Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Am Mahnmal einen Kranz niedergelegt.

Auf Initiative unseres Vereinsmitgliedes Django Reinhardt gedachte man der Verfolgung von Sinti und Roma anlässlich des "Auschwitz-Erlasses" vom 16. Dez. 1942 mit einer Kranzniederlegung am Gedenkstein für die Sinti aus Koblenz, die in der NS-Zeit verfolgt wurden.
Django Reinhardt ist der Sohn von Dawelie Reinhardt der in unserer Dauerausstellung ebenfalls biografiert ist.
Lesen Sie HIER die Rhein-Zeitung v. 18.Dezember 2008

 

 

Auch in diesem Wintersemester referierte unser stellvertretender Vorsitzender Joachim Hennig in seiner Vortragsreihe „Verfolgung und Widerstand in Koblenz 1933-1945“ bei der Volkshochschule Koblenz über drei NS-Täter die in Koblenz und Umgebung tätig waren und in der NS-Zeit schwere Schuld auf sich geladen haben: den Gauleiter und Leiter der deutschen Arbeitsfront (DAF) Robert Ley, den Kriminalbeamten Georg Heuser und den Juristen Dr. Gerd Lenhardt.

Dr. Robert Ley (1890 - 1945) war eine wichtige Figur im aufkommenden Nationalsozialismus in Koblenz und Umgebung war Gauleiter Dr. Robert Ley. Im Oberbergischen Land geboren, studierte er Chemie und nach dem I. Weltkrieg, in dem er schwer verwundet wurde, war er bei Bayer Leverkusen beschäftigt. 1924 wurde er Mitglied der NSDAP und 1925 Gauleiter von Rheinland-Süd. Er war ein fanatischer Redner und Antisemit und organisierte im Koblenzer Raum Übergriffe und Saalschlachten. Mit dem Aufstieg Gustav Simons musste er sich zurückziehen. Der Gau wurde geteilt, Ley erhielt den nördlichen Teil. Später wurde Ley Reichstagsabgeordneter, Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Organisator der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Im Mai 1945 wurde er von den Amerikanern verhaftet und im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess angeklagt. Vor dem Urteil beging er in der Haft Selbstmord.

 

Joachim Hennig: Verfolgung und Widerstand in Koblenz 1933 – 1945

VHS-Wintersemester 2008/09

Drei Täter (Teil 1)

 

Dr. Robert Ley (1890 – 1945)

 

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr, Sie heute zum ersten Vortrag der dreiteiligen Reihe über NS-Täter aus Koblenz und Umgebung begrüßen zu können. Viele von Ihnen sind ja inzwischen treue Hörer und – wenn ich das so sagen darf – Fans geworden. Andere sind jetzt neu dazu gekommen. Ihnen allen ein herzliches Willkommen!

Es ist inzwischen die 8. Kampagne der Vortragsreihe „Verfolgung und Widerstand in Koblenz und Umgebung 1933 – 1945“. Der Start war im Wintersemester 2001/2002. Dann haben wir jedes Wintersemester die Reihe fortgesetzt und sind jetzt im 8. Jahr. Wir haben lange durchgehalten – und ich hoffe, es ist Ihnen nicht langweilig geworden. Ich wünsche uns allen, dass es in diesem Semester so bleibt.

Ich habe mich bemüht, Ihnen auch diesmal wieder eine interessante und abwechslungsreiche Mischung zusammenzustellen. Beginnen möchte ich heute mit dem Gauleiter Dr. Robert Ley. In zwei Wochen, am 27. November, werde ich einen Kriminalbeamten und späteren Leiter des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz, Georg Heuser, porträtieren und dann zwei weitere Wochen später, am 11. Dezember 2008, präsentiere ich Ihnen einen Juristen, der seine Karriere beim Landgericht in Koblenz begann und während des Krieges beim Volksgerichtshof tätig war.

Beginnen möchte ich heute mit dem Gauleiter Dr. Robert Ley. Wer von Ihnen ein gutes Gedächtnis hat, erinnert sich noch daran, dass ich das letzte Mal den Gauleiter Gustav Simon porträtiert und dabei gesagt habe, Simon sei der erste und letzte Gauleiter des Gaues Koblenz-Trier-Birkenfeld (später: Gau Moselland) gewesen. Wenn das richtig ist – und das ist richtig -, dann fragt man sich, wie denn Ley ebenfalls zuständiger Gauleiter von Koblenz und Umgebung sein konnte. Nun, meine Damen und Herren, das werden wir gleich sehen – haben Sie etwas Geduld.

Der hier porträtierte Robert Ley war eine äußerst schillernde Person. Während des Dritten Reiches galt er – als Leiter der Deutschen Arbeitsfront - als einer der fünf ranghöchsten NS-Führer, als Mann mit einer gewaltigen Machtfülle und als Mitglied jener auserlesenen Gruppe, die Hitlers engstes Gefolge bildete. Nach dem Untergang des Dritten Reiches machten sich die überlebenden NS-Größen über Ley lustig. Der frühere Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk nannte ihn den „Ochsenfrosch der Partei. Er hatte sich derart aufgepumpt und ließ eine so gewaltige Stimme ertönen, dass man glauben sollte, er sei ein großes Tier“. Walter Darré, der frühere Leiter des Reichsnährstandes bezeichnete ihn als „lächerlichen Kobold“, Für Albert Speer, der die Kriegswirtschaft des Dritten Reiches organisierte, war Ley ein „gemeiner Trunkenbold“ und der ehemalige Pressesprecher des Regimes, Otto Dietrich, nannte ihn einen „geistlosen Schwätzer“. – In seiner Hoch-Zeit, in den 1930er Jahren, bezeichnete ihn ein amerikanischer Korrespondent in Berlin als „einen hart durchgreifenden, trinkfreudigen, fähigen Funktionär, der seinem Führer fanatisch ergeben war.“ Ley war ein Fanatiker, ein Idealist und seinem „Führer“ Adolf Hitler sklavisch ergeben. Schon früh war er zur „Bewegung“ gekommen, war ein „alter Kämpfer“ und diese „Kampfzeit“ fand hier in Koblenz und Umgebung statt.

Geboren wurde Robert Ley im Bergischen Land, in dem Dorf Niederbreidenbach im Oberbergischen Kreis, östlich von Köln, am 15. Februar 1890. Er war das siebte von elf Kindern des Landwirts Friedrich Ley. Der Vater war in dieser damals recht armen Gegend dank des Fleißes seiner Vorfahren und im Wege des Erbgangs zu einem beträchtlichen Reichtum gekommen. Der Vater vermochte das Vermögen aber nicht zu vermehren oder auch nur zu erhalten. Durch geschäftliche Ungeschicklichkeiten kam es zum Niedergang. In seiner Verzweiflung zündete der Vater den eigenen Hof an – um dann die Versicherungssumme zu kassieren. Die Tat wurde aufgedeckt, der Vater verhaftet, vor Gericht gestellt und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Die Familie stürzte mit einem Schlag in bittere Armut. Damals war Robert 6 ½ Jahre alt und dieses Erlebnis zeichnete ihn für sein ganzes Leben. Dieser soziale Abstieg wurde ihm zum Trauma, stets blieb er äußerst empfindlich in Bezug auf seine soziale Stellung und entwickelte ein heftiges Geltungsbedürfnis.

Einen Ausweg aus dieser Misere sah der junge Ley für sich nur in der Aneignung von Bildung. Mit acht Jahren begann er mit der Volksschule und wechselte dann auf weiterführende Schulen – was damals für Jungen aus kleinen Verhältnissen durchaus ungewöhnlich war – und zwar besuchte er die Realschule und dann die Oberrealschule in Elberfeld. Im Jahr 1910 machte er schließlich sein Abitur. Anschließend studierte er Naturwissenschaften, zuerst in Jena, dann in Bonn und schließlich in Münster, wo er sich auf Chemie spezialisierte.

Als sich Ley auf das Staatsexamen vorbereitete und auch schon an seiner Dissertation schrieb, brach im August 1914 der Erste Weltkrieg aus. Sofort meldete er sich als Kriegsfreiwilliger. Zuletzt war er in einem Flugzeug in Frankreich hinter den feindlichen Linien Artilleriebeobachter. Bei einem – wie er es später nannte – selbstmörderischen Einsatz geriet das Flugzeug mit britischen Jagdfliegern in einen Luftkampf. Dabei wurde Ley schwer verwundet, sein Flugzeug machte eine Bruchlandung, Ley geriet in französische Kriegsgefangenschaft. Es folgten sechs Operationen unter primitiven Verhältnissen. Zurückblieben eine Hirnverletzung und ein Dauerschaden, der zu Stottern und Alkoholabhängigkeit führte. Das war das zweite Trauma, das Ley ein Leben lang belasten sollte.

