Foto: Holger Weinandt (Koblenz, Germany) 12.07.2011  Lizenz cc-by-sa-3.0-de

Die zweite Begleitveranstaltung fand am Donnerstag, dem 21. Januar 2010, um 19.00 Uhr statt. Es war ein Zeitzeugengespräch, das Joachim Hennig mit dem Mayener Zeugen Jehovas Heinz Schürmann über die Verfolgung der Familie Schürmann in der NS-Zeit führte.

Abschließend noch eine Bilderstrecke vom Zeitzeugengespräch mit Heinz Schürmann
(größeres Bild mit klick auf die Thumbnails)

Im ersten Bild Zeitzeuge Heinz Schürmann aus Mayen beim Gespräch im Historischen Rathaussaal in Koblenz.


Schließlich gab es am Montag, dem 1. Februar 2010, um 19.00 Uhr eine Veranstaltung ganz besonderer Art: Die Präsentation der Arbeit einer Schülerin für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten 2008/09 zum Thema „Helden“, mit der sie einen Zeugen Jehovas porträtiert hat. Mit dieser Arbeit über die „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas - sowohl in der NS-Zeit als auch in der DDR - ist die Schülerin Ann-Jacqueline Frieser vor kurzem 3. Bundessiegerin geworden. Ann-Jacqueline berichtete über ihre Motivation für diese Arbeit sowie deren Entstehung und Folgen. Ergänzt wurde die Präsentation durch einen einführenden Vortrag des Rechtshistorikers Dr. Hans-Hermann Dirksen in die weithin unbekannte „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas.

Lesen Sie HIER die Anmoderation, die Joachim Hennig zu dieser Veranstaltung gab:

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

namens des Fördervereins Mahnmal für die Opfer des National-sozialismus in Koblenz und unserer Kooperationspartner – der Zeugen Jehovas in Koblenz und der Stadt Koblenz – begrüße ich Sie sehr herzlich. Ich freue mich sehr, dass Sie so zahlreich zu unserer letzten Veranstaltung in diesem Rahmen gekommen sind. Es ist die dritte Begleitveranstaltung zur Ausstellung „Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime“. Diese Ausstellung haben wir am 13. Januar hier in dem Historischen Rathaussaal eröffnet. Dann hatten wir am 18. Januar die erste Begleitveranstaltung mit einem Filmabend. Noch in derselben Woche folgte hier an gleicher Stelle das Zeitzeugengespräch mit Herrn Heinz Schürmann aus Mayen. In der letzten Woche begingen wir dann den Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar mit einer Statio am Mahnmal auf dem Reichensperger Platz und der Gedenkveranstaltung in der City-Kirche mit dem anschließenden Besuch der Ausstellung hier. Heute nun beschließen wir die Veranstaltungen mit der dritten Begleitveranstaltung zur Ausstellung. Die Ausstellung selbst ist noch bis zum Donners-tag, dem 4. Februar 2010, hier im Rathaus zu besichtigen. Wer es noch nicht ausführlich getan hat, ist dazu sehr herzlich eingeladen. Aus organisatorischen Gründen – wegen des aufwendigen Abbaus – kann sie entgegen der früheren Ankündigung nur noch bis zum Donnerstag einschließlich hier gezeigt werden. Bitte informieren Sie eventuelle Interessenten darüber. Immerhin wird die Ausstellung dann hier in diesem würdigen Rahmen drei Wochen lang zu sehen gewesen sein.

Unsere heutige Veranstaltung ist etwas ganz Besonderes. So etwas hatten wir noch nicht in unserer langjährigen Gedenkarbeit – und auch von anderen Veranstaltungen werden Sie so etwas wohl nicht kennen. Umschrieben ist es mit dem Thema: „Vortrag und Präsentation zur ‚Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas’“. Das ist korrekt – aber vielleicht sagt Ihnen das nicht viel. Deshalb möchte ich es Ihnen kurz erklären. – Verstehen kann man das – wie vieles überhaupt – nur aus der Geschichte. Und auch diese Veranstaltung hat eine Vorgeschichte.

