festzunehmen und sie im Verhältnis 1:100 für jeden getöteten und von 1:50 für jeden verwundeten Wehrmachtssoldaten zu erschießen“.

Sofort nach diesem Judenmordbefehl schritten die Exekutionskommandos der Wehrmacht zur Tat. Sie hatten es dabei nicht sehr schwer, da der Zugriff auf Juden und auf Zigeuner ohne weiteres möglich war, waren sie doch bereits in Lagern interniert.

Am folgenden Tag und am 11. Oktober 1941 kam es zu Erschießungen von Juden in der Umgebung von Pancevo bzw. des Schießstandes von Belgrad. Hierüber ist ein Bericht erhalten geblieben, aus dem ich Ihnen folgendes zitieren möchte:

Nach gründlicher Erkundung des Platzes und Vorbereitung erfolgte die erste Erschießung am 9. Oktober 1941.

Die Gefangenen wurden mit ihrem Notgepäck von dem Lager in Belgrad um 5.30 Uhr abgeholt. Durch Ausgabe von Spaten und sonstigem Arbeitsgerät wurde ein Arbeitseinsatz vorgetäuscht. Jedes Fahrzeug wurde nur mit drei Mann bewacht, damit aus der Stärke der Bewachung keine Vermutungen über die wahre Handlung aufkommen sollten.

Der Transport erfolgte ohne jegliche Schwierigkeiten. Die Stimmung der gefangenen während des Transportes und der Vorbereitung war gut. Sie freuten sich über die Entfernung vom Lager, da angeblich ihre Unterbringung dort nicht wunschgemäß wäre. Die Gefangenen wurden 8 Kilometer von der Erschießungsstelle beschäftigt und später nach Gebrauch zugeführt. (…) Die Erschießung erfolgte mit Gewehr auf eine Entfernung von 12 Meter. Für jeden Gefangenen wurden 5 Schützen zum Erschießen befohlen. Außerdem standen dem Arzt zwei Schützen zur Verfügung, die nach Anweisung des Arztes den Tod durch Kopfschüsse herbeiführen mussten. (…) Die Haltung der Gefangenen beim Erschießen war gefasst. Zwei Leute versuchten die Flucht zu ergreifen und wurden dabei sofort erschossen. (…) Es wurden am 9. Oktober 1941 180 Mann erschossen. Die Erschießung war um 18.30 Uhr beendet. Besondere Vorkommnisse waren nicht zu verzeichnen. Die Einheiten rückten befriedigt in ihre Quartiere ab. (…)

Die zweite Erschießung konnte (…) erst am 11. Oktober 1941 erfolgen. (…) Sie verlief planmäßig. Es wurden 269 Mann erschossen. Bei beiden Erschießungen ist kein Gefangener entwischt, und die Truppe hatte keine besonderen Ereignisse und Zwischenfälle zu verzeichnen. Im Ganzen wurden am 9. und am 11. Oktober 1941 449 Mann von den genannten Einheiten erschossen. Leider musste aus Einsatzgründen eine weitere Erschießung von den genannten Einheiten eingestellt werden und eine Übergabe des Auftrages an (eine andere Einheit) erfolgen.

Wenige Tage zuvor war Turner am 27. September 1941 noch zum SS-Gruppenführer (= Generalleutnant) befördert worden. Die Beförderung erfolgte aus Anlass seines 50. Geburtstages. Diesen feierte er am 8. Oktober 1941. Zum Geburtstag hatte ihm auch ein Freund, der Höhere SS- und Polizeiführer von Danzig Richard Hildebrandt, gratuliert und ihm ein Büchlein geschenkt.

Eine Woche nach diesen beiden Erschießungsaktionen bedankte sich Turner bei Hildebrandt für das „Büchlein, das eine willkommene Abwechslung in dem ewigen Einerlei des hiesigen Dienstes sein wird“.