Nach 2 ½ jähriger Kriegsgefangenschaft kehrte Ley im Januar 1920 nach Deutschland zurück. Erstaunlich schnell setzte er sein Studium fort und promovierte. Bald erhielt er eine gut bezahlte Stellung als Lebensmittelchemiker beim Chemiekonzern IG Farben in Leverkusen.

Diesem beschaulichen bürgerlichen Milieu kehrte Ley drei Jahre später – im Jahre 1924 – immer mehr den Rücken und schloss sich den Nationalsozialisten an. Damals waren die Nazis – zumal in dem von den Franzosen besetzten Rheinland – ein kleiner versprengter Haufen. In Koblenz war – was ich hier am Rande erwähnen möchte – von der NSDAP noch gar keine Rede. Und selbst in Köln war die NSDAP eine unbedeutende Gruppe. Im August 1921 hatte ein Schreinermeister die Gründung der Partei dort offiziell verkündet. Es dauerte aber noch ein knappes Jahr, bis die Parteizentrale in München die Existenz der Gruppe zur Kenntnis nahm und dann durch einen von ihr Beauftragten die Ortsgruppe in Köln offiziell „gründete“. Die Situation verschlechterte sich dann noch für die Nazis, als die Partei im November 1922 durch den preußischen Innenminister verboten wurde. Nach dem sog. Marsch auf die Feldherrnhalle im November 1923, dem anschließenden Strafverfahren gegen Hitler und seiner Festungshaft verfiel die NSDAP auch im Rheinland immer mehr. Es entstanden nationalsozialistisch-völkische Splittergruppen. Wie es um diese Gruppen und Grüppchen stand, machen die folgenden Wahlergebnisse bei den Reichstagswahlen im Mai 1924 deutlich: Während die nationalsozialistisch-völkische Allianz im gesamten Reich immerhin auf 6,5 Prozent kam, erreichte sie im Wahlkreise Köln-Aachen 1,5 Prozent und im Wahlkreis Koblenz-Trier gar nur 1,3 Prozent der Stimmen.

In dieser Situation stieß nun Ley zu den Kölner Nazis. Dort entdeckte man sein Rednertalent und spannte ihn gleich in die Reichstagswahl und die Preußische Landtagswahl am 7. Dezember 1924 ein. Das Wahlergebnis fiel für die Nazis zwar schlecht aus, aber nur wenige Tage später – am 12. Dezember 1924 – wurde in Preußen das Verbot der NSDAP wieder aufgehoben. Zudem entließ man nur wenige Tage später Hitler aus der Festungshaft.

Der Bruch in Leys Biografie mit der Hinwendung zu den Nazis ist sehr bemerkenswert. Immerhin hatte er nach den furchtbaren Kriegserlebnissen in einem beschaulichen, bürgerlichen Milieu Halt gefunden. Er war inzwischen verheiratet und aus der Ehe war wohl schon eine Tochter hervorgegangen. In dieser Situation schloss er sich mit großem Engagement dem versprengten Nazi-Haufen an. Später beschrieb Ley diese Phase so:

Eine innere Stimme trieb mich wie ein gehetztes Wild. Obwohl meine Vernunft mir davon abriet und meine Frau und meine Familie mich immer wieder baten, von meinem politischen Treiben zu lassen und zu einem normalen, bürgerlichen Leben zurückzukehren, befahl mir diese innere Stimme: „Du musst! Du musst!“

Der Bruch in Leys Biografie lässt sich wohl wesentlich damit er klären, dass er ein fanatischer Anhänger Hitlers wurde. Später sagte Ley einmal:

Als ich in den Krieg zog, war ich ein gottloser Mensch… Als der Krieg vorbei war…, kam ich als gottloser Mensch nach Hause. Ich war noch hoffnungsloser geworden… Heute glaube ich an einen Gott und weiß, es gibt einen Herrgott im Himmel,…Dieses Wissen um einen Gott, diesen Glauben an einen Gott habe ich nicht durch die Kirche bekommen, sondern allein durch Adolf Hitler… Ich glaube auf dieser Erde allein an Adolf Hitler. Ich glaube, dass es einen Herrgott gibt, der uns liebt und Adolf Hitlers Arbeit mit Erfolg segnet.

Der Erfolg für Adolf Hitler blieb allerdings in den nächsten Jahren noch aus. Denn während sich Ley für die Nazis engagierte, begannen mit der Reform der Währung, dem Dawes-Plan und dem dadurch bedingten Zustrom amerikanischer Dollars, dem Vertragswerk von Locarno, mit Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund und dem Ende der Ruhrbesetzung die guten Jahre der Weimarer Republik. Es schien, dass sich die junge deutsche Republik innenpolitisch stabilisierte und außen-politisch an Ansehen gewann. Hinzu kam, dass Hitler in vielen deutschen Staaten, darunter auch in Preußen, Redeverbot hatte.

In dieser Zeit schaffte Ley den Aufstieg in der NSDAP. Das geschah zunächst im Gau Rheinland. Dieser Gau setzte sich aus den beiden Wahlkreisen Köln-Aachen und Koblenz-Trier plus Birkenfeld zusammen. Der Gau war in sozialer und politischer Hinsicht recht heterogen: Im dicht bevölkerten nördlichen Teil dominierte die Arbeiterschaft, dort wählte man traditionell sozialdemokratisch und kommunistisch. Der südliche Teil, zu dem Koblenz und Umgebung gehörten, war dünn besiedelt und ländlich strukturiert. Hier hatte die Zentrumspartei ihre Bastionen. Der Gau gehörte aus der Sicht der NSDAP zu den schwächeren. Die Mitgliederzahl betrug im August 1925 335 und im Dezember 1925 868, bis August 1926 kamen noch 400 dazu. Selbst während der Weltwirtschaftskrise, im Jahre 1931, hatte der Gau erheblich weniger als 10.000 Mitglieder. Bei den Reichstagswahlen von 1928 und 1930 errang die NSDAP in den Wahlkreisen Köln-Aachen und Koblenz-Trier einen deutlich geringeren Stimmenanteil als im Reichsdurchschnitt.

Trotz dieser sehr großen Hindernisse machte sich Ley unverdrossen an die Parteiarbeit. Zunächst wurde er Ortsgruppenleiter von Wiesdorf, einem Ort bei Köln, und dann sehr bald schon stellvertretender Gauleiter. Der Durchbruch gelang ihm, als ihm sein Duzfreund, der Gauleiter und inzwischen zum Reichstagsabgeordneten gewählte Heinz Haake, am 1. Juni 1925 folgenden Brief schrieb:

Es ist mir nun einfach unmöglich bei meiner häufigen Abwesenheit vom Rheinland, den Gau so weiter zu führen, wie es für die Bewegung notwendig ist… Aus diesem Grunde bitte ich Dich, den Posten eines Gauführers an meiner Stelle zu übernehmen… Annehmen musst Du, denn Du bist der einzige Mann dazu; sonst geht die Bewegung im Rheinland zugrunde.

Alsbald erhielt Ley einen am 14. Juli 1925 ausgestellten und von Hitler unterzeichneten Ausweis, in dem Hitler erklärte, Ley sei an die Stelle Haakes getreten und werde von ihm „als verantwortlicher Führer dieses Gaues bis zu einer späteren endgültigen Regelung bestätigt“. Wenn Ley damit auch nur vorläufig zum Gauleiter ernannt wurde – seine offizielle Ernennung folgte erst im September 1928 -, so begab er sich doch gleich an die Arbeit. Der dahinsiechenden Gauzeitung „Westdeutscher Beobachter“ verhalf er zu neuem Leben und bemühte sich, den ganzen Gau mit einem Netz von Ortsgruppen zu überziehen. Außerdem war Ley ein guter Redner – nicht im herkömmlichen Sinne einer gewandten Rhetorik (dies war ihm wegen seines Stotterns und Stammelns unmöglich), sondern vielmehr im neuen national-sozialistischen Stil emotionaler Demagogie. Das war für Hitler und die NSDAP sehr wichtig, hatte Hitler doch auch in Preußen Redeverbot.