Vor etwas mehr als einem Jahr erhielt ich einen Telefonanruf einer Schülerin aus Wittlich. Es war die Schülerin Ann-Jacqueline Frieser. Sie wollte an dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten „Helden: verehrt – verkannt vergessen“ des Jahres 2008/-09 teilnehmen. Dabei war sie mit Frau Lydia Rickal in Kontakt gekommen. Frau Rickal ist die Tochter der Eheleute Fritz und Liesbeth Michaelis. Das waren Zeugen Jehovas aus Neuwied, die während der NS-Zeit schwere Verfolgung erlitten hatten. Die Schülerin – selbst Zeugin Jehovas – rührte das Schicksal der Familie Michaelis an und beschloss, ihre Arbeit für den Geschichtswettbewerb über diese Familie Michaelis und mit und über Frau Rickal als Zeitzeugin zu schreiben. Hierzu gab Frau Rickal der Wittlicher Schülerin noch den Tipp, sich doch an mich zu wenden. Denn ich hatte vor einigen Jahren einen Aufsatz über die Familie Michaelis veröffentlicht. Mein Kontakt zu Frau Rickal war übrigens durch die erste Präsentation der „Standhaft“-Ausstellung in Koblenz vor 9 Jahren zustande gekommen.

Natürlich habe ich mich sehr gefreut, als sich die Schülerin vor mehr als einem Jahr an mich mit der Bitte um Hilfe gewandt hat. Gern wollte ich ihr helfen und ihr Unterlagen zur Verfügung stellen. Ich machte sie aber darauf aufmerksam, dass ich ja vor einigen Jahren selbst eine Arbeit über die Michaelis geschrieben hätte – und der Stoff demnach nicht mehr so neu war. Ich empfahl ihr, das Schwergewicht der Arbeit auf das Schicksal der Familie nach der Befreiung vom Nationalsozialismus zu legen. Denn schon bald danach, in der Frühphase der DDR, begann eine zweite Verfolgung der Zeugen Jehovas – ihre Verfolgung in der DDR. Diese sei – so ich weiter - noch weitgehend unerforscht und die „Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas“ ein sehr interessantes Thema. Die Schülerin sah das auch so, war aber der Meinung, dass die Familie Michaelis, also Frau Rickal, so früh aus der DDR hat fliehen können, dass anhand ihres Lebensweges die „Doppelverfolgung“ nicht recht aufgezeigt werden könne.

Nun, da fügte es sich, dass ich vor einigen Jahren einen Rechtshistoriker kennen gelernt hatte, der der Spezialist auf dem Gebiet der „Doppelverfolgung“ ist. Sein Name ist Dr. Hans-Hermann Dirksen. Ann-Jacqueline Frieser empfahl ich den Kontakt mit ihm und stellte ihr bei ihm eine sehr gute Unterstützung für ihre Arbeit in Aussicht.

Das ist der Anfang der Geschichte der heutigen Veranstaltung.

Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, Ihnen hier an meiner Seite die von mir erwähnten Personen - live, wie es so schön heißt - vorstellen zu können. Das ist der Rechtshistoriker Hans-Hermann Dirksen. Herr Dr. Dirksen, Sie haben in Kiel Rechtswissenschaften studiert und im Jahre 1991 Ihr erstes juristisches Staatsexamen und im Jahr 1994 Ihr zweites juristisches Staatsexamen abgelegt. Sie haben sich dann als Rechtsanwalt niedergelassen – nicht weit von hier in Westerburg. Zugelassen waren Sie beim Landgericht in Koblenz. Koblenz und Umgebung sind Ihnen von seiner Berufstätigkeit her gut bekannt. Während Ihrer Anwaltstätigkeit haben Sie Ihre Doktorarbeit geschrieben und wurden 1999 an der Universität in Greifswald promoviert. Ihre Promotion arbeitete die Verfolgungs-geschichte der Zeugen Jehovas in der DDR grundlegend auf und wurde „mit höchstem Lob“ ausgezeichnet – man nennt das „summa cum laude“ – besser geht es nicht. In der Folgezeit waren und sind Sie als Rechtsanwalt und rechtsberatend tätig. Das Thema Ihrer Dissertation hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Es hat Sie zu Vorträgen und Forschungsprojekten in das In- und Ausland geführt. In den letzten Jahren haben Sie sich verstärkt mit der Situation kleinerer Religionsgemeinschaften in Osteuropa beschäftigt. Herr Dr. Dirksen, Sie sind damit der Spezialist zum Thema „Doppelverfolgung der Zeugen Jehovas“. Hierüber haben Sie schon wiederholt Vorträge gehalten in England, in der Schweiz, in Polen und in anderen Ländern. Heute sind Sie bei uns in Koblenz zu Gast. Wir freuen uns sehr und sagen Ihnen, lieber Herr Dirksen, ein ganz herzliches Willkommen hier in Koblenz.