Dann heißt es in dem Brief, dass hier der Teufel los sei, wisse er ja wohl. Es gebe Mord, Sabotage usw. Fünf Wochen zuvor habe er die ersten 600 Männer „an die Wand gestellt“, dann 2.000, kürzlich noch einmal 1.000. Weiter führte Turner aus:

Und zwischendurch habe ich dann in den letzten acht Tagen 2000 Juden und 200 Zigeuner erschießen lassen nach der Quote 1:100 für bestialisch hingemordete deutsche Soldaten und weitere 2.200, ebenfalls fast nur Juden, werden in den nächsten Tagen erschossen. Eine schöne Arbeit ist das nicht! Aber immerhin muss es sein, um einmal den Leuten klar zu machen, was es heißt, einen Soldaten überhupt nur anzugreifen, und zum anderen löst sich die Judenfrage auf diese Weise am schnellsten. (…) Es ist ja eigentlich falsch, wenn man es genau nimmt, dass für ermordete Deutsche, bei denen ja das Verhältnis 1:100 zu Lasten der Serben gehen müsste, nun 100 Juden erschossen werden, aber die haben wir nun mal im Lager gehabt, - schließlich sind es ja auch serbische Staatsangehörige und sie müssen ja auch verschwinden. Jedenfalls habe ich mir keine Vorwürfe zu machen, dass es von meiner Seite aus an der nötigen Rücksichtslosigkeit des Durchgreifens zum Schutze des deutschen Ansehens, aber auch der Angehörigen der deutschen Wehrmacht, gefehlt hat.“

In den nächsten Tagen kam es zu weiteren Erschießungen. In einem Runderlass vom 26. Oktober 1941 erläuterte Turner den Feldkommandanturen die Notwendigkeit dieser Aktion. Es müsse – so hieß es – grundsätzlich daran erinnert werden, dass Juden und Zigeuner ganz allgemein ein Element der Unsicherheit und damit eine Gefahr für die öffentliche Ordnung und den Frieden seien. Es sei die jüdische Intelligenz gewesen, die diesen Krieg vom Zaun gebrochen habe; sie müsse daher vernichtet werden. Was den Zigeuner anbelange, so Turner weiter, so könne er aus Gründen seiner inneren und äußeren „Konstruktion“ kein nützliches Mitglied der internationalen Völkergemeinschaft sein.

Die Verwaltung kam mit dem Zählen der exekutierten Menschen kaum nach. Geradezu in einem Blutrausch wurden von Wehrmachtseinheiten innerhalb von nur zwei Wochen mehr als 9.000 Juden, Zigeuner und andere Zivilisten exekutiert.

Erwähnenswert ist auch noch ein Bericht eines Oberleutnants vom 1. November 1941 über die Erschießung von Juden und Zigeunern. Darin heißt es u.a.:

Nach Vereinbarung mit der Dienststelle der SS holte ich die ausgesuchten Juden bzw. Zigeuner vom Gefangenenlager Belgrad ab. (…) Das Erschießen der Juden ist einfacher als das der Zigeuner. Man muss zugeben, dass die Juden sehr gefasst in den Tod gehen – sie stehen sehr ruhig -, während die Zigeuner heulen, schreien und sich dauernd bewegen, wenn sie schon auf dem Erschießungsplatz stehen. Einige sprangen sogar vor der Salve in die Grube und versuchten sich tot zu stellen.

Anfangs waren meine Soldaten nicht beeindruckt. Am 2. Tage machte sich schon bemerkbar, dass der eine oder andere nicht die Nerven besitzt, auf längere Zeit eine Erschießung durchzuführen. Mein persönlicher Eindruck ist, dass man während der Erschießung keine seelischen Hemmungen bekommt. Diese stellen sich jedoch ein, wenn man nach Tagen abends in Ruhe darüber nachdenkt.

Inzwischen waren etwa 6.000 Juden und tausende Zigeuner „liquidiert“. Damit standen gar nicht mehr genügend Juden und Zigeuner für solche „Sühnemaßnahmen“ zur Verfügung. Daraufhin sah sich die Wehrmacht genötigt, für weitere „Sühnemaßnahmen“ weitgehend auf nicht-jüdische und nicht-zigeunerische Serben zurückzugreifen. Allein zwischen Oktober und Dezember 1941 wurden daraufhin 25.000 bis 30.000 serbische Menschen unter dem Vorwand der Sühne ermordet.

Über diese Massenmorde wurde auch Buch geführt. Es gab Formblätter für „Geiselerschießungen“, in die maschinenschriftlich nur noch das Datum, der zu „sühnende“ Vorfall, die Zahl der zu exekutierenden und die Exekutionseinheit eingesetzt werden mussten.