In dieser Zeit entfalteten die Nazis auch in Koblenz ihre ersten Aktivitäten. Eine der treibenden Kräfte war selbst hier der Gauleiter Ley. Er war inzwischen berüchtigt für seine Versammlungen, bei denen es immer häufiger zu brutalen Auseinandersetzungen kam. Im Herbst 1925 hielt er in Koblenz eine Versammlung ab, die dadurch bekannt wurde, dass er auf dieser den ermordeten Außenminister Walter Rathenau beleidigte. Das anschließende, wegen des Verstoßes gegen das Republikschutzgesetz eingeleitete, Strafverfahren wurde später wegen Mangel an Beweisen eingestellt.

Immer aggressiver wurde auch der von Ley inzwischen übernommene „Westdeutsche Beobachter“. Die Situation illustriert auch ein vom städtischen Verkehrsamt organisierter Reklameumzug der Gewerbetreibenden durch Koblenz in der Adventszeit 1926. Am Schluss des Zuges ließen die Nazis nämlich einen nicht zugelassenen Wagen mitlaufen, der die Aufschriften trug: „Deutsche, macht Eure Weihnachtseinkäufe nicht bei Juden“ – Deutsche, kauft nur bei Christen“ und „Meidet den Warenhausjuden“.

Wenige Wochen später kam es zum „Schwarzen Sonntag von Nastätten“. Zu seiner Vorgeschichte gehört, dass die Nazis im Taunus Anfang 1927 Anstrengungen unternahmen, Fuß zu fassen. Deshalb sollte Ende Februar 1927 eine Kundgebung der Nazis stattfinden. Dazu kam es aber nicht, weil zwei jüdische Bürger von Nastätten und der Bürgermeister das verhindern konnten. Im Gegenzug lud einer der beiden Juden für den 6. März 1927 zu einer öffentlichen Versammlung in den Saal eines Hotels am Ort ein. Das Thema der Veranstaltung lautete: „Das wahre Gesicht des Nationalsozialismus“. Am Tag zuvor war Ley auf einer Propagandareise in Koblenz und erfuhr von dieser Versammlung. Das war für ihn ein „gefundenes Fressen“. Er mobilisierte ganz kurzfristig ein großes Aufgebot von Parteimitgliedern, SA- und SS-Leuten, lud diese auf zwei Lastwagen und fiel in das Städtchen ein, um die geplante Veranstaltung zu stören. Dazu kam es aber nicht. Denn zuvor hatte die örtliche Polizei in Nastätten die Versammlung wegen starken Andrangs aufgehoben und den Saal räumen lassen.

Als die Leute gerade aus dem Saal hinausströmten, marschierten etwa 150 Nationalsozialisten mit Ley an der Spitze in Nastätten ein. Ley kehrte nicht etwa unverrichteter Dinge um, sondern entschloss sich, im Saal des Städtchens zu sprechen. Aber auch dazu kam es nicht, weil der Saal ebenfalls schnell überfüllt war. Schließlich stieg Ley auf dem Marktplatz auf die Ladefläche eines Lastwagens und begann zu der versammelten Menge zu sprechen. In seiner Rede warnte er die örtlichen Bauern vor den Juden, wenn diese nicht aufpassten, könnten sie ihre Höfe verlieren. Während Ley sprach, schwärmten seine Leute aus, marschierten durch die Straßen von Nastätten, brüllten Parolen wie: „Die Straße frei!“ und verkauften NS-Werbebroschüren. Inzwischen bat der Bürgermeister Ley, seine Rede zu beenden und den Platz zu räumen. Während die beiden miteinander verhandelten, gerieten die Dinge außer Kontrolle. Als SA-Leute hörten, dass im Hotel Juden seien, stürmten sie das Gebäude und begannen, einen jungen Mann zusammenzuschlagen. Als die wenigen Landjäger eingreifen wollten, wurden auch sie von den SA-Leuten tätlich bedroht. Ein Polizeibeamter wurde niedergeschlagen und mit Füßen getreten. Um ihn zu schützen, zog ein anderer seine Pistole und feuerte einen Warnschuss ab. Aber in dem Durcheinander ging der Schuss in die Menge und traf einen jungen Anhänger Leys, einen gewissen Wilhelm Wilhelmy aus Singhofen; er war sofort tot.

Das beendete den Kampf. Die Landjäger fürchteten, gelyncht zu werden, und flüchteten ins Hotel. Ley brachte seine Männer wieder unter Kontrolle und ließ sie antreten. Sie trugen den Toten in die Leichenhalle, bestiegen ihre Lastwagen und verließen Nastätten. Am Ortsrand riefen sie einer jüdisch aussehenden jungen Frau, die ihr Kind im Arm hielt, noch zu, sie würden zurückkommen und den Juden die Kehle durchschneiden.

Auf der Rückfahrt hielten sie noch in Braubach und löschten ihren Durst. Als sie dann nachts von Oberlahnstein kommend die Brücke nach Koblenz überqueren wollten, wurden alle dort ankommenden 69 Nazis von der Koblenzer Polizei unter ihrem Chef, dem aufrechten Demokraten Dr. Ernst Biesten, festgenommen und in das Koblenzer Gefängnis eingeliefert. Auch Ley war unter den Festgenommenen, er war drei Tage hier in Koblenz in Haft. Bei der Durchsuchung der Nazis fand die Polizei übrigens noch Schusswaffen, Schlagringe, Gummiknüppel und Schraubschlüssel. Damit war es die Koblenzer Polizei unter ihrem Chef Biesten, die endlich diesem braunen Rowdytum und dem Terror ein vorläufiges Ende setzte und eine Strafverfolgung ermöglichte.

Das anschließende Strafverfahren zeigte aber exemplarisch die Hilflosigkeit und das Verfahren der Weimarer Republik und deren Justiz gegenüber den braunen Terroristen und Gewalttätern. Denn von den ursprünglich ca. 150 in Nastätten anwesenden Nazis und den 69 an der Koblenzer Brücke Festgenommenen machte man nur 17 Nazis den Prozess. Nach Vernehmung von 135 Zeugen verurteilte das Amtsgericht – Schöffengericht – in Wiesbaden lediglich 10 Angeklagte wegen schweren Aufruhrs in Tateinheit mit schwerem Landfriedensbruch. Das Strafmaß fiel äußerst milde aus. Das Gericht billigte den Angeklagten mildernde Umstände zu und verurteilte sie lediglich zu der Mindeststrafe von 6 Monaten Gefängnis. Doch selbst dieses Urteil wurde nicht rechtskräftig. Während des weiteren Verfahrens erging eine allgemeine Amnestie wegen solcher Straftaten und das Strafverfahren gegen die verbliebenen 10 Nazis wurde dann eingestellt.

In Nastätten war derweil die Saat des 6. März 1927 aufgegangen. Das Städtchen wurde die nationalsozialistische Hochburg des Taunus. Die Nazis waren sich dort so sicher, dass sie bereits im Jahre 1929 eine Versammlung der SPD als eine „Provokation ohnegleichen“ bezeichnen konnten. Nastätten hatte auch den zweifelhaften Ruhm, mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Ehrenbürger bereits am 14. Juni 1932(!) die erste Stadt Preußens zu sein, die ihm diese Ehre verlieh. Der „Schwarze Sonntag“ von Nastätten lieferte im Übrigen den Stoff für einen der ersten nationalsozialistischen Märtyrer, eine Art Horst Wessel des Taunus. Es war wieder Ley, der den dabei getöteten Wilhelm Wilhelmy nachträglich erst noch zum SA-Mann ernannte (er war es vorher gar nicht!) und ihn dann für seine Propagandazwecke instrumentalisierte. Der „Westdeutsche Beobachter“ brachte regelmäßig Gedichte, die Wilhelmy verherrlichten. Zu seinem mit Blumen geschmückten Grab veranstaltete man regelrechte Wallfahrten. Er war der erste „Blutzeuge“ der NS-Bewegung in der Region. Bei der Gedenkfeier im März 1934 wurde unter großem Pomp an dem Hotel in Nastätten eine Tafel enthüllt, auf der es hieß: „Hier fiel am 6. März 1927 der erste nassauische SA-Mann im Kampf um Deutschlands Befreiung – Wilhelm Wilhelmy“. In Koblenz wurde übrigens die Stresemannstraße, die Straße, die am Clemensplatz und am Reichensperger Platz vorbei und zum Rhein führt (auf der anderen Straßenseite stehen die SGD Nord und das Oberlandesgericht), nach diesem Wilhelmy „Wilhelm Wilhelmy-Straße“ benannt. – Die Vorfälle in Nastätten hatten wenigstens noch ein kurzes Nachspiel derart, dass. die Ortsgruppe der NSDAP in Koblenz für einige Zeit verboten wurde.