Zunächst begrüße ich ganz herzlich die Wittlicher Schülerin. Es ist Ann-Jacqueline Frieser. Sie ist aus der Eifel mit ihren Eltern hierher gekommen. Auch Dir, Ann-Jacqueline, und Deinen Eltern ein ganz herzliches Willkommen hier in Koblenz. Ich erinnere mich noch gut, als wir uns vor gut einem Jahr zum ersten Mal sprachen. Da fragte ich, soll ich „Sie“ oder „Du“ sagen. Du sagtest: „Ich bin 16 Jahre alt. Da kann man noch ‚Du’ sagen.“ - Dabei ist es jetzt geblieben.

Wer richtig gerechnet hat, weiß inzwischen, dass Du, Ann-Jacqueline, 17 Jahre alt bist. Geboren bist Du in Donaueschingen. Im Alter von fünf Jahren zogst Du mit Deinen Eltern, die wie Du heute Zeugen Jehovas sind, nach Estland. Dort gingst Du zur Schule, lerntest Estnisch perfekt und entdecktest auch noch Deine Liebe zur Musik. Du spielst seitdem Blockflöte und hast das Spielen mittelalterlicher Musikinstrumente gelernt. Spezialisiert bist Du auf mittelalterliche, Renaissance- und Barock-Musik. Im Jahr 2002 kehrte Deine Familie mit Dir nach Deutschland zurück. Seitdem lebt Ihr in Wittlich Du besuchst dort das Cusanus-Gymnasium. Zurzeit stehst Du im Abitur, den schriftlichen Teil hast Du gerade hinter Dir. Und das Mündliche hast Du dann so im März noch vor Dir. Zwischen diesen Terminen hast Du gerade noch einen Termin für uns hier frei gehabt. Schön, dass das so geklappt hat. - Erwähnen möchte ich noch, dass Du eine „bewährte Wettkämpferin“ bist – wenn ich das so sagen darf. Schon in Estland hast Du an verschiedenen Estnisch-, Mathematik- und Teamolympiaden teilgenommen. Dann gewannst Du in Wittlich mit einem Gedicht den Einzelpreis im Kreativwettbewerb „Apokalyptische Reiter“. Und schließlich hast Du mit großem Erfolg an dem Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten teilgenommen. Mehr möchte ich jetzt aber nicht verraten. Dir, liebe Ann-Jacqueline, hier in Koblenz ein herzliches Willkommen.

Wir drei hier haben uns so verabredet, dass zunächst Herr Dr. Dirksen einen Vortrag über die „Doppelverfolgung“ der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit und in der DDR halten wird. Danach wird Ann-Jacqueline Frieser über ihre Arbeit und den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten erzählen. Dabei wird sie auch einige besonders wichtige Punkte ihrer Arbeit herausstellen. Und dann – denke ich – wird sie auch noch erzählen, was diese Arbeit für sie persönlich bedeutete und bedeutet und vielleicht auch noch, was sie sich sonst noch so mit ihren 17 Jahren vorgenommen hat.

Ganz zum Schluss werden wir vielleicht sogar noch Gelegenheit zu Nachfragen an unseren Experten und unsere Expertin haben. – Mal sehen, wie es wird. Ich bin sehr gespannt – und hoffe, Sie alle sind es auch.

Jetzt ist aber von meiner Seite Schluss. Lieber Herr Dr. Dirksen, Sie haben das Wort und das Mikrofon.

Sehen Sie HIER noch dazu passend eine kleine Bilderstrecke:

 

 

Gedenkveranstaltungen am 27. Januar 2010.

Wie es inzwischen schon Tradition geworden war, fanden am Gedenktag selbst wieder die Statio am Mahnmal und die Gedenkstunde mit christlich-jüdischem Gebet statt.

Lesen Sie HIER das Programm zu den beiden Veranstaltungen.

Lesen Sie auch die Artikel über die Gedenkveranstaltungen

in der Rhein-Zeitung vom 28. Januar 2010,

im Koblenzer LokalAnzeiger „Schängel“ vom 3. Februar 2010

und in der Heimatzeitung „Blick aktuell“ vom 6. Februar 2010.

 

 

nach oben