In einem Brief vom 4. Dezember 1941 an den Freund Richard Hildebrandt schrieb Turner mit Blick auf die Schwierigkeit, der Partisanen habhaft zu werden:

Hier hilft eben nur die von mir beabsichtigte brutale Ausrottung aller, die sich im Sommer nicht in ihrer Wohnung aufgehalten haben. Dann wird nicht nur im Frühjahr kein Aufstand mehr kommen, sondern auch für alle Zeiten den guten Leuten die Lust genommen werden, Dummheiten zu machen.

Nach der Ermordung der jüdischen Männer blieb noch ein Problem: Was sollte mit den ca. 15.000 jüdischen Frauen und Kindern geschehen? In einem Rundschreiben vom 26. Oktober 1941 an die Feld- und Kreiskommandanten verwies Turner darauf, dass es der Auffassung vom deutschen Soldaten und Beamten widerspreche, Frauen als Geiseln zu nehmen, es sei denn, es handele sich um Frauen oder Angehörige der in den Bergen kämpfenden Aufständischen.

Turner plädierte dafür, die jüdischen Frauen und Kinder in ein Durchgangslager abzuschieben. Dafür wurde die in der Nähe von Belgrad gelegene Stadt Semling (Zemun oder Sajmiste) ausgewählt. Die Organisation Todt ging daran, dort Baracken herzurichten. Etwa im Dezember 1941 begannen deutsche Truppeneinheiten, die Familien der getöteten Geiseln nach Sajmiste zu bringen. Das Lager wurde von der SS bewacht. Anfang März 1942 traf dann aus Berlin ein Spezialfahrzeug im Lager ein. Es war ein Gaswagen.

Unter dem 11. April 1942 brüstete sich Turner:

Schon vor Monaten habe ich alles an Juden im hiesigen Lande greifbare erschießen lassen und sämtliche Judenfrauen und –kinder in einem Lager konzentrieren lassen und sogleich mit Hilfe des SD einen „Entlausungswagen“ (Gaswagen) angeschafft.

Mit Ausnahme der Sonntag- und Feiertage wurden die Frauen und Kinder des Lagers in den Wagen verladen. Nach einigen hundert Metern wurde das Gas mit einem Schlauch in das Wageninnere geleitet. Der Wagen fuhr dann mit den sterbenden Juden durch Belgrad und brachte sie zu einem Schießplatz; dort waren für die Leichen bereits Gräber ausgehoben. Das Morden ging zügig voran. Waren im März 1942 noch ca. 5.000 bis 6.000 Juden im Lager Sajmiste, so waren es im April nur noch 2.974 und am 10. Mai 1942 war das Lager leer und die „Operation“ beendet. Befriedigt gab man die Meldung heraus, es gebe in Serbien abgesehen von den Juden in Mischehen „keine Judenfrage mehr“. Gleichzeitig schickte man den Gaswagen nach Berlin zurück; er war für weitere Einsätze in Weißrussland vorgesehen.

Als Ende August 1942 der Oberbefehlshaber wechselte, meldete Turner dem neuen Oberbefehlshaber Südost: „Serbien einziges Land, in dem Judenfrage und Zigeunerfrage gelöst.“

Turners Position in Serbien war schon länger nicht mehr unangefochten. Im Spätsommer 1942 geriet er dann endgültig ins Abseits. Grund war neben persönlichen Querelen und Animositäten vor allem Turners angebliche „weichliche Art der Regierung“ und sein Festhalten an der serbischen Kollaborationsregierung. Zum Jahresende 1942 wurde Turner als Militärverwaltungschef von Serbien abgelöst.

Das war ein schwerer Schlag für diesen extrem ehrgeizigen und Macht besessenen Menschen. Turner kehrte nach Berlin und in das Preußische Finanzministerium zurück. Er gab aber nicht auf. Da er offensichtlich im Ministerium nicht ausgelastet war, promovierte er in der Zeit von 1943 bis 1944 an der Humboldt-Universität in Berlin zum Doktor der Volkswirtschaft.

Unterdessen hatte sich für Turner eine günstige Personalentwicklung ergeben. Sein Freund Hildebrandt war inzwischen zum Chef des SS-Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) ernannt worden und dann ab Anfang 1944 zugleich auch zum Höheren SS- und Polizeiführer Schwarzes Meer. Dadurch war der Chefposten beim SS-Rasse- und Siedlungshauptamt nicht ständig besetzt. Das war dann Anlass für Hildebrandt, Himmler zu bitten, Turner vertretungsweise mit der Führung des SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes zu beauftragen. Dementsprechend wurde Turner ab Anfang 1944 mit der Vertretung Hildebrandts beauftragt.