Während Ley gerade im Taunus so aktiv war, agitierte ein anderer Nazi im Hochwald und an der Mittelmosel. Das war Gustav Simon. Ihn habe ich im letzten Jahr hier an gleicher Stelle porträtiert. Simon muss man in diesem Zusammenhang erwähnen, denn er war für Ley in jener Zeit ein wichtiger Helfer und außerdem bestimmte Simon später ein Stück weit Leys weiteren Weg mit.

Simon war Leys Mann im Hunsrück und Ley machte ihn schon 1928 zum Leiter des Bezirks Trier-Birkenfeld der NSDAP. Es war auch Ley, der Simon nach Koblenz brachte und dafür sorgte, dass Simon die hier zusammengebrochene Parteiorganisation wieder aufbaute. Diese Erfolge beflügelten Simon und veranlassten ihn, bereits im Oktober 1930 einen Vorstoß zur Neugliederung des Gaues Rheinland zu unternehmen. Simon legte eine Denkschrift zur Teilung des Gaues vor. Diese sah die Bildung eines nördlichen und eines südlichen Gaues vor. Begründet wurde dies damit, dass so die Wahlkreise bei den Reichstagswahlen mit den Gauen identisch würden und die Propaganda so noch effektiviert werden könnte. Die Parole hieß: „Gau gleich Reichstagswahlkreis“. Außerdem wies Simon auf die Größe des Gaues und auf erhebliche Unterschiede in der Sozialstruktur sowie in der politischen Landschaft hin. Ley war über dieses Ansinnen maßlos wütend und wollte eine solche Teilung des Gaues und die damit verbundene Ansehensschädigung und –minderung unbedingt verhindern.

Nach einigem Hin und Her gelang es dann doch Simon, seine Vorstellungen durchzusetzen. Auf einer Gautagung am 31. Mai 1931 hier in Koblenz wurde die Teilung des Gaues endgültig vollzogen und Simon wurde von Ley als erster Gauleiter des Gaues Koblenz-Trier-Birkenfeld in sein Amt eingeführt. – Ley selbst blieb nominell Gauleiter des Nordteils des bisherigen Gaues Rheinland, der dann Gau Köln-Aachen hieß. Er kehrte aber nicht mehr nach Köln zurück. Sein Nachfolger als Gauleiter wurde sein bisheriger Stellvertreter, der in Gemünden im Hunsrück geborene Josef Grohé.

Doch zurück zu Ley. Ley übernahm andere Aufgaben und fand seine Betätigungsfelder außerhalb der Region. Ehe wir uns diesen zuwenden wollen, möchte ich Ihnen noch einiges nachtragen, was die Person Ley beleuchtet und auch sein Unterliegen im Streit mit Simon erklären kann.

Wegen seiner nationalsozialistischen Ansichten und seinen Aktivitäten war Ley inzwischen für den IG Farben-Konzern in Leverkusen untragbar geworden und verlor Ende 1927 seinen einträglichen Posten. In der Folgezeit löste er sich völlig von einem bürgerlichen Leben und verschrieb sich ganz den Nazis und ihrem „Führer“ Adolf Hitler. Diesem schrieb er am 27. Dezember 1927:

Nun bin ich frei. Es ist gut so. Was nutzt die schönste und gesichertste Stellung, wenn Deutschland zugrunde geht. Das sagte ich auch der Direktion. Ich werde mir ein kleines Gut kaufen, um wenigstens die Familie, wenn auch bescheiden, zu sichern. Ich selbst werde mich ganz der Partei, insonderheit meinem Gau und dem Westdeutschen Beobachter widmen, dessen Schriftleitung ich übernehme. Über ein Jahr hoffe ich Ihnen einen Gau zeigen zu können, der mit zu den besten gehören dürfte; die Grundlagen sind jetzt schon vorhanden.

Es war Leys Absicht, in seinem Gau Rheinland ein Presseimperium aufzubauen. Dazu fehlte ihm aber als stellungslosem Chemiker das Geld. Da fand Ley einen Gönner: Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe. Er war Spross einer wohlhabenden Adelsfamilie mit Familiensitz in Bückeburg. Ley konnte den Prinzen als Geldgeber gewinnen – etwa durch Briefe wie den folgenden:

Lieber Prinz, halten Sie zu mir! Ich werde mein Rheinland zu einem Sozialstaat machen, wie ihn die Welt nicht für möglich hält. Ich werde hier durch meine Maßnahmen derart beliebt werden, dass man mich eines Tages zum Herzog des Rheinlandes ausruft und jeder das ganz natürlich findet!

Mit Unterstützung des Prinzen ging Ley an die Gründung seines Westmark-Verlages. Ley wollte nicht nur seinen „Westdeutschen Beobachter“, sondern auch andere Zeitungen in seinem Gau herausgeben, so z.B. – seit dem 1. Juni 1930 - das „Nationalblatt“ in Koblenz und in Trier und die „Westwacht“ in Idar-Oberstein. Deshalb kaufte Ley eine große Druckerei sowie ein stattliches Gebäude in Köln, den sog. Friesenpalast, den er als seine Parteizentrale, Pressestelle und Druckerei vollständig renovieren ließ.

Der „Westdeutsche Beobachter“ war die offizielle Stimme der NSDAP im Rheinland und das Sprachrohr Leys. Der „WB“ war von Anfang an ein Skandalblatt. Er spezialisierte sich darauf, örtliche Skandale aufzudecken (oder zu erfinden) und mit diesen dann seine Leser wochenlang in prickelnde Erregung zu versetzen. Häufigste Zielscheibe waren dabei die Juden, insonderheit die jüdische Warenhauskette Tietz. Solche Angriffe kamen, wie der Koblenzer Oberbürgermeister Dr. Karl Russell in seinem Bericht vom 12. Oktober 1928 an den Koblenzer Regierungspräsidenten feststellte, gut an. Darin heißt es u.a.:

Die Zeitung wird umso mehr beachtet, als Koblenz eine Mittelstadt ist, in der derartige Sensationsblätter naturgemäß größeres Aufsehen hervorrufen als in einer Großstadt. Hinzu kommt, dass hier weite Kreise der Bevölkerung, die vor dem Kriege wohlhabende Rentner waren, verarmt und unzufrieden sind, und dass zahlreiche Gewerbetreibende, die vor dem Krieg durch die starke deutsche Garnison und die große Zahl der Rentner reichliche Einnahmequellen hatten, schwer mit ihrer Existenz zu ringen haben und verärgert sind. Diese Stimmung nutzt der Westdeutsche Beobachter geschickt aus und schürt die Unzufriedenheit in jeder Weise. So kommt es, dass das Blatt von gewissen Kreisen der Gewerbetreibenden, die gegen die jüdischen Geschäfte eingestellt sind und sich nicht zuletzt durch die gewaltige Ausdehnung des Warenhauses Tietz bedroht fühlen, noch unterstützt, und dass von vielen mit Gier nach diesem Blatt gegriffen wird.

Ley hatte auch keine Bedenken – ganz im Stil von Julius Streichers „Stürmer“ – pornografische Methoden zu verwenden, um seine Leser zu kitzeln und in Wallung zu bringen. Ein ständig wiederkehrendes Thema im „Westdeutschen Beobachter“ war der lüsterne Jude, der das unschuldige deutsche Mädchen verführt oder vergewaltigt. Eine Ausgabe erschien etwa unter der Schlagzeile: „Wie der Möbeljude Meyer eine deutsche Frau schändete. Die blonde Goija und der Fremdrassige. Blut und Leib verseucht.“

Trotz dieses pornografischen Drecks und des Prinzen als Geldgeber ging die Sache schief. Ley hatte sich von Anfang an übernommen. Von seinem Prinzen erhielt er zwar immer wieder Geld – getreu dem Motto: „Wenn Sie jetzt nicht noch etwas dazugeben, dann haben Sie auch alles bisher Gegebene verloren.“

Aber das nützte alles nichts. Im März 1931 machte der Westmark-Verlag Pleite. Das war ein schwerer Schlag für Ley. Noch im selben Monat kam es für ihn aber noch schlimmer. Denn am 27. März 1931 wurde er von der Polizei festgenommen, um eine einmonatige Gefängnisstrafe anzutreten. Dieser Festnahme lag eine Verurteilung Leys als verantwortlichem Schriftleiter des „Westdeutschen Beobachters“ vom 23. September 1929 zugrunde. Daraufhin hatte das erweiterte Schöffengericht in Köln Ley und den Koblenzer Filialleiter des Westdeutschen Beobachters wegen Beleidigung und übler Nachrede verurteilt. Dieser Verurteilung wiederum lag ein Artikel des „Westdeutschen Beobachters“ vom 26. August 1928 zugrunde, der die Überschrift trug: „Bestechungen am Koblenzer Landgericht?“.

In diesem Artikel wurde auf ein Strafverfahren gegen einen Telegrafenassistenten hingewiesen. Er war im Jahr 1925 vom Schöffengericht Koblenz von der Anklage des Tapetendiebstahls mangels ausreichenden Beweises freigesprochen worden. Mit Blick auf ein anderes Strafverfahren gegen den Telegrafenassistenten, das in den nächsten Tagen anstand, hieß es dann in dem Artikel des „Westdeutschen Beobachters“:

Wir nehmen nicht an, dass es in diesem Fall ebenso geht, wie es vor ein paar Jahren der Fall war, von dem wir leider erst heute erfahren. Damals schwebte gegen den Postbeamten (…) von Koblenz ein Verfahren wegen Tapetendiebstahls. (Er) wurde damals freigesprochen, weil er zu höheren Beamten des hiesigen Amtsgerichts aufgrund unserer Ermittlungen unbedingt intime Beziehungen gehabt haben muss. In dieser Annahme werden wir bestärkt durch einen Ausspruch (des Postbeamten) selbst, der besagt, dass er in einem späteren Verfahren, ungefähr ein Jahr nach dem famosen Freispruch, (…) dem Staatsanwalt ein Tischtelefon und dem Rechtsanwalt ein Fass Wein geschenkt hat. Wer beweist uns, dass er es in seiner Tapetendiebstahlsaffäre nicht ebenso gemacht hat? Sollten die Behauptungen (des Postbeamten) stimmen, dann hat das Wort eines hohen Gerichtsbeamten in Leipzig, nach dem die Justiz zu einer Dirne geworden sei, schon damals Geltung gehabt.

Am Schluss des Artikels hieß es dann:

(Der Postbeamte) hat mit plumpen Ausreden und Lügen vor Gericht sich rein zu waschen versucht. Das Gericht spricht den Dieb frei. Wieder ein Beweis, wie in diesem System mit zweierlei Maß gemessen wird.

In diesem Strafverfahren wurde Ley dann – wie gesagt – vom Amtsgericht in Köln zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Hiergegen legten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch Ley wegen des Strafmaßes Berufung ein. Diese wurde aber vom Landgericht Köln verworfen. Am 27. März 1931 wurde Ley dann auf dem Weg zu einer Propagandaveranstaltung der NSDAP in Köln-Deutz verhaftet. Selbst daraus schlug die Nazi-Presse noch Kapital und vermeldete unter der Überschrift „Pg. Dr. Ley in rücksichtsloser Weise verhaftet“ wie folgt:

Die Severing-Polizei wusste also zur Verhaftung unseres Pg. Ley keinen besseren Augenblick zu wählen, als die Zeit kurz vor einer Versammlung. Die Genossen werden sich wohl nicht einbilden, dass dadurch die Liebe jener Versammlungsbesucher zu dem roten Regime gestiegen ist!

Während Ley die Strafe verbüßte, drohte ihm eine weitere Gefängnisstrafe von drei Monaten, wenn er nicht die verhängte Geldstrafe in Höhe von 1.500 Reichsmark zahlen würde. Da Ley nicht nur im Gefängnis, sondern auch pleite war, musste er die Kassenverwaltung der Nazis bitten, diesen Betrag für ihn zu zahlen.

In dieser Situation erreichte Ley im Gefängnis aber immerhin folgender Brief aus München:

Lieber Herr Dr. Ley! Ich habe zu meinem großen Bedauern erfahren, dass Sie mitten aus der Arbeit heraus verhaftet worden sind und jetzt eine längere Gefängnisstrafe abbüßen müssen. Ich weiß selbst aus eigener Erfahrung, wie schwer so etwas zu ertragen ist. Ich sende Ihnen zu Ostern meine herzlichsten Grüße und hoffe, dass Sie die Last und Bedrängnis der Gefängnishaft gut überstehen. Mit deutschem Gruß! Ihr Adolf Hitler

Unter diesen Umständen kann man sich vorstellen, dass Ley 6 – 8 Wochen später, auf der Gautagung Ende Mai 1931 in Koblenz, gar nicht viel übrig blieb, als der Teilung des Gaues Rheinland zuzustimmen.

Trotz dieser Niederlage war Ley nicht am Ende. Immerhin konnte er an der Gautagung Ende Mai 1931 teilnehmen – war er doch Ende April entlassen worden, nachdem die Reichsleitung der NSDAP für ihn die Geldstrafe in Höhe von 1.500 Reichsmark gezahlt hatte und er deshalb die dreimonatige Gefängnisstrafe nicht verbüßen musste.

Ley machte dann erst einmal – wie er in Koblenz verkündete – Urlaub. Ab Herbst 1931 war Ley in der Reichsorganisation tätig, später – nach dem Rücktritt Gregor Strassers als Reichsorganisationsleiter und der Übernahme dieses Amtes durch Hitler selbst – wurde Ley Stellvertreter Hitlers in diesem Bereich.

Ley wurde aber nicht in dieser Funktion, die er bis zum Untergang des Dritten Reiches innehatte, sehr bekannt und mächtig – sondern vielmehr als Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF).

Die DAF ist von der Entstehung her das Produkt der Zerschlagung der Gewerkschaften. Schon sehr bald nach der sog. Machtergreifung der Nazis am 30. Januar 1933 entschied Hitler, die Gewerkschaften völlig zu zerschlagen. Diese hielten zwar einen strikten Legalitätskurs, der fast an Unterwerfung grenzte, aber vom Totalitätsanspruch der Nazis her konnten sie diese große und mitgliederstarke Organisation nicht neben sich dulden. Deshalb wurde im April 1933 ein „Aktionskomitee zum Schutze der deutschen Arbeit“ gebildet. Robert Ley wurde sein Leiter. Es bereitete handstreichartig die Ausschaltung der Gewerkschaften vor. Ehe es dazu kam, landeten die Nazis noch einen Propagandacoup. Ebenfalls im April 1933 erhoben sie den 1. Mai, den traditionellen Feiertag der Internationalen Arbeiter-klasse bzw. der Arbeiter allgemein, durch ein Reichsgesetz zum „Tag der nationalen Arbeit“ mit allgemeiner Arbeitsruhe und voller Lohnfortzahlung. Der Tag wurde mit großem Pomp gefeiert. In der abendlichen Hauptkundgebung in Berlin proklamierte Hitler das Ende aller Klassenunterschiede und die Volksgemeinschaft der „Arbeiter der Stirn und der Faust“.

Am folgenden Morgen, am 2. Mai 1933, besetzten SA und SS um 10.00 Uhr schlagartig im gesamten Reichsgebiet die Einrichtungen und Büros der Gewerkschaften und nahmen Funktionäre in „Schutzhaft“. - Übrigens auch hier in Koblenz, u.a. davon betroffen war der Gewerkschafter und Unterbezirksvorsitzende der SPD Johann Dötsch. Es wurde auch das immense Gewerkschaftsvermögen beschlagnahmt. Nutznießer wurde die am 10. Mai 1933 gebildete Deutsche Arbeitsfront (DAF) und Robert Ley, der ihr Leiter wurde.