Auch an diesem neuen Posten konnte sich Turner nicht lange erfreuen. Mitte August 1944 wurde dem Reichsführer-SS ein Vorfall in der SS-Junkerschule Tölz gemeldet, der sich sechs Wochen vorher ereignet hatte und zur sofortigen Enthebung Turners von seiner Dienststellung als Führer des SS-Rasse- und Siedlungshauptamtes und seiner Beurlaubung vom Dienst führte. Anfang Juli 1944 hatte Turner die SS-Junkerschule in Tölz besucht und mit ehemaligen Angehörigen des Rasse- und Siedlungshauptamtes im Junkerheim einen feucht-fröhlichen Abend verbracht. Unter erheblichem Alkoholgenuss und – wie es hieß – „stark gelockerter Verfassung“ hatte Turner Bormann, den Leiter der Partei-Kanzlei, angegriffen und ihn für manche falsche Entscheidung Hitlers verantwortlich gemacht. Außerdem behauptete Turner, zwischen Bormann und Himmler gäbe es Rivalitäten. Abschließend meinte Turner, Bormann sei aus seiner Position als Leiter der Partei-Kanzlei zu entfernen, da er viele Feinde habe und sehr gefährlich sei.

Daraufhin leitete die SS ein Disziplinarverfahren. Die Untersuchung bestätigte die Vorwürfe. Aufgrund des festgestellten Sachverhalts hätte Turner eigentlich aus der SS entfernt werden müssen. In seiner Entscheidung vom 13. Januar 1945 sah der Reichsführer-SS aber von dieser Maßnahme ab und begründete dies wie folgt:

Zugunsten von Turner kann ich lediglich in die Wagschale werfen, dass er als Beamter sich bereits frühzeitig in der Kampfzeit zur Partei und SS bekannt hat und dass seine Redensarten nach meiner Überzeugung auf die mir bekannte Unüberlegtheit, Poltrigkeit und Streitsucht des T. zurückzuführen sind. Nur aus diesen Gründen habe ich mich dazu entschlossen, meine Entscheidung noch zurückzustellen und Turner die Möglichkeit zum Einsatz und zur Bewährung an der Front zu geben.

Gleichzeitig lasse ich mich hierbei von dem Gedanken leiten, dass Turner abseits von Ministerien, Stäben und dem Gerüchtenest Berlin in der gesünderen Luft der Front die Torheit seines diesmaligen und manches früheren Verhaltens einsieht und durch restlosen Einsatz an der Front die schwere Entgleisung, die er sich als hoher SS-Führer hat zuschulden kommen lassen, vergessen macht.

Die „Bewährung an der Front“ hatte Turner offensichtlich nicht in seiner Lebensplanung vorgesehen. Ihm gelang es, durch Krankheit seinen Einsatz noch in den letzten Kriegstagen erst hinauszuschieben und schließlich ganz zu verhindern. Wie sein Freund Hildebrandt Ende Januar 1945 angab, lag Turner (angeblich) mit einer schweren Thrombose zu Hause. Damit schaffte es Turner, der früher so gern Soldat war, in diesem Zweiten Weltkrieg nicht mehr Soldat werden zu müssen.

Turner überlebte den Krieg. Nach einer Fahrt durch das besiegte Deutschland mit dem Fahrrad zu seiner Familie in Schleswig-Holstein holte er sich eine Lungenentzündung und kam ins Krankenhaus in Flensburg. Von dort aus hätte er mit Hilfe eines englischen Offiziers gleichen Namens nach England fliehen können. Das lehnte er aber ab, da Turner der Auffassung war, sich in allen dienstlichen Angelegenheiten stets korrekt verhalten zu haben. Er kam dann in englische Kriegsgefangenschaft und wurde an Jugoslawien ausgeliefert. Dort machte man ihm zusammen mit anderen Verantwortlichen für die Massenmorde in Serbien den Prozess und verurteilte ihn als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt. Im März oder April 1947 wurde das Urteil vollstreckt und Turner in Belgrad hingerichtet.

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