Es begann, wenn Sie so wollen, der Kampf um den deutschen Arbeiter. Hitler und seine Leute waren ja nicht entscheidend durch die Arbeiter an die Macht gekommen, sondern vielmehr durch die bürgerlich-mittelständischen Schichten. Von daher mussten die Nazis die Mehrheit der deutschen Arbeiter erst noch gewinnen. Deutlich wird dies in einem Aufruf Leys vom 2. Mai 1933 an die deutschen Arbeiter. Darin hieß es:

Wir treten heute in den zweiten Abschnitt der nationalsozialistischen Revolution ein…. Gewiss, wir haben die Macht, aber wir haben noch nicht das ganze Volk, Dich, Arbeiter, haben wir noch nicht hundertprozentig, und gerade Dich wollen wir, wir lassen Dich nicht, bis Du in aufrichtiger Erkenntnis restlos zu uns stehst.

Was Ley und die DAF konkret machen sollten, wusste Ley zunächst selbst nicht. Später, 1937, gab er zu:

Ich kam als blutiger Laie dahin, und ich habe mich wohl damals am meisten gewundert, weshalb ich mit diesem Auftrag betraut wurde. Es ist nicht so gewesen, dass wir ein fertiges Programm hatten, das wir hervorholen konnten und an Hand dieses Programms die Arbeitsfront aufbauten, sondern ich bekam den Auftrag des Führers, die Gewerkschaften zu übernehmen, und dann musste ich weiter schauen, was ich daraus machte.

Zunächst hatten viele noch die Idee, die Gewerkschaften in der DAF aufgehen zu lassen und aus der DAF eine gewerkschafts-ähnliche Organisation zu machen. Bald verwarf man aber diese Konzeption und wollte aus der DAF etwas ganz Großes machen: Die DAF sollte eine gigantische Organisation werden – eine Organisation der schaffenden Deutschen „der Stirn und der Faust“. Sie sollte praktisch alle Deutschen umfassen und entscheidend dazu beitragen, ein wesentliches Ziel der Nazis zu erreichen: eine wirkliche Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen. Oder weniger pathetisch ausgedrückt: Die DAF sollte die Sozial- und Wirtschaftspolitik des jungen Dritten Reiches entscheidend beeinflussen.

Im Herbst 1933 wusste Ley in einer Rede vor Funktionären der DAF schon eher, was die DAF wollte und sollte. Ley verkündete:

Ich fühle mich nicht als Führer der Arbeitsfront, als Arbeitervertreter… Ich fühle mich als der politisch Beauftragte des Führers, als Stabsleiter der Parteiorganisation, der mit dieser speziellen Aufgabe betraut wurde, den Schutt und den Dreck und das Chaos, das durch die marxistischen und liberalistischen Parteien der Vergangenheit in die Betriebe hineingeworfen worden war, auszurotten und die Menschen wieder zusammen zu bringen und sie marschieren zu lassen.

Und zur gleichen Zeit formulierte er die Aufgabe der DAF auch noch staatsbejahender und erklärte:

Während der alte Staat ein Nachtwächterstaat war, ist unser Staat ein Erziehungsstaat, ein Pädagoge, ein väterlicher Freund. Er lässt Menschen nicht los von der Wiege bis zum Grabe…. Und so fangen wir schon beim Kinde von drei Jahren an; sobald es anfängt zu denken, bekommt es schon ein Fähnchen zu tragen. Alsdann folgt die Schule, die Hitler-Jugend, die SA, der Wehrdienst. Wir lassen den Menschen nicht los, und wenn das alles vorbei ist, kommt die Arbeitsfront und nimmt die Menschen immer wieder auf und lässt sie nicht mehr los bis zum Grabe, mögen sie sich auch dagegen wehren!

Auf dieser Linie lag auch ein – nach langen, schweren Verhandlungen – von Ley am 27. November 1933 mit dem Reichsarbeitsminister Seldte, dem Reichswirtschaftsminister Schmidt und Hitlers Beauftragten für Wirtschaftsfragen Keppler unterzeichneter „Aufruf an alle schaffenden Deutschen“. Darin wurde praktisch anerkannt, dass die DAF keine Supergewerkschaft und keine Vertreterin der Arbeiterschaft im Dritten Reich war, sondern eine Massenorganisation von Arbeitnehmern und Arbeitgebern, die sich der Erziehung und Betreuung, d.h. der Integration der Arbeiter in das Regime widmen würde, und zwar so, dass die Arbeitgeber weitgehend zufrieden gestellt wurden.

Was die DAF ihrer (Rechts-)Natur war, blieb bis zuletzt unklar. Eine Definition lautete: Sie ist weder eine juristische Person des privaten noch eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, sondern eine juristische Person des öffentlichen Rechts eigener Art.“ Ein anderes Mal hieß es: „Die DAF … ist als nationalsozialistische Gemeinschaft Trägerin von Rechten und Pflichten. Sie besitzt Rechtsfähigkeit und untersteht dem Führer.“

An der Spitze der DAF stand Ley als Führer bzw. als Leiter. Ihm unterstand ein Zentralbüro, das in verschiedene Arbeitsbereiche – Ämter – gegliedert war. Diesen Reichsdienststellen waren entsprechende Ämter auf der Gauebene nachgeordnet, und diesen „Gauwaltungen“ wiederum Kreis- und Ortswaltungen. Die unterste Ebene bildete der DAF-Straßenblock, der ca. 40 – 60 Haushalte umfasste. Entsprechend war die Betriebsorganisation gegliedert. Hier bildeten die einzelnen Betriebsgemeinschaften die unterste Ebene, die bei Großbetrieben noch in Betriebszellen und Betriebsblöcke unterteilt wurden. Vielfach gab es Personalunionen zwischen dem NSDAP-Funktionär und dem DAF-Amtswalter, so war beispielsweise der NSDAP-Kreisleiter öfter auch DAF-Kreiswalter.

Die DAF beschäftigte ein Korps von ca. 44.000 hauptamtlichen Funktionären und hunderttausende von ehrenamtlichen Mitarbeitern. Die DAF verfügte über Einnahmen, die dreimal so hoch waren wie die der NSDAP. Im September 1939 waren von insgesamt 25,3 Millionen Arbeiter und Angestellte rund 22 Millionen Mitglieder der DAF. Die Mitgliedschaft in der DAF war im Prinzip freiwillig, aber es gab einen enormen Druck, in die DAF einzutreten. Ley sagte einmal:

Wer nicht mitmarschieren will in unserer Mitte, dem wollen wir so lange auf die Haxen treten, bis er marschiert. Entweder bleibt er am Wegrand liegen, oder er marschiert mit. In unserer Mitte können wir nur Männer und Frauen dulden, die vorwärts und nicht rückwärts marschieren.

Es gehörte zu den Eigentümlichkeiten und Widersprüchlichkeiten der DAF, dass sie nicht nur sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer umschloss und auch eine sehr wichtige NSDAP-Organisation war, die gegenüber den deutschen Arbeitern Sozialpolitik betreiben wollte, sondern dass sie zugleich ein gigantischer Wirtschaftskonzern war. Ley herrschte über ein Imperium, das Baufirmen, Versicherungsgesellschaften, Verlage, eine Automobilfabrik, Konsum-Einzelhandelsgeschäfte, Banken und verschiedene Trägergesellschaften umfasste.

Diese Wirtschaftsunternehmen hatte er zum Teil von den ehemaligen Gewerkschaften übernommen, zum Teil erwarb er sie in seiner ideologischen Begeisterung, um das deutsche Volk zu erziehen und zu betreuen. Zu der letztgenannten Sparte gehörten „Volksprodukte“ wie der „Volksempfänger“, der „Volkskühlschrank“ oder auch der „Volkswagen“. Der Volkswagen war das bekannteste und repräsentativste dieser „Volksprodukte“. Hitler und Ley träumten von einem Volkswagen für weniger als 1.000.- RM. Ley nahm sich der Sache an und Ferdinand Porsche war der technische Leiter. Im August 1938 verkündete Ley:

(Dieser Kleinwagen werde) zu den größten sozialen Werken aller Zeiten und aller Länder gehören. Der Volkswagen ist das ureigenste Werk des Führers. Der Führer lebte und arbeitete täglich mit an diesem seinem Lieblingsgedanken… Es ist des Führers Wille, dass innerhalb weniger Jahre mindestens 6.000.000 Volkswagen auf deutschen Straßen fahren. In zehn Jahren jedem schaffenden Deutschen einen Volkswagen – das sei unser Ziel.

Zur Erreichung dieses Ziels erfand Ley den berühmten Ratensparplan für den Volkswagen. Schließlich sparten mehr als 300.000 Deutsche auf den Volkswagen. Sie legten jede Woche 5 Mark für ihren Wagen beiseite, getreu dem Motto: „Fünf Mark pro Woche musst Du sparen, willst Du im eigenen Wagen fahren!“ Obwohl von den Bestellern schon 60.000 das Auto bereits vollständig bezahlt hatten, hat keiner von ihnen einen Volkswagen erhalten. Schon bald nach der Eröffnung des Werkes in der „Stadt des KdF-Wagens“ Wolfsburg wurde das Werk auf Rüstungsproduktion umgestellt und ab 1939 wurden ausschließlich Kübelwagen für die Wehrmacht produziert. Die deutschen Sparer hatten aber 280 Millionen RM angespart. Das Geld ruhte auf einer Bank der DAF, ohne dass dafür Zinsen gezahlt worden wären.

Ley lebte in Saus und Braus und finanzierte sich einen großartigen Lebensstil. So besaß er verstreut über ganz Deutschland eine Anzahl Villen, die alle in exklusiven Wohngegenden lagen und reichlich mit Dienstpersonal ausgestattet waren. Er besaß mehrere Autos, darunter einen PS-starken Mercedes. Um stilvoll reisen zu können, ließ er auch einen Eisenbahnwagen für sich umrüsten und durch die DAF hatte er Zugang zu mehreren Flugzeugen, mit denen er häufig zu seinem Landgut flog. Inzwischen hatte sich Ley nämlich in seiner Heimat, in der Nähe des Städtchens Waldbröl, ein Landgut zugelegt – das Landgut Rottland. Er ließ es gar zum nationalsozialistischen Erbhof erklären und hatte damit Großes vor. Als sein Verwalter ihm einige Verbesserungsvorschläge machte, erklärte ihm Ley dazu:

Ihr Vorschlag war nicht schlecht, und wenn ich noch der kleine Ley wäre, hätte es so gehen können. Aber der bin ich nicht mehr. Ich muss hier etwas Schönes, architektonisch Schönes erstehen lassen. Eines Tages wird der Führer mit auf den Hof kommen, um sich meinen Privatbesitz einmal anzusehen. Was würde er sagen, wenn ich hier engherzig und kleinlich verfahren würde und wenn ich diesen Umbau nicht zu einem Symbol nationalsozialistischer Macht und Größe ausgestalten würde?

Über Leys Trunksucht gibt es zahlreiche Berichte. Der wohl peinlichste Vorfall ereignete sich im Jahr 1937 beim Besuch des Herzogs und der Herzogin von Windsor. Sie waren offiziell Gäste der DAF, Ley musste als Gastgeber fungieren. Der betrunkene Ley bestand darauf, am Steuer seines großen Mercedes das hohe Paar durch die Arbeitersiedlung eines Betriebes bei München zu chauffieren. Ein Augenzeuge berichtete hierüber:

Er fuhr mit seinem Wagen durch das verschlossene Tor und raste dann mit voller Geschwindigkeit die Straße der Siedlung hinauf und hinunter; die Arbeiter erschraken natürlich zu Tode, und einige wurden beinahe überfahren. Am nächsten Tag bat Hitler Göring, den Besuch des Herzogs zu übernehmen, bevor Ley ihn umbringe.

Gestatten Sie mir in diesem Zusammenhang noch eine Bemerkung zur Heuchelei des NS-Regimes. Während Ley solche Alkoholeskapaden pflegte und im Volksmund den Spitznamen „Reichstrunkenbold“ hatte, war es eben dieser Dr. Robert Ley, der im Jahr 1939 die Aktion „Halte Dich gesund durch Abstinenz“ eröffnete und die offizielle Losung ausgab: „Mäßigung ist nicht genug…Wir müssen auch in der Abstinenz radikal sein.“

Leys Prunksucht, die der Görings nur wenig nachstand, und seine Korruption nahmen solche Ausmaße an, dass der Vorsitzende des Obersten Parteigerichts Hitler schließlich im Jahr 1938 aufsuchte, ihm umfangreiches Belastungsmaterial gegen Ley vorlegte und dessen Absetzung forderte. Hitler brüllte ihn aber an und warf ihn hinaus.

Im selben Jahr ließ sich Ley von seiner ersten Frau scheiden und heiratete die Sopranistin Inge Spilker, die junge, schöne und bezaubernde Tochter des Opernsängers Max Spilker. Aus dieser zweiten Ehe Leys gingen dann noch drei Kinder hervor. Leys Eheleben war wohl sehr schwierig. Er konnte roh und grausam, ja geradezu vulgär sein. Bei Abendessen in seinem Hause muss es das eine oder andere Mal ganz schlimm zugegangen sein. Einmal kam es wohl dazu, dass Ley seiner Frau die Kleider vom Leib zu reißen versuchte, damit die Gäste ihren herrlichen Körper bewundern könnten. Leys Frau sagte einmal: „Er behandelte mich schamlos. Ich bin überzeugt, eines Tages bringt er mich noch um“. Tatsächlich erschoss sich Inge Ley am 29. Dezember 1942 nach einem belanglosen Streit mit ihrem Mann.

Ich kann nicht das Thema DAF verlassen, ohne hier noch zwei Bereiche anzusprechen.

Das eine ist die Berufsausbildung. Ley war die Berufserziehung sehr wichtig und er sah in ihr eine Voraussetzung für den industriellen Aufstieg Deutschlands. Schon 1934 verkündete er:

Deutschland wird dann wieder seine Weltgeltung in wirtschaftlicher Hinsicht erobern, wenn es ihm gelingt, höchste Qualitätsarbeit zu schaffen. Das verlangt aber, den Deutschen zum besten Facharbeiter auszubilden. Die deutsche Arbeitsfront will diese hohe Aufgabe dadurch lösen, dass sie einmal ein Berufsschulwesen für die Jungarbeiter auf neue Grundlagen stellt.

Die DAF organisierte hierfür nicht nur ein gewaltiges organisatorisches Netzwerk, das 1936 aus 400 Lehrwerkstätten bestand, das 25.000 Berufsschullehrer beschäftigte und an dem 2,5 Millionen Arbeiter Kurse bei der DAF besucht hatten. Eine weitere Idee war der „Reichsberufswettkampf“, der in der damaligen jungen Bevölkerung einen nachhaltigen Eindruck hinterließ. Das war eine Art „Berufsolympiade“. Unter der Aufsicht der DAF gab es Wettkämpfe in 19 Sparten, d.h. in den meisten Wirtschaftsbereichen, wie z.B. Bergbau, Banken und Versicherungen, Landwirtschaft, Textilindustrie usw. Das begann im Februar auf Ortsebene. Die Ortssieger nahmen dann im März an den Gauwettbewerben, die Gausieger im April am Endwettkampf auf Reichsebene teil. Die Teilnehmer wurden in drei Bereichen geprüft: in der beruflichen Leistung (sowohl theoretisch als auch praktisch), in weltanschaulicher Zuverlässigkeit und im Sport. Es gab 10 Leistungsklassen, eingeteilt nach Facharbeitern und ungelernten Arbeitern sowie nach dem jeweiligen Lehrjahr bzw. Berufsjahr. – Nach dem großen Erfolg dieser „Reichsberufswettkämpfe“ erweiterte die DAF diese Wettkämpfe auf Betriebe und kreirte den „Leistungskampf der deutschen Betriebe“. Die Sieger aus diesen Wettkämpfen wurden als „Nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet.

Der zweite Bereich war der überaus erfolgreiche und ganz berühmte Bereich „Kraft durch Freude“ (KdF). Die Idee dazu stammte nicht von Ley, aber er griff sie auf und entwickelte sie zu einer riesigen Organisation. Ley propagierte diese Konzeption mit den Worten:

Wir müssen die ganze freie Zeit nach der Arbeit ausbauen zu einem gigantischen Werk; es wird das größte sein, was diese Revolution vielleicht hervorbringt.

„Kraft durch Freude“ war nicht eine allgemeine Menschenbeglückungsstrategie, sondern hatte eine ganz konkrete Funktion bei der Stabilisierung und dem Ausbau des NS-Regimes. Schon 1933 stellte Ley dazu fest:

Diese Organisation (soll) die Langeweile des Menschen bannen. Aus der Langeweile entspringen dumme, hetzerische, ja letzten Endes verbrecherische Ideen und Gedanken. Dumpfer Stumpfsinn bringt den Menschen zum Grübeln, gibt ihm das Gefühl der Heimatlosigkeit, mit einem Wort. das Gefühl absoluter Überflüssigkeit. Nichts ist gefährlicher für einen Staat als das.

Die KdF sollte sich mit fünf Lebensbereichen des arbeitenden Menschen befassen. Erstens sollte sie den Arbeitsplatz angenehmer und attraktiver machen; dazu gehörte auch die Verschönerung der Dörfer, die als Arbeitsplätze der Bauern galten. Zweitens sollte sie durch Radio, Kunst und Folklore den Feierabend gestalten. Drittens sollte sie im Bereich der Erwachsenenbildung und der Freizeitbeschäftigung eine beherrschende Rolle spielen. Viertens sollte sie die sportlichen Aktivitäten überwachen. Und fünftens und letztens sollte sie Urlaubsreisen organisieren.

Das bekannteste und erfolgreichste dieser Projekte war das fünfte, die Urlaubsreisen. Das war für die Arbeiter ganz neu, die meisten von ihnen hatten bisher ihren Urlaub noch nie fern von zu Hause verbracht. Da organisierte die KdF für sie Wochenendreisen an den Rhein und an die Mosel und auch mehrtägige Aufenthalte an der Nordsee. Ley propagierte besonders die Romantik der Kreuzfahrten auf hoher See. Diese Fahrten wurden zunächst mit der „Wilhelm Gusthoff“ und dann später mit der „Robert Ley“ durchgeführt. Bei Kriegsausbruch besaß die KdF 12 Schiffe. Beliebte Ziele waren die norwegischen Fjorde und Madeira sowie verschiedene italienische Häfen. Dieses gigantische Freizeit- und vor allem Reiseprogramm wurde dann im Zuge des Zweiten Weltkrieges aus verschiedenen Gründen immer weiter eingeschränkt und kam schließlich ganz zum Erliegen. Diese Entwicklung zeigt exemplarisch, dass die Bedeutung der DAF und damit auch ihres Leiters Ley selbst durch den Zweiten Weltkrieg in einem Kernbereich der bisherigen Tätigkeiten wesentlich abnahm.

Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges durch Hitler am 1. September 1939 weckte in Ley wieder den Geist der „Kampfzeit“ – den Kampfgeist der zwanziger Jahre in Köln, aber auch in Koblenz, in Nastätten und anderswo, den Geist des „Westdeutschen Beobachters“. Weiterhin war für ihn „der Jude“ der Erzfeind und im Laufe des Krieges – vor allem nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion – kam der „Bolschewismus“ hinzu. In einer Rede unmittelbar nach der Schlacht von Stalingrad konnte man von Ley hören:

Werdet fanatische Hasser gegenüber dem Juden, der den Bolschewismus geboren, die wilden bolschewistischen Bestien gezüchtet und sie jetzt auf die europäische Kultur losgelassen hat.

Auch solche Reden konnten nichts daran ändern, dass der Stern Leys und der DAF im Krieg immer mehr sank. Die KdF-Vergnügungsdampfer wurden jetzt immer mehr für Soldaten benötigt – erst zu ihrer Erholung, dann als Lazarettschiffe. Auch den Volkswagen gab es nicht – jedenfalls nicht als ziviles Fahrzeug. Zudem gab es im Reich immer weniger deutsche Arbeiter – weil diese immer zahlreicher als Soldaten in den Krieg eingezogen wurden. Stattdessen nahm die Zahl der ausländischen Arbeiter, der Zwangsarbeiter, zu. Für diese – aus der Sicht der Nazis – ohnehin schwierigen Arbeiter waren aber nicht entscheidend die DAF und Ley zuständig, sondern vielmehr der Gauleiter von Thüringen Fritz Sauckel, den Hitler 1942 zum „Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz“ der Zwangsarbeiter ernannte.

Immer häufiger kam es auch vor, dass Ley mit seinen Reden selbst die Nazis nervte und sich selbst desavouierte. Ein Beispiel ist seine Rundfunkrede zum Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Obwohl auch zu dieser Zeit das deutsche Offizierskorps noch aus vielen Adligen bestand und die Nazis und andere mit diesen noch den Zweiten Weltkrieg gewinnen wollten, giftete Ley in seiner Rede gegen die Verschwörer, hinter denen er jüdische Bolschewiken und englische Lords vermutete, und führte aus:

Degeneriert bis in die Knochen, blaublütig bis zur Idiotie, bestechlich bis zur Widerwärtigkeit und feige wie alle gemeinen Kreaturen, das ist die Adelsclique, die der Jude gegen den Nationalsozialismus vorschickt…Dieses Geschmeiß muss man ausrotten, mit Stumpf und Stiel vernichten… Es genügt nicht, die Täter allein zu fassen… Man muss auch die ganze Brut ausrotten.

Unterdessen kamen die Alliierten immer näher. Ley war zuletzt noch am 20. April 1945 im Bunker der Reichskanzlei, wohin sich Hitler mit seinen letzten Treuen zurückgezogen hatte. Ley wünschte seinem „Führer“ noch alles Gute zum Geburtstag. Einige Tag später brach Ley nach Süden auf, um angeblich den Widerstand in der Alpenfestung zu organisieren.

Am 15. Mai 1945 wurde Ley von amerikanischen Truppen in einem oberbayerischen Versteck gefangen genommen. Er trug einen blauen Schlafanzug, einen grünen Tirolerhut und hatte sich seit Tagen nicht mehr rasiert. Er gab sich als Dr. Ernst Distelmeyer aus, wurde dann aber schnell identifiziert. Mit anderen NS-Führern, die als Kriegsverbrecher vor Gericht gestellt werden sollten, brachte man Ley alsbald in das Gefängnis nach Nürnberg. Dort wurde er verhört. Aus den Verhören stammt noch folgende Aussage Leys:

Ich möchte jetzt sagen, dass der Führer einer der größten Männer war, die jemals lebten. Und ich möchte gleichzeitig sagen, dass der positive Aspekt, die positive Seite unserer Ideen etwas vom Größten war, das Menschen jemals erdachten. Aber was uns zerbrach (nicht nur äußerlich, sondern innerlich), das war unser Willensethos…. Und unser Antisemitismus. Diese beiden waren letztlich unser Verderben.

Ley war der Auffassung, man könne ihm keine schweren Verbrechen nachweisen. Er verteidigte sich damit, nie einen Juden angeklagt, gefoltert, eingesperrt oder enteignet zu haben. Auch habe er keinen Einfluss auf die Konzentrationslager und auf Himmler gehabt. Auch habe er nicht das Vermögen irgendeines Juden erworben. Er habe lediglich in seinen Schriften eine aggressive Sprache verwendet, das tue ihm aber heute leid.

Dann kam aber die Anklageschrift im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, die ihn als Kriegsverbrecher beschuldigte. Dies traf ihn schwer. Wenige Tage später gab er dazu zu Protokoll:

Sie mögen mich töten… mögen mit mir machen, was sie wollen. Ich gebe mich geschlagen. Ich leide nicht an falscher Einbildung. Ich akzeptiere mein Schicksal. Ich bin jedoch kein Verbrecher… Ich bin ein Nationalsozialist, aber ich bin kein Verbrecher.

Am 25. Oktober 1945 – noch vor Beginn des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses gelang es Ley, sich in seiner Zelle zu erhängen. Zuvor hatte Ley noch folgendes von sich gegeben:

Ich bin zutiefst überzeugt, dass in dieser größten aller Revolutionen, von der ein Amerikaner voraussagt, dass sie um das Jahr 2500 beendet sein werde, in diesem Ringen um die Erkenntnis der Rassen und ihre Behauptung in dem ewigen Suchen nach dem wahren Menschentum und damit in der Errichtung des gerechten Sozialismus, der nordische Mensch – ob deutsch, englisch oder amerikanisch – Sieger bleiben wird. Deutschland bezahlt seinen Ruhm mit schwerstem Leid, Adolf Hitler mit seinem Tod, und wir Jünger werden ihm folgen. Das Schicksal alles Großen.

Der einzige Mithäftling Leys, der zu dessen Selbstmord einen Kommentar abgab, war Göring. Er sagte ungerührt: „Gut, dass er tot ist! Ich hatte sowieso meine Zweifel, wie er sich vor Gericht benehmen würde.“

 

 

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